Interview mit einer Bremer Sexarbeiterin

„Man will mich arbeitslos machen“

Das Thema Bordelle treibt aktuell viele Bremer um, weil es Verbindungen zu den „Hells Angels“ gibt. Darunter leiden Sexarbeiterinnen, sagt Lara Freudmann, die unter diesem Pseudonym im „Haus 9“ tätig ist.
14.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Man will mich arbeitslos machen“
Von Joerg Helge Wagner
„Man will mich arbeitslos machen“

Wir sind nicht hilflos, und keine dummen Mädchen vom Dorf, sagt Sexarbeiterin Lara Freudmann.

Andreas Arnold/DPA

Frau Freudmann, Sie bezeichnen sich als Sexarbeiterin, nicht als Prostituierte. Was macht für Sie den Unterschied aus?

Lara Freudmann: Wenn mich jemand als Prostituierte bezeichnet, tut mir das weh. Ich arbeite wie alle anderen. Deswegen spreche ich von Sexarbeit. Ich gebe mir keinen Preis und gebe mich nicht preis. Das aber ist die Bedeutung von „Prostituierte“. So erklärt das Wikipedia, und das ist für mich eine Beleidigung.

Sie sagen, Sie haben Ihren Beruf frei gewählt. Wie sind Sie dazu gekommen?

Weil ich selber entscheiden kann, wann ich arbeiten will. Ich habe keinen Chef, der mir sagt, was ich zu tun habe. Ich entscheide – über meine Gäste und meinen Service. Ich verdiene das Geld, das ich für mein Leben brauche. Ich habe die ganze Freiheit.

Haben Sie nie Situationen von Zwang oder Bedrohung erlebt? Etwa durch Freier oder durch Kriminelle, die Ihnen „Schutzgeld“ abnehmen wollten?

Ich habe vor allem Angst um meine Arbeit. Nicht nur ich, auch meine Kolleginnen haben Angst. Kriminalität erlebe ich wie alle anderen Menschen auch, im privaten oder auch im beruflichen Zusammenhang. In Betriebe wird eingebrochen, bei mir kam es zu Übergriffen durch Gäste. Verbrechen bleibt Verbrechen.

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Sie bestreiten nicht, dass es auch Zwangsprostitution gibt, oder? Und dass darunter auch Frauen aus Ihrer Heimat Rumänien leiden.

Überall in der Gesellschaft gibt es Kriminalität, auch im Bereich der Sexarbeit. Es gibt Menschenhandel und Zwangsprostitution. Aber die Zahl der Fälle ist gering und seit Jahren rückläufig. Das zeigen auch amtliche Statistiken des BKA.

Organisationen wie Terre des Femmes fordern ein Verbot, sexuelle Dienstleistungen einzukaufen. Welche Folgen hätte das für Sie?

Mit Terre des Femmes hatte ich am 18. April 2014 persönlichen Kontakt: Meine Kolleginnen und ich haben die Vertreterinnen eingeladen, uns im „Haus 9“ zu besuchen. Das wurde abgelehnt. Jetzt will Terre des Femmes meinen Gästen verbieten, meinen Service in Anspruch zu nehmen. Damit versucht man, mich arbeitslos zu machen. Man will verhindern, dass ich das tue, was mir und meinen Gästen Freude bereitet. Das ist Unrecht. Die tragen ihre Nase sehr hoch.

In Bremen dreht sich die Debatte vor allem darum, dass die Rockertruppe „Hells Angels“ hinter dem Großbordell „Eros 69“ und einem weiteren Projekt stehen könnte. Haben Sie Verständnis für die Besorgnis von Polizei und Landesregierung?

Es geht in der Diskussion derzeit um mehr als nur um die „Hells Angels“. Die Diskussion wird auch um ein Verbot geführt, das meine Gäste und mich bedroht. Das eine muss vom anderen getrennt werden.

