Autoren schildern im Universum Bremen persönliche Schicksale – und ihren Kampf gegen Widerstände Leben lernen

Lehe. „Ich bringe mich gerade um.“ Tanja Salkowski tippt die Worte in ihr Handy.
19.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Meyer

„Ich bringe mich gerade um.“ Tanja Salkowski tippt die Worte in ihr Handy. Es ist das Jahr 2012. Gerade hat sie Schlaftabletten geschluckt, viel zu viele. Und sie hat Wein getrunken, mehr als sonst. Sie liegt auf dem Boden in ihrer Küche und will sterben. Weil ihr Freund sie nach langjähriger Beziehung verlassen hat, ausgerechnet am Valentinstag. Weil sie ihre Fehlgeburt nicht verarbeitet hat. Zu allem Überfluss hat sie auch noch finanzielle Probleme.

Das alles ist zu viel für Tanja Salkowski, die junge Frau mit blonden Haaren, die drei Jahre lang als Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff über die Meere gefahren ist. Die tagsüber gelacht und getanzt und nachts geweint und getrunken hat. Damit soll Schluss sein, ein für alle Mal. Doch dann vibriert ihr Handy, und sie bekommt eine SMS. „Was machst Du gerade?“, schreibt ein Freund. Sie schreibt: „Ich bringe mich gerade um.“ Dann texten sie sich, drei Stunden lang, bis die Schlaftabletten und der Alkohol und die Gedanken sie so müde machen, dass sie einschläft – ohne eine einzige weitere Tablette geschluckt zu haben. Ihre Rettung.

Es ist still im Veranstaltungsraum des Universum Science Centers, an einem Freitagabend, während Tanja Salkowski aus Lübeck ihre Geschichte erzählt. Ihr gegenüber sitzt die Bremer Moderatorin Nicole Kahrs, die eigentlich locker und leicht durch den Abend führt, an dem es im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Entscheiden – Das Leben im Supermarkt der Möglichkeiten“ um das „Ja-Sagen“ geht. Doch auch Kahrs muss jetzt schlucken.

Salkowski erzählt weiter: Sie erzählt, dass sie sich ihrer Diagnose, die sie 2008 bekam und seitdem verheimlichte, plötzlich stellen wollte: Depression. Dass sie ihre Freunde und Bekannten anschrieb und sich „outete“, und wie nicht einmal jeder Fünfte von ihnen übrig blieb. Sie erzählt, wie sie 20 Therapeuten anrief und bei allen auf den Anrufbeantworter sprach. Bis heute wurde sie von keinem zurückgerufen. Sie wartete fünf Monate auf einen stationären Behandlungsplatz. Trotzdem hat sie es geschafft mit ihrer Depression zu leben. „Nach meinem Outing hat sich alles zum Positiven gewendet“, sagt sie. Tanja Salkowski blickt von ihren Händen auf und schaut ins Publikum. Sie hat ein Buch geschrieben, „Sonnengrau“ heißt es. Sie hat Depressionen. Wo ist das Problem?

Darum geht es bei der Talk-Veranstaltung an diesem Freitagabend: Aus vermeintlichen Schwächen Stärken zu machen. „Aus unseren Besonderheiten kommt die Kraft“ lautet das Thema, zu dem drei Gäste sprechen. Es ist auch das Thema von Raúl Aguayo-Krauthausen, der aus Berlin angereist ist. Der im Jahr 1980 geborene Autor und Aktivist ist mit der Glasknochenkrankheit zur Welt gekommen und sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. International bekannt wird er 2010 durch die Gründung der „Wheelmap“, ein Kartendienst, bei dem Rollstuhlfahrer barrierefreie Orte finden können. Bei der Talk-Show geht es auch um ihn, ganz persönlich, und es geht auch um seine Behinderung: Er ist ein gefragter Redner, sobald es um Inklusion und Barrierefreiheit geht. „Dabei wollte ich nie Berufsbehinderter werden“, sagt er. „Schließlich wird auch nicht jede Frau gleich Frauenbeauftragte.“

Jetzt ist seine größte Aufgabe, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass das „Behindertsein“ nicht nur Nachteile hat – im Gegenteil: Oft liege es an den Denkmustern und Vorurteilen der Mitmenschen, die es den Behinderten schwer machen. „Mir geht es nicht nur um die Barrieren in der Welt, wie etwa Treppen“, sagt Aguayo-Krauthausen. „Mir geht es vor allem um die Barrieren im Kopf.“ Oft würden Menschen und Medien die Perspektive des Defizits einnehmen, wenn sie über Leute mit Handicap sprechen. „Es wäre viel schöner, wenn die Behinderung irgendwann kein Thema mehr wäre, sondern es nur um den Menschen geht.“ Dafür macht er sich unter anderem auch in seinem Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ und mit seinem Projekt „Sozialhelden“ stark.

Auch Djibril Inoussa fühlt sich oft ausgegrenzt: Vor 19 Jahren ist der Mann aus Westafrika nach Deutschland gekommen, mit Moderatorin Nicole Kahrs spricht er über seine Erfahrungen. Für ihn sei es nicht immer einfach im Alltag: „Manchmal kommen Leute auf mich zu und fragen mich, ob ich Drogen für sie habe“, sagt der 47-Jährige traurig. „Selbst die Polizei hat mich schon für einen Dealer gehalten.“ Schmerzhafte Erfahrungen. „Aber ich werde Deutschland niemals auf diese Situationen reduzieren“, betont Inoussa. Er sei glücklich hier. Der Sohn eines Heilers hat mittlerweile sein eigenes Unternehmen, „Yokumi“, über das er Sheabutter, eine Körpercreme aus Pflanzenfett, vertreibt. Er lässt sie in seiner Heimat zu fairen Bedingungen produzieren.

Mehr aus sich machen – das ist am Ende des Talk-Abends die Botschaft aller Gäste. Ja-Sagen, Entscheidungen treffen, tun, was man will. Raúl Aguayo-Krauthausen hat es getan, Djibril Inoussa ebenfalls. Und auch Tanja Salkowski ist noch dabei: Als selbst ernannte „Botschafterin für Depressionen“ will sie zeigen, dass das Leben etwas zu bieten hat. Ob mit Diagnose oder ohne. Eine Frau, die es geschafft hat, aus „Ich bringe mich gerade um“ ein „Ich will leben“ zu machen. Eine Entscheidung fürs Leben – im wahrsten Sinne des Wortes.

Zum nächsten Universum-Talkabend mit

Nicole Kahrs wird am Freitag, 17. April, von 19 bis 21.30 Uhr in das Universum Bremen, Wiener Straße 1,

eingeladen.

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