Roboter für die Rüben Wie die Robotik die Feldarbeit verändern soll

Die Ansprüche an Landwirte wachsen. Effizient muss sie sein, dazu umweltschonend, gern auch öko und regional. Um das leisten zu können greifen immer mehr Bauern auf Roboter und digitale Geräte zurück.
26.08.2021, 06:39
Lesedauer: 5 Min
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Wie die Robotik die Feldarbeit verändern soll
Von Marc Hagedorn

Die Szene hat ein bisschen was von einem Science-Fiction-Film. Bis zum Horizont erstreckt sich der braune Acker, an eine Mondlandschaft erinnert das Feld. Kein Mensch zu sehen, dafür aber hoch technisiertes Gerät. Wie eine vierbeinige Spinne wirkt das Fahrzeug, das gleichmäßig und bedächtig seine Bahnen zieht, immer auf und ab, Furche für Furche.

Auf Videos im Internet ist die Zukunft der Landwirtschaft schon zu besichtigen. Die großen Hersteller von Landmaschinen, aber auch innovative Start-ups investieren große Summen und jede Menge Knowhow in die Entwicklung neuer Techniken. Roboter, so die Vorstellung, werden über kurz oder lang fester Bestandteil in der Landwirtschaft sein. Sie säen, jäten und hacken. Der Mensch muss wenig dafür tun, so ähnlich wie man es von Mährobotern kennt, die in immer mehr deutschen Gärten zum Einsatz kommen.

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Wenn Jobst Gödeke in Niedersachsen übers Land fährt, sieht er von Robotern, die links und rechts der Straßen auf den Feldern die Arbeit des Menschen erledigen noch nichts. Und Gödeke kommt viel herum im Land. Der ausgebildete Landwirt ist Leiter des Praxislabors Digitaler Ackerbau. Wenn neue Techniken auf den Markt kommen, gehören Gödeke und sein kleines Team zu den ersten Anwendern, die diese Maschinen im Alltag testen. „Die Robotik ist in der Landwirtschaft auf dem Vormarsch“, sagt Gödeke, „aber wir befinden uns noch am Anfang.“

Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Effizient muss sie sein, damit die Bauern von ihrer Arbeit leben können. Umweltschonend muss sie sein, weil Politik und Naturschützer es verlangen, für den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln gelten immer schärfere Auflagen. Regional und gern auch öko sollen die Lebensmittel sein, wenn es nach einer steigenden Zahl der Verbraucher geht. Der Umsatz mit Biolebensmitteln hat 2020 um 22 Prozent zugelegt.

Ansprüche an die Landwirtschaft wachsen

„Die Ansprüche an uns Landwirte wachsen“, sagt Gödeke, „Robotik kann ein Baustein für die Art von Landwirtschaft sein, die sich die Gesellschaft vorstellt.“ Die neuen Maschinen arbeiten äußerst präzise, das schont Umwelt und Ressourcen, auch Kosten für Dünger, Saatgut und Treibstoff sinken. Laut einer Umfrage des Fachmagazins „Agrarheute“ gehen 82 Prozent der Landwirte davon aus, dass in Zukunft Maschinen Feldarbeit autonom durchführen werden.

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Für Frank Gefken ist „in Zukunft“ ein sehr dehnbarer Begriff. Für den Moment ist er zurückhaltend. „Landwirtschaft 4.0 machen wir schon lange, aber Roboter…“, sagt Gefken, der ein Lohnunternehmen in Lilienthal führt. Sein imposanter Maschinenpark umfasst unter anderem 17 Traktoren, drei große Häcksler, Sämaschinen, Grubber, Mulcher und Eggen. Alle Fahrzeuge sind mit GPS, Bordcomputern und Monitoren ausgestattet. Fast schon erinnert die Fahrerkabine eines Treckers heutzutage an das Cockpit eines Flugzeuges, so viel Technik. Lenkungssysteme sorgen dafür, dass der Schlepper auf dem Acker automatisch und zentimetergenau die Spur hält. Gefken arbeitet mit Ertrags- und Düngekarten, alle wichtigen Flächenkoordinaten und Daten zu den Feldern, die er bestellt, sind in einer Cloud gespeichert. Die Digitalisierung ist längst in der Landwirtschaft angekommen.

