Handgreiflichkeiten im Gerichtssaal

Landgericht schiebt Urteil im Valentin-Prozess auf

Schreie und Handgreiflichkeiten - mit einem Tumult endete der 15. Verhandlungstag gegen die Werder-Ultras Valentin S. und Wesley S. Ein Urteil wird es, anders als geplant, nicht vor Ende Juni geben.
01.06.2016, 12:15
Lesedauer: 4 Min
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Landgericht schiebt Urteil im Valentin-Prozess auf
Von Ralf Michel
Landgericht schiebt Urteil im Valentin-Prozess auf

Im Landgericht kam es beim Prozess um den Ultra Valentin S. zu Tumulten.

Christina Kuhaupt

Schreie und Handgreiflichkeiten - mit einem Tumult endete der 15. Verhandlungstag gegen die Werder-Ultras Valentin S. und Wesley S. Ein Urteil wird es, anders als geplant, nicht vor Ende Juni geben.

Auslöser für den Tumult war die Entscheidung des Gerichts, anders als vorgesehen doch noch kein Urteil zu verkünden. Dafür war dem Gericht die Zeit am Mittwoch zu sehr fortgeschritten. Das Gericht könne jetzt nicht ohne Weiteres ein Urteil aus dem Handgelenk schütteln, zu viel sei noch zu beraten, erklärt der Vorsitzende Richter Manfred Kelle am Nachmittag nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigern. Das Urteil soll nun am nächsten Verhandlungstag gesprochen werden – am 28. Juni.

Was im Zuschauerraum, wo sich wie an jedem Prozesstag die Sympathisanten der Angeklagten eingefunden hatten, für Unruhe sorgt. Bedeutete dies doch für Valentin S. auf jeden Fall einen weiteren Monat in Untersuchungshaft, egal wie am Ende das Urteil ausfällt. Einer der Zuschauer schimpft derart lautstark und anhaltend gegen das Gericht, dass der Vorsitzende Richter die Polizisten im Zuschauerraum auffordert, die Personalien des Mannes festzuhalten. Doch dagegen setzt sich dieser handgreiflich zur Wehr. Die Polizisten gehen massiver zur Sache, mehrere andere Ultras rücken nach. „Das nennt Ihr Demokratie“, brüllt ein älterer Herr die Polizisten an.

Staatsanwalt fordert dreieinhalb Jahre Haft für Valentin S.

Dann klettert auch noch Rechtsanwalt Jan Sürig über das Geländer zum Zuschauerraum und beschwert sich von dort laut schreiend beim Richter über das Vorgehen der Polizei. Für einen kurzen Moment droht die Lage außer Kontrolle zu geraten, doch dann beruhigt sich Situation. Die Zuschauer verlassen den Gerichtssaal, auch die Polizei rückt ab.

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Valentin S. hat von alldem nichts mitbekommen. Den haben die Sicherheitskräfte längst aus dem Gerichtssaal geführt. Am Dienstag hat er seinen 22. Geburtstag in Untersuchungshaft verbracht. Und geht es nach dem Staatsanwalt, dann wird er auch die nächsten Geburtstage hinter Gittern verbringen. Dreieinhalb Jahre Jugendhaft fordert er in seinem Plädoyer. Der Vertreter der Anklage sieht sämtliche Anklagevorwürfe im Wesentlichen als bestätigt an. In sieben Fällen habe Valentin S. gefährliche Körperverletzungen begangen, habe auf seine Opfer eingetreten und -geschlagen, in einem Fall mit einem faustgroßen Stein einen Menschen verletzt. Bei Aufmärschen der Ultras gegen Fans anderer Fußballvereine sei Valentin S. stets in der vordersten Reihe zu finden – aggressiv, provozierend, „geradezu Gewalt suchend“.

"Tief verwurzelte Überzeugung von der Legitimität von Gewalt gegen Naziszene"

Eine Reihe der ihm vorgeworfenen Straftaten hat der Angeklagte gestanden. Doch auch in den anderen Fällen gab es aus Sicht der Staatsanwaltschaft so viele Zeugenaussagen, Fotos, Videos und Indizien, dass zwingend von der Täterschaft Valentin S. auszugehen sei.

Zu bestrafen sei der Angeklagte nach dem Jugendstrafrecht, sagt der Staatsanwalt. Valentin S. war zur Tatzeit 19 oder 20 Jahre alt, und einiges spreche dafür, dass sein Reifeprozess auch heute noch nicht abgeschlossen sei. Andererseits gehe es keinesfalls nur um bloße Gelegenheitstaten eines Jugendlichen. Valentin S. sei immer wieder völlig skrupellos und mit roher Gewalt vorgegangen. Dies sei völlig inakzeptabel und auch nicht dadurch zu rechtfertigen, dass sich seine Gewalt meistens gegen Mitglieder der rechtsradikalen Szene richtete.

Diese „tief verwurzelte Überzeugung von der Legitimität von Gewalt“ gegen die Nazi­szene bestimme auch heute noch das Denken des Angeklagten. Von Umdenken, Einsicht oder alternativen Verhaltensmustern keine Spur. Daher die Forderung nach einer so langen Jugendstrafe, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

Wesley S. hat Chance auf Bewährung

Für Wesley S. dagegen sieht der Staatsanwalt diese Chance: Ein Jahr und fünf Monate Haft auf Bewährung wegen zweimaliger gefährlicher Körperverletzung sowie dem Besitz von sechs unerlaubten Böllern aus Polen lautet hier der Antrag. Allerdings attestiert der Anklagevertreter auch ihm eine „äußerst feige und brutale Vorgehensweise“.

Horst Wesemann, Verteidiger von Valentin S., unterteilt die Straftaten, die seinem Mandanten zur Last gelegt werden, in drei Kategorien. Drei Taten hat er gestanden. Bei weiteren dreien – allesamt Überfälle auf Träger von Kleidungsstücken, die der rechtsradikalen Szene zugeordnet werden – sei er freizusprechen. Hier habe es keine eindeutige Identifizierung gegeben, sondern im Gegenteil widersprüchliche Zeugenaussagen. In den verbliebenen drei Fällen habe ihn sein Mandant darum gebeten, „nicht weiter das Haar in der Suppe zu suchen“, erklärt Wesemann und plädiert insgesamt auf eine Jugendstrafe auf Bewährung.

Jan Sürig fordert, Wesley S. wegen mangelnden Tatverdachts freizusprechen. Aber es wäre nicht der Valentin-Prozess, wenn es dies schon gewesen wäre im Gerichtssaal 218. Natürlich gibt es auch am Mittwoch wieder Vorwürfe der Verteidigung gegen die „auf dem rechten Auge blinde“ Justiz und Polizei. Wesemann spricht von einer Vielzahl von Besonderheiten, die diesem Verfahren ihren Stempel aufgedrückt hätten. Sürig sattelt wie immer noch drauf, mutmaßt, dass dieser Prozess im negativen Sinne Rechtsgeschichte schreiben werde.

Lauter Nebelkerzen für die Staatsanwaltschaft. Im Gerichtssaal gehe es nicht um links und rechts oder gut und böse, auch nicht um Verbalattacken und Verleumdungen, sondern einzig und allein um die Wahrheitsfindung: „Haben sich die beiden Angeklagten strafbar gemacht?“

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