Wie beurteilen Sie die Situation der Frauen im „Eros 69“?

Zwei der Mieterinnen des „Haus 9“ haben auch im „Eros 69“ gearbeitet. Von Ihnen weiß ich, dass das eine ganz normale Vermietung war. Ihre Zimmer waren sehr gut. Sie wurden weder von der Betreiberin noch vom Personal des „Eros 69“ belästigt.

Hat es je Versuche der „Hells Angels“ oder anderer Banden gegeben, mit Ihnen ins Geschäft zu kommen?

Nein. Mein Mann wurde vor Jahren gefragt, ob er sich eine Kooperation im „Eros 69“ vorstellen könne. Von einer Person, die nicht als „Hells Angel“ aufgetreten ist. Mein Mann hat abgelehnt. Das hatte keine weiteren Folgen.

In Ihrem „Haus 9“ vermieten Sie vier Zimmer an Sexarbeiterinnen. Wie hoch ist die Miete?

„Haus 9“ wird seit Anfang 2019 von meinem Mann Klaus Fricke geführt, der damals Rentner wurde. Er führt das „Haus 9“ ohne die Absicht, Gewinne zu erzielen. Das ist im Mietvertrag festgelegt. Sofern Gewinne erwirtschaftet werden, werden diese anteilig zur Mietzeit an die Mieterinnen des Steuerjahres erstattet. Die Mieterinnen können über Investitionsmaßnahmen für das „Haus 9“ mitentscheiden. Alle Unterlagen erhalten sie in ihrer Muttersprache. Die Wochenmiete pro Zimmer beträgt inklusive Umsatzsteuer maximal 385 Euro.

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Wo kommen die Frauen her und wie finden sie zu Ihnen? Bleiben sie länger oder gibt es eine hohe Fluktuation?

Die Mieterinnen kommen fast ausschließlich aus Rumänien. Meine Muttersprache ist Rumänisch, wir können uns ohne Probleme verständigen. Die Mieterinnen kommen durch Empfehlungen untereinander ins „Haus 9“, oft über Jahre immer wieder. Es gibt da nur wenig Wechsel.

Wer sorgt für die Sicherheit der Sexarbeiterinnen?

Wir helfen uns gegenseitig und rufen auch die Polizei. Zudem stellt das Haus Notrufmelder, die auch zu Terminen außerhalb mitgenommen werden können. Damit können mein Mann, ich und ein weiterer Angestellter rund um die Uhr erreicht werden. Bisher konnten wir alle unvernünftigen Gäste beruhigen. Wir sind nicht hilflos und sind keine dummen Mädchen aus dem Dorf.

Wovon leben die Frauen jetzt, wenn sie wegen des Coronavirus nicht arbeiten dürfen?

Es ist eine Schande, dass die Sexarbeit weiter verboten ist, aber andere körpernahe Dienstleistungen erlaubt sind. „Haus 9“ hat seit August 2020 ein Hygienekonzept, das Selbsttests vorsieht. Es verfügt über Hepa-Luftfilter in allen Arbeits- und Aufenthaltsräumen. Einige Frauen, die länger hier gearbeitet haben, haben inzwischen Häuser in ihrer Heimat. Sie haben geheiratet und haben Kinder. Mieterinnen, die 2020 während der Öffnungszeit hier waren, leben jetzt von ihren Ersparnissen. Sie warten darauf, wieder arbeiten zu dürfen. Ich spreche fast täglich mit ihnen am Telefon.

Das Gespräch führte Joerg Helge Wagner.

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Info

Zur Person

Lara Freudmann

ist unter diesem Aliasnamen bei der Wirtschaftsbehörde Bremen als Sexarbeitende registriert. Die Verwendung von Pseudonymen zum Schutz der Privatsphäre lässt das Gesetz ausdrücklich zu. Lara Freudmann betreibt gemeinsam mit ihrem Mann das Bordell mit Namen „Haus 9“.

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