Leben mit sechs Kindern

Flexibel, immer erreichbar und präsent

Der WESER-KURIER begleitet die Arster Familie Stührenberg in unregelmäßigen Abständen seit mehr als zehn Jahren. Die Pandemie ist eine Herausforderung mit sechs Kindern.
24.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Flexibel, immer erreichbar und präsent
Von Frauke Fischer
Flexibel, immer erreichbar und präsent

Mutter Janine Stührenberg (von links), Fiona, Lea, Fin, Liv, Marten und Vater Jörn sind gern im Freien unterwegs, auch wenn das Wetter mal nicht mitspielt. Joel, der älteste Sohn der Familie, fehlt auf dem Foto.

Christina Kuhaupt

Zwei Osterfeste und etliche Krisen haben sie in Corona-Zeiten schon hinter sich gebracht. Okay, das haben viele andere Familien natürlich auch. Doch wenn Janine und Jörn Stührenberg auf die Zeit seit Anfang März 2020 zurück blicken, sehen sie eine achtköpfige Familie unter einem Dach. Und spüren, dass es nicht einfach ist, die unterschiedlichen Bedürfnisse zu befriedigen und Herausforderungen der sechs Kinder zu meistern. Und dann sind da ja auch noch die eigenen Wünsche als Paar.

In dem kleinen Reihenhaus im Bremer Stadtteil Arsten, in dem Janine und Jörn Stührenberg leben, ist es selten ganz still. Joel, der Älteste, ist jetzt 21 Jahre alt, Schwester Lea vier Jahre jünger. Und dann sind da natürlich die Vierlinge Liv, Fiona, Marten und Fin, inzwischen alle zwölf Jahre alt. Sie gehen mittlerweile in die fünfte Klasse. Doch weil regelmäßiger Präsenzunterricht in der Schule kein Dauerzustand war, muss eben oft im Homeschooling gelernt werden. Ruhiger sind die Tage im Haus der Familie Stührenberg dadurch natürlich nicht geworden.

Joels Zukunftspläne durchkreuzt

Der 21-jährige Joel, gelernter Elektriker, wollte eigentlich schon im vergangenen Jahr ausziehen und seinen eigenen Weg gehen. Doch dann kam die Pandemie und wirbelte alle Vorstellungen des jungen Mannes von seiner Zukunft durcheinander. „Ich habe Anfang letzten Jahres meine Ausbildung beendet und wurde übernommen“, berichtet der junge Bremer. Er sei dann der Letzte gewesen, der im Betrieb noch eingestellt worden sei. „Und dann musste ich wegen Kurzarbeit als Erster gehen“, erzählt er über die quälenden Tage, die ihm zusetzten.
Aber es sei nicht alles schlecht gewesen in dieser Zeit. Einen neuen Arbeitsplatz hat er inzwischen gefunden. „Und jetzt habe ich zum 1. Mai, wenn alles gut geht, meine erste eigene Wohnung.“ Die Pandemie, sagt er, habe ihn zwar mindestens ein Jahr zurück geworfen. Aber unterkriegen lassen, sagt Joel Stührenberg, sei trotzdem nicht drin.

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Der Tagesablauf der Familie wird sehr von Corona bestimmt. So steht Janine Stührenberg, die als Erzieherin arbeitet, jeden Morgen um 5.30 Uhr auf. Der Schulwechsel der Vierlinge von der Grundschule in die weiterführende Schule sei ein großer Umbruch gewesen, erinnert sie sich an den vergangenen Sommer. „Etwas weniger Arbeit wäre manchmal fürs Familienleben erleichternd gewesen, aber mein Job ist nun mal vor Ort und nicht im Homeoffice.“ Seit Corona müsse sie extrem flexibel sein, immer erreichbar und präsent. Auch spiele ihre Kirchengemeinde und der gemeinsame Glaube eine wichtige Rolle, betont Janine Stührenberg. Das sei Beziehungsarbeit.

Halt in der Familie

Für die 16-jährige Lea hat sich der Alltag wie für so viele Menschen völlig verändert. „Ich konnte kaum unterwegs sein, kein Kino, keine Konzerte besuchen“, schildert sie den veränderten Alltag, mit dem sie sich arrangieren muss. Der Tochter aus der gläubigen Familie fehlen auch die Jugendtreffs ihrer Kirchengemeinde. „Schule hat sich komplett verändert“, stellt sie fest. „Ich bin im Abschlussjahr, das ist voll anstrengend.“ Kontakte gebe es hauptsächlich über Telefon und Skype. Ein Freiwilliges Soziales Jahr plant Lea in Berlin nach den Sommerferien. „Ich möchte dort mit Menschen arbeiten und neue Erfahrungen sammeln“, sagt die junge Bremerin.

Für sie sei klar, dass sie später in einem sozialen Bereich arbeiten möchte. Die Zeit in Berlin solle helfen, dabei die richtige Richtung herauszufinden. Das Familienleben mit ihren fünf Geschwistern beschreibt sie so: „Meine Familie bedeutet für mich Halt, egal ob ich hier oder unterwegs bin. Wir unterstützen uns. Ich kann was mit meinem großen Bruder machen oder was anderes mit den Kleinen. Da bin ich ja auch immer etwas Vorbild. Die gucken sich schon einiges ab.“

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Mutter Janine weiß, dass ihre Kinder harte Monate erleben. „Es ist so wichtig, die Kinder gut durch diese Zeit zu bringen, wo so vieles andere ausfällt. Ich fahre öfter mit ihnen in den Wald für Spaziergänge und zum Toben. Es ist so wichtig, mal was anderes zu sehen“, sagt sie. Die Außenkontakte seien sehr eingeschränkt. Da kommt die familiäre Hilfe genau richtig. „Meine Mutter unterstützt uns einen Nachmittag die Woche.“ Fahrgemeinschaften oder Verabredungen fielen ja schon lange aus. Stührenbergs hat es gefallen, dass sie vor der Pandemie ein offenes Haus hatten, Menschen sich begegneten, wann immer sie wollten. All das ist derzeit nicht möglich.

Janine und Jörn Stührenberg takten ihre Tage so durch, dass immer jemand zu Hause ist für die Kinder. Sie arbeitet vormittags in einer Kindertagesstätte und kommt heim, wenn ihr Mann Jörn, technischer Betriebsleiter an der Schule der Kinder, zu seiner Arbeit aufbricht. Diese Verlässlichkeit wollen sie ihren Kindern bieten in einer Zeit, in der so viele Selbstverständlichkeiten abhanden gekommen sind.

Veränderung an allen Ecken und Enden

Der Alltag für die Vierlinge hat sich völlig verändert. Liv vermisst das Schwimmen im Verein, freut sich aber, dass sie weiter reiten kann. „Ich gehe mit meinen Brüdern manchmal Ball spielen. Freunde höre ich nur noch übers Telefon oder im Chat, ich verabrede mich viel weniger.“ Der Alltag habe sich so sehr verändert. „Wir müssen Maske tragen, das ist nervig.“ Selbst der Konfirmationsunterricht habe sich total verändert. „Die Gemeinde war sonst immer so schön. Jetzt bete ich zu Hause“, sagt Liv. Ihren Geschwistern Fiona, Marten und Fin geht es da kaum anders.

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