Landwirt Cord Meyer

Kämpfer mit klarer Kante

Cord Meyer führt seit 25 Jahren Klangens Hof in Bötersen. Auf die Politik und den Bauernverband ist er nicht gut zu sprechen. Deshalb engagiert er sich nun bei den Freien Bauern, und dabei spricht er Klartext.
31.08.2020, 15:24
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Kämpfer mit klarer Kante
Von Marc Hagedorn

Bötersen. Es ist kurz nach Weihnachten, als sich Cord Meyer hinsetzt und einen Brief schreibt. Je länger er seine Gedanken hin- und herbewegt, je mehr Sätze er formuliert, desto tiefer geraten die Einblicke in seine Seele. „Gedanken eines Landwirtes zum neuen Jahr“ überschreibt Meyer seinen Brief, adressiert an die „sehr geehrte Frau Ministerin Otte-Kinast“. Meyer findet, dass es allerhöchste Zeit für eine direkte Botschaft an Niedersachsens Landwirtschaftsministerin ist. Auf vier eng bedruckte DIN-A-4-Seiten ist das Schreiben am Ende angewachsen und gipfelt in einem düsteren Ausblick. „Ich sehe den sozialen Frieden im ländlichen Raum in Gefahr“, schließt Meyer. Dann schickt er den Brief ab.

Cord Meyer, 54, ist ein Baum von einem Mann. Groß, kräftig, Bart. So einen, denkt man, kann so schnell nichts umhauen und aus der Ruhe bringen. Seit 25 Jahren führt er im Ortsteil Höperhöfen der Gemeinde Bötersen (Landkreis Rotenburg) Klangens Hof, den letzten Bauernhof im Ort von einst 23 Betrieben, die seit den 60er-Jahren aber nach und nach dicht gemacht haben. Meyer will nicht dicht machen. Er ist mit Leib und Seele Bauer, hat den Betrieb vom Vater übernommen und will weitermachen, bis einer der Söhne ihn in fünf Jahren ablöst. Das ist der Plan. Deshalb kämpft er um eine Zukunft für seinen Berufsstand. Und deshalb auch der Brief an die Ministerin.

Agrarpaket, Düngeverordnung, Klimagesetz, Insektenschutz, Glyphosatverbot – Deutschlands Landwirte haben genug von immer neuen Vorschriften, Auflagen und Forderungen. „Wir sind die Prügelknaben der Nation“, sagt Meyer, „es geht immer schön auf die Fresse der Bauern.“ Meyer ist nicht nur groß und kräftig, sondern auch meinungsstark. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, zeigt „klare Kante“, wie er sagt. Damit eckt er an, etwa wenn er fordert, Wölfe abzuschießen, weil dies aus seiner Sicht der einzig wirksame Schutz für die Herden ist. „Ich weiß jetzt schon, was passiert, wenn dieser Artikel über mich im WESER-KURIER erscheint“, sagt Meyer, „ich bekomme dann mindestens drei Drohbriefe.“

Er spricht trotzdem mit der Zeitung, weil er gehört werden will. Von denen, die sonst in seinem Namen auftreten, fühlt er sich nicht mehr angemessen repräsentiert. Zum Beispiel vom Bauernverband, die größte und mächtigste Interessensvertretung der Landwirte in Deutschland. Meyer ist vor zehn Jahren ausgetreten. Die Arbeit des Landvolkes vor Ort, sagt Meyer, schätze er. Aber dem Bundesvorstand und dem Präsidium des Gesamtverbandes wirft er vor, nur noch „Everybody’s Darling“ sein zu wollen, weil er zu viele Interessen bediene. Zum Bauernverband gehören Biobauern und konventionelle Landwirte, kleine Betriebe und große Konzerne.

Schon näher ist ihm da eine Basisbewegung wie „Land schafft Verbindung“. Dieser lockere Zusammenschluss von Landwirten hatte im vergangenen Jahr maßgeblich für die Bauernproteste in der ganzen Republik gesorgt, Treckerdemos und Mahnfahrten organisiert. Meyer hat anfangs bei „Land schafft Verbindung“ mitgemacht, aber auf Dauer hält er die Struktur nicht für schlagkräftig genug. Die Ernüchterung kam, als Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende des Jahres als Reaktion auf die Proteste zum Runden Tisch ins Kanzleramt geladen hatte. „39 Organisationen durften kommen und sich 180 Minuten lang austauschen“, sagt Meyer und schüttelt den Kopf, „39 Organisationen, drei Stunden“, in seinen Augen „ein Witz“.

Meyer setzt jetzt auf die Freien Bauern, hervorgegangen aus dem Bauernbund Brandenburg. Sie haben inzwischen 1120 Mitglieder bundesweit, rund 100 davon in Niedersachsen. Meyer will die Freien Bauern in Niedersachsen etablieren. Freie Bauern, das sind Familienbetriebe. „Wir haben eigene Flächen und eine gute Ausbildung“, sagt Meyer, „und das macht einen guten Bauern aus.“ Bei den Freien Bauern ist kein Platz für Agrarmanager und Industrievertreter, für Berufsfunktionäre und Parteipolitiker, „bei uns sind die, die nach Gülle und Maschinenöl riechen“, heißt es aus der Bundesgeschäftsstelle.

