Ab heute gastiert die Familie mit ihrem Theaterzelt auf dem Schillerplatz / Vorfahre gründete Unternehmen 1829 Lauenburgers lassen die Puppen tanzen

Blumenthal. Mit stolzem Blick schaut der Ritter über den Schillerplatz. Seinen Messinghelm ziert eine Feder, um die Schultern trägt er einen purpurfarbenen Umhang. Fast liebevoll streicht Hubertus Lauenburger über die Lederstiefel an den Füßen der Marionette. "Die hat mein Ur-Großvater selbst genäht", erzählt er. Beinahe 200 Jahre ist der Ritter alt und handgeschnitzt. Mit 100 Puppen ist Familie Lauenburger mit ihrem Theater auf Tournee, derzeit gastiert sie in Blumenthal.
29.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Lauenburgers lassen die Puppen tanzen
Von Julia Ladebeck

Blumenthal. Mit stolzem Blick schaut der Ritter über den Schillerplatz. Seinen Messinghelm ziert eine Feder, um die Schultern trägt er einen purpurfarbenen Umhang. Fast liebevoll streicht Hubertus Lauenburger über die Lederstiefel an den Füßen der Marionette. "Die hat mein Ur-Großvater selbst genäht", erzählt er. Beinahe 200 Jahre ist der Ritter alt und handgeschnitzt. Mit 100 Puppen ist Familie Lauenburger mit ihrem Theater auf Tournee, derzeit gastiert sie in Blumenthal.

"Wir besitzen Norddeutschlands älteste Puppenbühne", sagt Hubertus Lauenburger stolz. Auf dem Schillerplatz hat er mit seinem Vater und Großvater bereits als Achtjähriger das Theaterzelt aufgeschlagen. "Damals war das hier noch eine Art Marktplatz", erinnert er sich. Heute ist der 68-Jährige Chef des Familienunternehmens, das sein Ur-Ur-Großvater Julius Lauenburger im Jahr 1829 gegründet hat.

Von März bis Ende Oktober reist er gemeinsam mit seiner Ehefrau Manuela, seiner Mutter Ilse und seinen drei Kindern David, Jasmin und Yvonne von Ort zu Ort. Der 31 Jahre alte David Lauenburger haucht den Puppen gemeinsam mit seinen Eltern Leben und Stimme ein. Mit ihm steht bereits die sechste Generation der Familie hinter der Puppenbühne. "Ich möchte das Unternehmen weiterführen", sagt er und nennt als Grund: "Es muss doch weitergehen." Das Besondere an seinem Beruf, findet der 31-Jährige, ist die Begeisterung der Kinder bei den Vorstellungen. "Wir beziehen sie mit ein. Wenn sie gemeinsam mit dem Kasper den Räuber jagen und dabei Spaß haben, ist das auch für uns wunderschön."

Der Ritter wiegt 15 Pfund

Die 85 Jahre alte Großmutter Ilse Lauenburger spielt seit 15 Jahren nicht mehr. "Irgendwann wurde es ihr zu anstrengend", erzählt ihr Sohn. Immerhin halten die Puppenspieler während einer Vorstellung rund eine Stunde lang beide Arme in die Höhe gestreckt. Dabei steckt auf jeder Hand eine Puppe, die jeweils etwa vier Kilo wiegt. Das Gewicht ist auch ein Grund, weshalb die 20 Marionetten nur noch als Ausstellungsstücke im Museumswagen dienen: Der Ritter beispielsweise ist beinahe einen Meter groß und wiegt rund 15 Pfund.