Aber ob der nächste Schritt, etwa die Ernte durch Roboter kommt? „Das stelle ich mir schwer vor“, sagt Gefken. Wenn er wie kürzlich in Grasberg bei einem Kunden auf einer Fläche von 250 Hektar Gras ernten soll, bekommt er dafür maximal eineinhalb Tage Zeit, zwei Häcksler und acht Abladewagen setzt er ein. „Wie sollen die Roboter, die man in den Werbefilmen immer sieht, wie sollen diese kleinen Dinger das hinkriegen?“, fragt er, „wie viele Roboter bräuchte ich überhaupt dafür? Mit Sicherheit mehrere.“ Und was wird das kosten?

Kosten spielen entscheidende Rolle

Tatsächlich spielen die Kosten eine entscheidende Rolle; gerade für kleine Höfe, für Familienbetriebe, die nach dem Willen der Verbraucher und der Politik das Rückgrat einer nachhaltigen Landwirtschaft bilden sollen. An dieser Stelle kommen Gödeke und sein Team vom Praxislabor ins Spiel. „Wir versuchen vorab herauszufinden, ob die neue Technik vielversprechend ist“, sagt Gödeke, „Fehleinkäufe können sich kleine Betriebe nicht leisten.“ Auch mit der Kompatibilität der Systeme der unterschiedlichen Hersteller ist es oft nicht weit her. Das kann beim Anwender schnell zu Frusterlebnissen führen.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Netzsicherheit, die gerade in der ländlichen Region nicht überall gegeben ist. Gödeke erzählt gern die Geschichte eines befreundeten Kollegen, der einen Roboter auf seinen Feldern nahe der A7 im Einsatz hat. Irgendwann einmal staute sich der Verkehr auf der A7, nichts ging mehr, die Autofahrer hatten viel Zeit und zückten ihr Handy, um sich die Wartezeit zu verkürzen. Die Folge: Das Netz war überlastet, der Roboter stellte von jetzt auf gleich seinen Dienst ein.

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Das sollte aber natürlich nicht passieren, denn das raubt dem Roboter einen Vorteil, den er gegenüber der menschlichen Arbeitskraft hat: Ein Roboter kennt keinen Feierabend. Überhaupt wird es für die Betriebe immer schwieriger, Arbeitskräfte für die Feldarbeit beispielsweise im personalintensiven Rübenanbau zu gewinnen, in Zeiten von Corona erst recht. Für Befürworter der Robotik, ein weiteres Argument auf die Technologie zu setzen.

Auch Gödeke ist für Innovationen. Er erinnert an den Melkroboter, der schon in den 1980er-Jahren entwickelt und zunächst sehr kritisch betrachtet wurde. Heute zählt er in einem modernen Kuhstall quasi zur Grundausstattung. Gödeke sagt: „Wir brauchen diese Pioniere, die etwas ausprobieren, die Neues entwickeln, die nicht stehen bleiben wollen.“ Die Möglichkeiten der Robotik, findet er, beginnen gerade erst, sich zu entfalten.

Zur Sache

Ein 900 Jahre alter Zukunftsort

Die Domäne Schickelsheim ist ein geschichtsträchtiger Ort. Seit 900 Jahren wird auf dem Gelände bei Königslutter im östlichen Niedersachsen Landwirtschaft betrieben. Zwischen Feldern, Wiesen und Bäumen ist in historischen Gemäuern mit den Jahren ein Zukunftsort entstanden.

Auf der Domäne hat unter anderem das Praxislabor Digitaler Ackerbau der Landwirtschaftskammer Niedersachsen seit etwas mehr als einem Jahr seinen Sitz. Ein kleines Team  erprobt hier fachübergreifend modernste Maschinen und Anwendungssoftware unter realen Einsatzbedingungen auf dem Feld. „Wir testen und machen die Fehler, damit die Landwirte sie nicht mehr machen müssen“, sagt Teamleiter Jobst Gödeke schmunzelnd. Auch an die Hersteller gibt das Praxislabor Rückmeldung, weist auf Macken hin.

Zur Ausstattung des Praxislabors, das vom Landwirtschaftsministerium mit einer Million Euro und bis 2026 gefördert wird, zählt auch ein ganz besonderer Truck. 14 Meter lang und sieben Meter breit ist der umgebaute Sattelauflieger, mit dem das Praxislabor zu Schulungszwecken durchs Land tourt. Der Truck fährt zu Messen, hält vor Bildungshäusern oder direkt am Feldrand. Der Unterricht findet unter freiem Himmel statt oder im 40 Quadratmeter großen Seminarraum auf dem Truck. Gödeke sagt: „Wir bringen die Technik zu den Landwirten.“

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