Die Freien Bauern sehen sich als frei in ihren Gedanken und Bestrebungen, aber gefangen in einem System, das es ihnen nicht erlaubt, allein von dem zu leben, was sie mit ihren Händen und Maschinen produzieren. Gefangen in einem System, das familiäre Betriebe nur deshalb überleben lässt, weil sie mit Abermillionen subventioniert werden. Sie wollten aber gar nicht subventioniert werden, sagt Meyer. Die sogenannte „Bauernmilliarde“ etwa, auf die sich die Große Koalition Anfang des Jahres zur Unterstützung der Landwirte geeinigt hatte, lehnt Meyer ab. „Wir wollen nicht auf die Gunst der politischen Entscheider angewiesen sein“, sagt er, „sondern wir wollen eine angemessene Entlohnung für unsere Arbeit und unsere Produkte.“

Meyer sagt, er habe nichts gegen Naturschutz, aber berufsmäßigen Naturschützern misstraut er. Er findet es zum Beispiel ein Unding, dass der Nabu einerseits gemeinsam mit dem Landvolk, der Politik und den Bauern den sogenannten „Niedersächsischen Weg“ für mehr Natur- und Artenschutz ausarbeitet, parallel aber ein Volksbegehren vorantreibt, das den gefundenen Kompromiss überflüssig machen würde. „Wir Landwirte sind selbst die besten Naturschützer“, sagt Meyer, „wir haben ein ureigenes Interesse daran, dass es unseren Tieren und den Böden gut geht. Schließlich ist das unsere Lebensgrundlage.“ Auf seinem Hof, sagt er, gebe es noch heute einen funktionstüchtigen Brunnen aus dem Jahr 1747, für ihn ein Beweis dafür, wie nachhaltig seine Familie seit vielen Generationen wirtschaftet.

Klangens Hof, den Meyer verantwortlich seit 1995 führt, hat sich über die Jahre verändert. Angefangen haben er und seine Frau als typischer Gemischtbetrieb mit 30 Milchkühen, 30 verkauften Mastbullen, 700 verkauften Mastschweinen, 20 Hühnern sowie Acker- und Grünlandflächen. Danach haben sie sich auf die Jungsauenaufzucht spezialisiert und 2007 eine Biogasanlage in Betrieb genommen. Als Ferkelerzeuger, sagt Meyer, habe man heute in Deutschland aber keine Zukunft mehr, und ob mit Biogasanlagen, einst politisch gewünscht und gefördert, in den nächsten Jahren noch Staat zu machen ist, bezweifelt er ebenfalls.

Deshalb hat er sich in den vergangenen Jahren ein paar Nischen geschaffen. Meyer hält inzwischen Masthähnchen, Freilandschweine und 800 Legehennen in Mobilställen. Er schlachtet seit zwei Jahren auch selbst und vermarktet die Produkte direkt an die Verbraucher. Jetzt gibt es Schweinebauch von Klangens Duroc, Keulchen von Klangens Weidehähnchen, Frikassee vom Huhn oder Geschnetzeltes vom Weideschwein auf Wochenmärkten und im Hofautomaten direkt an der Straße. Meyer hofft, dass der Betrieb so eine Zukunft hat.

Einfach darauf verlassen, mag er sich aber nicht. Dafür ist er zu oft enttäuscht worden. Eine Antwort auf seinen Brief zum Beispiel hat er von der Ministerin nie bekommen. Also nimmt er die Sache jetzt wieder selbst in die Hand. Ab diesem Sonntag tagt in Koblenz die EU-Agrarministerkonferenz. Meyer wird dort sein, gemeinsam mit seinen Kollegen will er den Politikern vor Ort die Meinung geigen.

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Zur Sache

Der Verlust der politischen Heimat

Jahrzehnte lang war die Sache klar: Die Mehrheit der Bauern in Deutschland wählt die CDU. Hat Cord Meyer auch gemacht, er war mehrere Jahre lang Parteimitglied, inzwischen aber ist er es nicht mehr. „Die CDU vertritt nicht mehr das, was für unsere ländlichen Räume und unsere Branche wichtig ist“, sagt Meyer. Wie er denken inzwischen offenbar mehrere. In Sachsen hat das bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr dazu geführt, dass erstmals mehr Landwirte die AfD wählten als die CDU, 34 Prozent zu 33 Prozent. Meyer sagt, dass die AfD für ihn keine Alternative sei und auch die Kollegen, die er kennt, „sind weit davon entfernt, nach rechts abzurutschen. Aber viele sind enttäuscht und wütend.“ Meyer selbst wirft der CDU und mehr noch der SPD vor, den Grünen nachzulaufen, um grüne Themen zu besetzen.

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