Luise Flügger hat acht Monate in Ghana verbracht – und muss sich erst einmal wieder aklimatisieren Leben ohne Terminkalender

Acht Monate Afrika – und nichts ist mehr wie vorher. Sehr lange hat Luise Flügger, die Tochter des Pastorenehepaars Babett und Henner Flügger, gebraucht, um mental wieder in Europa – Deutschland – Bremen anzukommen, nachdem sie als Praktikantin in Ghana ein total anderes Leben kennengelernt und auch selbst geführt hat.
08.08.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hanni Steiner

Acht Monate Afrika – und nichts ist mehr wie vorher. Sehr lange hat Luise Flügger, die Tochter des Pastorenehepaars Babett und Henner Flügger, gebraucht, um mental wieder in Europa – Deutschland – Bremen anzukommen, nachdem sie als Praktikantin in Ghana ein total anderes Leben kennengelernt und auch selbst geführt hat.

Peterswerder. Bremen stöhnt unter einer Hitze, die in Ghana normal ist – und da fängt das Andere schon an: "Mittags macht dort keiner was", sagt die 19-jährige Luise Flügger aus dem Peterswerder, die ein Praktikum in Afrika absolviert hat. Man gewöhne sich nun mal nicht an die afrikanischen Temperaturen. In Bremen aber läuft trotz Schweißperlen alles weiter nach Plan, und Luise Flügger hat Probleme damit, zum Beispiel ihren eigenen Terminkalender, der ihr vor Ghana so wichtig war, wieder gewissenhaft zu führen und seinen täglichen Anforderungen ebenso gewissenhaft nachzukommen.

Acht Monate hat die hanseatische Pastorentochter in der ghanaischen Stadt Ho gelebt und in einer Grundschule als Lehrerin gearbeitet. Sie hat daneben ein Leseprojekt und eine mobile Bibliothek begleitet. Alle Einrichtungen werden von der Evangelisch-Presbyterianischen Kirche in Ghana (EPC) betrieben – und da liegt die Verbindung nach Bremen: In der Berckstraße in Horn ist der Sitz der Norddeutschen Mission, die jungen Menschen die Möglichkeit bietet, als Praktikanten in Ghana oder Togo (Westafrika) unvergessliche Erfahrungen zu sammeln. Wobei das Wort Mission nicht im Sinne von "Heidenbekehrung" zu verstehen ist. Das war einmal vor 175 Jahren.

Unter dem Dach der Norddeutschen Mission arbeiten vier deutsche evangelische Kirchen – Bremen, Lippe, Oldenburg und die reformierte mit Sitz in Leer – zusammen mit zwei afrikanischen Kirchen: der EPC im englischsprachigen Ghana und der Eglise Evangelique Presbytérienne im französischsprachigen Togo. Die sechs betrachten sich als gleichberechtigte Geschwister in ihrer Arbeit für Menschenrechte, Bildung, Gesundheit und eine nachhaltige Landwirtschaft. "Voneinander lernen" ist da nicht nur eine gern gebrauchte Redewendung. Finanziert wird die Norddeutsche Mission von den vier deutschen Kirchen und aus Spenden. Der Anteil der Christen – evangelisch und katholisch – an der ghanaischen Bevölkerung liegt etwa bei 30 Prozent. Junge Leute, die ein Praktikum in Ghana oder Togo machen möchten, müssen sich zunächst um Förderer kümmern, die den Aufenthalt finanzieren. Erst wenn der Unterhalt gesichert ist, kann die Reise losgehen.

Sprung ins kalte Wasser

Luise Flügger hat in diesem Praktikum viel gelernt – schon im Vorbereitungsseminar in Bremen, das sie gemeinsam mit drei anderen Praktikanten aus Berlin, Nordenham und Düsseldorf absolviert hat. Und dann der Sprung ins kalte Wasser: "Das ist deine Klasse – viel Spaß!" Die Abiturientin, die am Kippenberg-Gymnasium zu einem Doppeljahrgang gehört hatte, unterrichtete Englisch, Mathematik und Kunst. Schnell stellte sie allerdings fest, dass ihre Vorstellungen von moderner Pädagogik mit der Herrschaft des Rohrstocks in Ghana wenig kompatibel waren – für eine, die in Deutschland Grundschullehrerin werden möchte, schwer auszuhalten. Die Eltern der Kinder müssen Schulgeld zahlen und für Schuluniformen sorgen. Andererseits seien die kirchlichen Schulen in Ghana besser ausgestattet als die staatlichen – ein Erfolg der Partnerschaft mit der Norddeutschen Mission in Deutschland, von wo materielle Hilfe organisiert wird.

Umgekehrter Kulturschock

Es sei kein großes Problem für sie gewesen, sich an ein Leben ohne Terminkalender und an die andere Gangart afrikanischer Uhren zu gewöhnen, sagt Luise Flügger. "Es dauert zum Beispiel immer eine Weile, bis der Unterricht tatsächlich anfangen kann." Auf der anderen Seite die Spontaneität und Aufgeschlossenheit der Menschen. "Wenn man jemanden trifft, dann heißt es nicht nur ‚hallo‘ und man geht weiter, sondern man redet ein Weilchen miteinander. Gäste kommen spontan ins Haus, man hilft sich gegenseitig – und diese Hilfsbereitschaft ist enorm: Frage ich jemanden nach dem Weg, dann sagt der nicht nur: Es geht da und da lang – er geht auch einfach mit!" Die Kehrseite: Dann kommt der freundliche Begleiter natürlich woanders zu spät – was ungeduldige Europäer als Unzuverlässigkeit kritisieren. Diese Art zu leben hat bei der jungen Bremerin tiefe Eindrücke hinterlassen. Aus Europa in Afrika zu landen, sei für sie überhaupt kein Kulturschock gewesen, sagt sie, aber umgekehrt umso heftiger!

Viel verändern könne eine Praktikantin in der Schule und in anderen Einrichtungen nicht, aber für das eigene Leben viel mitnehmen, das ist Luise Flügger klar geworden: vor allem die bedingungslose Hilfsbereitschaft, die Zuwendung und Aufmerksamkeit gegenüber den Mitmenschen.

Die Rückkehr ins westeuropäische Alltagsleben sei ihr ungeheuer schwer gefallen: "Hier ist es so farblos, so trist, so leise. Ich bin aus rotem Sand und unter Palmen ins Flugzeug gestiegen! Hier laufen keine Tiere frei draußen herum, und wenn ich mit dem Hund gehe und treffe Nachbarn oder Bekannte, dann gibt es nur einen kurzen Gruß." Aber nun, etliche Wochen nach der Heimkehr, müsse sie aber wirklich und endlich ihren Terminkalender wieder pflegen.

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