Bremen und seine reichen Kaufleute hatten schon vor 1939 handfeste Interessen nördlich der Lesum Landnahme

Im nächsten Jahr gehört Blumenthal seit 75 Jahren zu Bremen. Wie berichtet, möchten Blumenthaler um den Ortsamtsleiter Peter Nowack aus diesem Grund eine Feier auf dem Gelände der Gedenkstätte Bahrsplate machen. Das hagelt scharfe Kritik. Für DIE NORDDEUTSCHE ist das Anlass, einen Blick in die Geschichte zu werfen und zu schauen, wie Bremen sich schon vorher in der Region breit machte.
02.02.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulf Fiedler

Im nächsten Jahr gehört Blumenthal seit 75 Jahren zu Bremen. Wie berichtet, möchten Blumenthaler um den Ortsamtsleiter Peter Nowack aus diesem Grund eine Feier auf dem Gelände der Gedenkstätte Bahrsplate machen. Das hagelt scharfe Kritik. Für DIE NORDDEUTSCHE ist das Anlass, einen Blick in die Geschichte zu werfen und zu schauen, wie Bremen sich schon vorher in der Region breit machte.

Bremen-Nord. Bei der Eingemeindung der Nordbremer Ortschaften 1939 glaubten die Nazigrößen an die Einmaligkeit ihrer Entscheidung. Im Kontext der Geschichte allerdings enttarnt sich das Geschehen als wenig spektakulär. Historisch folgt diese Landnahme einer kontinuierlichen Entwicklung.

Die Neigung Bremens, sich Territorium nördlich der Stadt anzueignen, hat eine jahrhundertealte Tradition. 1436 erwarb die Stadt Bremen das damalige Amt Blumenthal, ein etwa vier Kilometer breites Gebiet von der Lesummündung bis nach Neuenkirchen mit Amtssitz auf der Burg Blomendal. Das Territorium blieb bis 1741, also über 300 Jahre, in stadtbremischen Besitz. Auf Blomendal residierten mehrere Bremer Bürgermeister. Die kostbar bemalten Decken mit dem Bildnis des Bürgermeistes Erich Hoyer von 1571 bezeugen die Wertschätzung des Anwesens. 1677 hätte der Bremer Rat gern auch das Gut Schönebeck erworben "... um die wenigen Intraden (Einkünfte) des Rats aufzubessern ... gleich des Amtes Blomendal Intraden."

Eine Anzahlung von 3000 Talern war bereits geleistet, als die damals zuständigen schwedischen Regierungsstellen den Handel strikt verboten.

Auch danach stand der Norden im Fokus stadtbremischer Interessen. Wohlhabende Bremer Kaufleute siedelten in St. Magnus und Lesum auf dem hohen Lesumufer bis hin nach Leuchtenburg und Wollah. Sie nannten die Landschaft ebenso unbekümmert wie besitzergreifend Bremer Schweiz. Dabei handelte es sich keinesfalls um schlichte Baugrundstücke. Vielmehr erwarben sie in der Regel parkähnliche Grundstücke von erheblichem Umfang.

Als einer der ersten ist 1790 in St. Magnus der Bremer Kaufmann Andreas Gottlieb Kulenkampff als Bauherr nachgewiesen. Er trug den beziehungsreichen Beinamen "Der Goldene". 1858 erfahren wir von einem Gustav Kulenkampff, der sich ebenfalls am Lesumufer einkaufte, warum er diesen Ort gewählt hatte: "Weil die Gegend um Oberneuland mir ohne Wasser nicht gefiel. Mir sagt hier diese gänzliche Ruhe so recht zu und die frische Wasserluft erquickt mich."

So ähnlich mochte Ferdinand Dreyer gedacht haben, als er 1863 ein Areal von 39 Morgen in Lesum erwarb. Wohl am bekanntesten ist der Baron Ludwig Knoop. 1860 kaufte er ein umfangreiches Gelände am Ufer der Lesum.

Knoop zählt zu den Bekannteren

Knoop war in Russland durch die Industrialisierung der Spinnerei und Weberei und den Bau von 122 entsprechenden Fabriken mehr als wohlhabend geworden. Die Sommerferien verbrachte der Industrielle mit seiner Familie auf dem Landgut Mühlenthal. Als er das Gelände gekauft hatte, ließ er sich von dem Architekten Gustav Runge ein Schloss im Tudorstil erbauen. Hier wohnte die Familie seit 1871. Den Park ließ Knoop von Wilhelm Benque im englischen Stil anlegen. Die Menschen profitieren heute noch von den großzügigen Parkanlagen.

Sein unmittelbarer Nachbar war Hermann Melchers.1882 kauft Melchers von den Erben der Familie Walte das Grundstück "Heinrichsburg". Er erweiterte das Areal um mehrere Parzellen. Das Sommerhaus wurde ebenfalls großzügig ausgebaut und erhielt den Namen "Villa Lesmona".

Zumeist waren die Bauherren leidenschaftliche Landschaftsgärtner, die ihren Lebensraum auch außerhalb der Wohnung selbst gestalten wollten. Ein treffliches Beispiel biete das heutige Friedehorst-Gelände. Hier hatte ursprünglich der Bremer Konsul Theodor Lühmann einen umfangreichen Park angelegt. Bei der Teilung des Geländes wurde das nördliche Gebiet zum Bau von Kasernen genutzt. Auf einem weiteren Teilstück konzipierte der Architekt Gildemeister die Siedlung "Lehnhof". Ein Fragment des ehemals Lühmannschen Parks ist noch erhalten.

Der Bremer Reeder und Konsul Oltmann Thyen erwarb 1883 ein etwa hundert Morgen großes Gelände in Blumenthal. Für 60000 Goldmark ließ er sich ein prächtiges Schloss darin bauen. Die üppigen Parkanlagen ließ er von einem Zaun umgeben. Über Wätjens Park wurde bereits zum 200. Geburtstag Christian Wätjens berichtet.

Fasst man alle vom Bremer Geldadel erworben Parks und Grundstücke zusammen, so kann man bereits im 19. Jahrhundert getrost von einer friedlichen Landnahme sprechen.

Auch auf dem Gebiet der Industrialisierung und Infrastruktur waren Bremer Interessen weit vor der Eingemeindung deutlich weserabwärts nach Norden gerichtet. Bremer Kapital ermöglichte 1893 die Gründung der Werft "Bremer Vulkan AG" in Vegesack. Das gleiche gilt für die Gründung der "Bremer Woll-Kämmerei" 1884 in Blumenthal. Der Ausbau der Farge-Vegesacker Eisenbahn diente ebenfalls überwiegend den von Bremen gegründeten Industriebetrieben. In Burgdamm hergestellte Zigarren kamen unter dem Namen "Bremer Zigarren" in den Handel.

Historisch verbürgt ist mit diesem Streifzug die bremische Identität des Bremer Nordens weit vor 1939 und die Eingemeindung nur ein Nachvollzug historischer Interessen der Hansestadt.

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