Vorwurf der Zwangsprostitution

Landgericht Bremen spricht Angeklagten frei

Er soll eine Frau vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen haben: Schwere Vorwürfe gegen einen 36-Jährigen. Letztlich waren die Zweifel an den Aussagen der Frau aber stärker. Der Mann wurde freigesprochen.
10.07.2019, 13:23
Lesedauer: 3 Min
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Landgericht Bremen spricht Angeklagten frei
Von Carolin Henkenberens
Landgericht Bremen spricht Angeklagten frei

Das Landgericht verhandelte am Mittwoch, 10. Juli, im Fall des Vorwurfs der Zwangsprostitution und Vergewaltigung.

CARMEN JASPERSEN

Die Vorwürfe wogen schwer: Ein 36 Jahre alter Nigerianer soll eine Frau zur Prostitution gezwungen, sie geschlagen und vergewaltigt haben. Zehn Zeugen hörte das Gericht an: mehrere Polizisten, den Freund des mutmaßlichen Opfers, die Ehefrau des Angeklagten, einen Bekannten, eine vorherige Mitbewohnerin und das mutmaßliche Opfer selbst. Doch letztlich ließen sich keine Beweise für die Schuld des Angeklagten finden. Stattdessen taten sich erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der mutmaßlich Geschädigten auf.

Deshalb lautete das Urteil: Freispruch. Im Zweifel für den Angeklagten. Damit folgte das Gericht den Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung.

Das mutmaßliche Opfer, eine in Bremen lebende Frau aus Nigeria, hatte vor Gericht eine umfassende Aussage gemacht. So erzählte sie laut Richterin, wie sie 2006 auf Druck ihrer Familie ihre westafrikanische Heimat verließ und zunächst in Italien lebte. Dort ging sie möglicherweise der Prostitution nach. 2015 kam sie nach Bremen. Ob der Angeklagte dabei eine Rolle spielte, ließ sich nicht rekonstruieren. Zunächst kam die Frau mit ihrem Freund bei einer anderen Frau unter, später dann in der Wohnung des Angeklagten. Dieser warf das Paar Ende April 2017 nach einem Streit aus der Wohnung. Dabei soll es darum gegangen sein, dass der Freund die Vaterschaft für ein Kind der Ehefrau des Angeklagten anerkennen wollte – möglicherweise aus aufenthaltsrechtlichen Gründen.

Bei der Polizei sagte die Frau aus Nigeria aus, der 36-Jährige habe ihr seit September 2015 gedroht, ihre in Afrika lebende Familie umzubringen, wenn sie sich nicht für ihn prostituiere. Damit habe sie Schulden für ihre Schleusung begleichen sollen. Außerdem habe sie der Angeklagte regelmäßig geschlagen und am 19. April 2017 vergewaltigt. Auch soll er sie mit einem Messer bedroht haben.

Der Angeklagte bestritt sämtliche Vorwürfe von Anfang an. Ihm drohten bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Gefängnis. Vor der Urteilsverkündung am Mittwoch sagte er: „Ich weiß nicht, was sie da sagt.“ Er sagte, er sei noch nie festgenommen worden. Er bedankte sich bei den Anwesenden, tupfte mit einem Tuch seine Augen. Seine Verteidigerin, Rita Pulliam, verwies darauf, dass ihr Mandant zur Tatzeit der angeblichen Vergewaltigung in Spanien gewesen sei und dies habe belegen können. Sie warf der mutmaßlich Geschädigten vor, sich die Vorwürfe nur ausgedacht zu haben. „Es ist für uns nicht klar, warum jemand so etwas macht“, sagte Pulliam – äußerte aber einen Verdacht. Sie betreue nun seit 40 Jahren Afrikaner, sie lebten hier in einer „Parallelwelt“ und es würden öfter „schlimme Dinge produziert, um den Aufenthalt in irgendeiner Form sicher zu stellen.“

Bei einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation gelte es, die Vorwürfe besonders sorgfältig zu prüfen, betonte die vorsitzende Richterin Maike Wilkens. „Die Nebenklägerin stand durch den Rauswurf auf der Straße und musste befürchten, dass sie das Land verlassen muss“, sagte Richterin Wilkens. Damit hatte die Frau theoretisch ein Motiv für eine Falschbelastung. Dies müsse aber nicht bedeuten, dass sie wirklich falsche Behauptungen gemacht habe.

Sie begründete das Urteil damit, dass es keine objektiven Beweismittel gebe, die die Vorwürfe der Frau stützten. Die Frau habe in zwei entscheidenden Punkten nachweislich die Unwahrheit gesagt. So hatte sie ihr Verhältnis zur Ehefrau des Angeklagten nicht zutreffend dargestellt. Sie hatte angegeben, die Ehefrau nicht gut zu kennen – Aussagen einer Zeugin und ein gemeinsames Foto widerlegten dies aber. Auch hatte die Frau vor Gericht ihre Beziehung zu ihrem Freund nicht korrekt dargelegt und angegeben, ihn erst später kennengelernt zu haben. Der Freund habe die Sache mit der Vaterschaft erst auf Nachfrage angesprochen.

„Deswegen können wir uns nicht sicher sein, dass die Vorwürfe stimmen. Es spricht viel dafür, dass sie nicht stimmen“, resümierte die Richterin. Das mutmaßliche Opfer, das als Nebenklägerin auftrat, war bei der Urteilsverkündung nicht im Gericht. Sie kann gegen das Urteil Berufung einlegen. Bis dahin ist es noch nicht rechtskräftig.

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