Alltag mit Corona

Bremer Achter-WG über das Zusammenleben in der Krise

Lernen am Laptop statt Debatte im Seminar, WG-Abende statt Freunde treffen: Wie sieht das Leben in einer großen Studenten-WG in Zeiten von Corona aus? Mitbewohnerinnen erzählen.
08.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremer Achter-WG über das Zusammenleben in der Krise
Von Sara Sundermann
Bremer Achter-WG über das Zusammenleben in der Krise

Sechs von Acht: Nadine Böhme, Tutku Tasci, Louisa Freytag (vorne), dahinter Amrit Pathak, Malwine Nicolaus und Jalal Kehar.

Christina Kuhaupt

Gesellschaftsspiele und quatschen im Wohnzimmer, dazu Hinterhofmusik, die von den Balkonen der Nachbar-WGs herüberschallt: Louisa Freytag, Malwine Nicolaus und Nadine Böhme leben zusammen mit fünf weiteren Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft. Fünf Frauen und drei Männer teilen sich die Wohnung im Studentenwohnheim Vorstraße nahe der Universität. Die Altersspanne geht von Anfang zwanzig bis Mitte 30. Die WG ist international: Ein Mitbewohner kommt aus Indien, ein anderer ist in Dubai aufgewachsen, eine Mitbewohnerin kommt aus der Türkei.

Zu den Gemeinschaftsräumen gehören neben zwei Badezimmern eine große Wohnküche mit Esstisch und mehreren Sofas und Sesseln. Das ist das Herzstück der WG: Per Videotelefonat zeigt Louisa Freytag die Überbleibsel eines gemeinsamen Frühstücks und eine WG-Ahnengalerie mit Fotos aktueller und ehemaliger Bewohner. Die Zimmer der Mitbewohner sind etwa 14 Quadratmeter groß – dahin ziehe man sich zurück, wenn man mal keine Lust auf Kontakt habe.

Lesen Sie auch

Ist es beklemmend, in Zeiten von Corona einer großen Wohngemeinschaft zu wohnen? Ganz im Gegenteil, sagen Louisa, Malwine und Nadine. Sie empfinden es als Vorteil, mit so vielen Leuten zusammen zu wohnen: „Ich glaube, wir sehen das als ein Privileg an, dass wir gerade in dieser Zeit so viel Kontakt zu Mitbewohnern haben können“, sagt Louisa Freytag. „Wir kennen und mögen uns in der WG und verbringen viel Zeit zusammen.“ Ihre beiden Mitbewohnerinnen stimmen zu. „Es gibt hier viel Zusammenleben, man ist schon als WG eine Gemeinschaft“, sagt Nadine, die erst Mitte März eingezogen ist.

Kochen, quatschen, diskutieren, Filmabende machen und Stadt-Land-Fluss per Video-Chat mit einer ehemaligen Mitbewohnerin spielen: Das alles findet derzeit in den Gemeinschaftsräumen statt. So viel wie derzeit sehen sich die Mitbewohner sonst nicht: Normalerweise ist es selten, dass alle acht gleichzeitig zu Hause sind.

„Hat es einer, dann haben es alle“

Gab es zum Umgang mit Corona Differenzen innerhalb der WG? Schließlich ist denkbar, dass manche das Thema lockerer angehen als andere und Unmut aufkommt. „Wir achten da schon sehr drauf“, sagt Louisa Freytag. „Konsens ist, dass wir uns an die Corona-Regeln halten.“ Es sei allerdings klar: „Wenn es jemand von uns hat, dann haben wir es vermutlich alle.“ Louisa erzählt, sie habe zuletzt außerhalb der WG fast keine Kontakte gehabt.

Auch bei den Jobs gibt es für viele Studierende Veränderungen. Malwine und Louisa jobben seit einem Monat in einem Supermarkt – als Nebenverdienst in Zeiten, wo viele andere Studentenjobs zum Beispiel in Bars und Cafés weg fallen. Louisa Freytag will den Job aber demnächst nicht mehr weitermachen: Die Arbeit sei auf Dauer doch nicht gut mit einem Vollzeitstudium zu verbinden, sagt die 21-Jährige, die Politik- und Geowissenschaften an der Uni studiert. Statt Seminaren vor Ort hat sie nun entweder Online-Vorlesungen per Video oder bekommt digitale Lernmaterialien, zu denen sie später im Chat Fragen an Lehrende stellen kann. Dieses Semester ist an Bremens Hochschulen ein reines Homelearning-Semester.

Lesen Sie auch

Stark wirken sich die Einschränkungen auch auf Malwine Nicolaus‘ Studium aus: Sie studiert Alte Musik und Gesang an der Hochschule für Künste. Ein Studium, in dem Präsenz besonders wichtig ist. Schauspielunterricht, gemeinsames Proben, all das ist digital kaum möglich. Und auch Malwines normaler Nebenverdienst fällt derzeit weg: „Ich verdiene sonst mein Geld als freiberufliche Sängerin, in der Zeit vor Ostern gibt es meist besonders viele Konzerte, mit denen ich ein bisschen Geld verdiene.“ Sie macht Kirchenmusik und wird von Gemeinden bezahlt.

WGs bleiben unter sich

Das Leben im Studentenwohnheim fühle sich gerade schon sehr anders an als sonst, sagt Louisa Freytag: „Die vielen WGs hier in der Vorstraße bleiben gerade sehr unter sich, sonst gibt es viele gemeinsame Partys und Grillen.“ Allein in der Vorstraße gebe es fünf Wohnheimblöcke mit jeweils neun WGs, in der benachbarten Spittaler Straße viele weitere Studentenwohnungen. Manche WGs haben Schilder an ihre Tür gehängt: „Bitte erst Hände desinfizieren“, andere einen Korb für die Post vor die Tür gestellt.

Auch das traditionelle Vorstraßen-Sommerfest, das Louisa sonst mitorganisiert hätte, fällt in diesem Jahr aus. Für die nächsten Wochen sind im Wohnheim stattdessen andere kreative Ideen entstanden: Überlegt werde, ein Innenhofkino zu veranstalten, bei dem eine große Außenwand als Leinwand dienen soll. So könnten mehrere WGs von ihren Balkonen aus denselben Film sehen. Und auch eine Balkonparty sei im Gespräch, bei der eine WG vom Balkon aus die anderen Balkone beschallt. „Es gibt hier Leute mit sehr guten Musikanlagen“, sagt Louisa und lächelt – der Sound sollte kein Problem sein.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+