"Außerdem ist es sehr schwierig, Marionetten zu spielen", erläutert Hubertus Lauenburger. Dabei müsse das Gewicht der Puppe getragen, die Fäden bedient und dabei noch die Stimme unter Kontrolle gehalten werden. Er erinnert sich: "Mit meinem Vater habe ich damals noch die Marionetten gespielt. Im Sommer standen wir mit freiem Oberkörper hinter der Bühne, und nach der Vorstellung waren wir schweißgebadet. Da wusste man wirklich, was man getan hatte." Zum Einsatz kommen heute deshalb ausschließlich die Handpuppen, die ebenfalls handgeschnitzt und etwa 80 Jahre alt sind. Bei dem Stück, das die Familie in Blumenthal aufführt -"Kaspers neuestes Abenteuer im Zauberwald" - sind zwölf Puppen zu sehen; mit dabei sind neben dem Kasper mit seiner langen roten Mütze eine Prinzessin im glitzernden Kleid, der König, der Teufel, Kaspers Großmutter, ein Polizist, Hund Wuschel und weitere Figuren. Hubertus Lauenburger achtet darauf, dass er in zwei aufeinander folgenden Jahren nie zweimal dasselbe

Stück am gleichen Ort spielt. "Da führe ich genau Buch." Insgesamt habe er 20 Geschichten im Kopf, die sein Großvater schon aufführte. Während sich die Stücke heute vor allem an die jüngeren Besucher richten, war das Programm der Puppenbühne früher ganz auf erwachsene Zuschauer ausgerichtet. "Da wurden 'Doktor Faustus', 'Die Räuber' von Schiller und 'Die heilige Genoveva' gespielt.". Wenn Hubertus Lauenburger von dieser Zeit erzählt, gerät er ins Schwärmen: "Mein Großvater ist noch mit Pferd und Wagen von Ort zu Ort gezogen, und die Auftritte waren richtige Höhepunkte für die Dorfbewohner. Fernsehen gab es damals ja noch nicht." Gespielt wurde in den Sälen der Gasthäuser, "immer abends, weil die Leute lange auf den Feldern gearbeitet haben". Heute reist die Familie statt mit Pferden mit modernen Zugmaschinen durch das Land; die Wohnwagen sind komfortabel und bieten viel Platz. Lediglich Großmutter Ilse macht eine Ausnahme. Die 85-Jährige lebt in einem 60 Jahre alten Wohnwagen aus

Holz, den ihr Schwiegervater noch selbst gebaut hat. "Davon ist sie einfach nicht abzukriegen", sagt ihr Sohn schmunzelnd und weist auf den Schornstein des nostalgischen Wagens. "Der wird noch mit einem Kohleofen beheizt."

Obwohl sich für die Puppenspieler im Laufe der Jahre viel geändert hat, ist eines immer gleich geblieben: die Begeisterung für ihren Beruf. "Als Puppenspieler muss man auf die Welt kommen", betont der 68-Jährige. Nun hofft die Familie für ihre Vorstellungen auf ein gut gefülltes Zelt. "Um alle Kosten zu decken, brauchen wir ungefähr 500 Euro am Tag", sagt Hubertus Lauenburger. Gleichzeitig ist das Spielen vor großem Publikum für ihn noch immer etwas ganz Besonderes: "Wenn ich merke, dass die Kinder mitgehen und sich freuen, dann geht mein Herz auf." Davon, sagt er, kommt er niemals los, "das mache ich, solange ich lebe".

Das Puppentheater der Familie Lauenburger gastiert ab heute, 29. September, bis Sonntag, 2. Oktober, auf dem Blumenthaler Schillerplatz. Gespielt wird das Stück "Kaspers neuestes Abenteuer im Zauberwald". Vorstellungen sind jeweils um 16 Uhr, am Sonntag um 11 Uhr.

Von Mittwoch, 5. Oktober, bis Sonntag, 9. Oktober ist die Lauenburger Puppenbühne zudem in Vegesack auf dem Aumunder Marktplatz zu Gast. Die Vorstellungen sind ebenfalls jeweils um 16 Uhr, am Sonntag um 11 Uhr. Der Eintritt kostet fünf Euro für Kinder, sechs Euro für Erwachsene.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+