Bremer Sozialgeograf Ivo Mossig im Interview Lebendiges Quartier gewünscht

Bremen. Wie es den Stadtteilzentren Bremens geht und welches Entwicklungspotenzial sie haben, hat die Handelskammer kürzlich analysiert. Jetzt spricht ein Sozialgeografie über die Besonderheiten der Stadtteilzentren.
18.09.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremen. Wie es den Stadtteilzentren Bremens geht und welches Entwicklungspotenzial sie haben, hat die Handelskammer kürzlich in ihrem "Stadtteilreport Einzelhandel" analysiert. Ivo Mossig forscht an der Uni Bremen zum Thema Sozialgeografie. Mit ihm hat Helge Dickau über Funktion und Besonderheiten der Stadtteilzentren gesprochen – und darüber, wie sie sich trotz der Konkurrenz großer Einkaufszentren zukunftsfest machen können.

Stehen die Stadtteilzentren in direkter Konkurrenz zur Innenstadt?Ivo Mossig:

Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Gleichwohl ist die Innenstadt nicht in der Lage, die gesamte Nachfrage zu bedienen. Deshalb funktionieren funktionale Verflechtungen, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen, ganz gut: Man bekommt im Viertel genau das, was man in der City nicht bekommt. Und die Kunden koppeln das, sie gehen am selben Tag sowohl im Viertel als auch in der City einkaufen.

Gibt es diese Verflechtungen auch zwischen der Innenstadt und den Stadtteilzentren?

Ja, obwohl in vielen Berichten unterstellt wird, dass Quartiersentwicklung vor allem im Hinblick auf den demografischen Wandel wichtig sei, weil die ältere Bevölkerung nicht mehr so mobil sei.

Stimmt das nicht?

Man muss unterscheiden. Für die Hochbetagten spielt zum Beispiel die Nähe zu Arztpraxen durchaus eine große Rolle. Aber die 65-Jährigen sind noch hochmobil.

Heißt das, dass Berichte wie der Stadtteilreport der Handelskammer den Stadtteilzentren eine höhere Bedeutung zuschreiben, als sie eigentlich haben?

Nein, aber eine andere. Wir haben einen enormen gesellschaftlichen Wandel. Dass bei Paaren beide berufstätig sind, ist mittlerweile Standard, zudem sind unsere Beschäftigungsverhältnisse flexibler geworden. Dadurch hat man ganz andere Anforderungen an die Alltagsorganisation. Man braucht Gelegenheitsstrukturen vor Ort, also Geschäfte, Arztpraxen, Dienstleistungen, eine Bank. Dafür haben die Stadtteilzentren eine enorme Bedeutung.

Teilen Sie die Sorge der Handelskammer, dass die Stadtteilzentren zugunsten der City vergessen werden könnten?

Die City ist den Stadtteilzentren übergeordnet, das muss so sein. Und von der reinen Verkaufsfläche ist die Bremer Innenstadt auch unterdimensioniert, auch mein Eindruck ist, dass eine neue Shopping-Mall dort vertretbar ist. Ich glaube aber auch, dass die Handelskammer recht hat, dass man die Quartiere nicht aus den Augen verlieren darf. Viele Menschen möchten in einem lebendigen Quartier mit qualitativ hochwertigen Angeboten wohnen.

Geht es dabei nur um einen lebendigen Einzelhandel?

Nein. Gröpelingen ist ein fantastisches Beispiel dafür, wie man es schafft, mit Kultur Lebendigkeit und Urbanität in ein Stadtteilzentrum zu bringen, die einzigartig, individuell und auf den Stadtteil abgestimmt sind. Mit dem Feuerspurenfestival, einem Erzählfestival in verschiedenen Sprachen, werden beispielsweise die Eigenarten des Stadtteils aufgegriffen. Das ist kein Abklatsch vom Freimarkt oder ein Tag der offenen Tür wie man ihn überall hat, sondern das ist mit etwas sehr stadtteiltypischem verbunden. Das wirkt identitätsstiftend und ist deshalb erfolgreich.

Dafür braucht man Geld.

Geld und kluge Köpfe. Das Geld ist eine notwendige Voraussetzung, die aber nicht hinreichend ist.

Also reicht es nicht, auf die Politik zu schauen.

Nein. Man braucht auch eine Kaufmannschaft, die dahinter steht und Bürger, die bereit sind, sich in ihrem Quartier zu engagieren. Man könnte an einigen Stellen auch einen Business Improvement District initiieren oder zumindest Teile dieses Konzepts aufgreifen. Das alles geht aber nur, wenn die Leute es wollen.

Aber können engagierte Bürger allein etwas gegen die Strahlkraft eines großen Einkaufszentrums in ihrem Quartier ausrichten?

Wenn man nur die Kaufkraft sieht, die dadurch aus einem Stadtteil abgezogen wird: vermutlich nicht. Der Kunde muss letztlich selbst entscheiden, wo er seine Euros ausgibt, und es scheint eher eine Schnäppchen-Mentalität vorzuherrschen. Aber ich glaube, dass ein Zusammenschluss eine Menge bieten kann. Denn die großen Einkaufszentren können keine urbane Lebendigkeit erzeugen. Und das ist etwas, was man für die Quartiersentwicklung vor allen Dingen braucht. Gröpelingen hat es geschafft, als ein Stadtteil, der als einer der schwierigsten gilt, sich mit genau dieser Konstellation zu entwickeln – ob da nun die Waterfront steht oder nicht.

Dennoch bleibt auch die Politik in der Verantwortung.

Ich würde mir vor allem wünschen, dass die Politik und die Interessenverbände an einem Strang ziehen. Dass parteipolitische Gräben und alte Ressentiments überwunden werden. Gleichzeitig darf nicht immer dieses alte Argument kommen: "Wir werden vernachlässigt und die Innenstadt kriegt alles." Man sollte versuchen, aus den eigenen Potenzialen das Beste herauszuholen. Denn der Glaube, dass Stadtentwicklung durch Politik alleine gestaltet werden kann, ist ein technokratisches Verständnis, das man überwunden hat.

„Die Menschen wollen ein lebendiges Quartier“

Der Sozialgeograf Ivo Mossig zur Bedeutung von Stadtteilzentren und ihren Entwicklungsmöglichkeiten

Zur Person: Ivo Mossig (42) ist Professor für Humangeografie am Institut für Geografie der Universität Bremen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Wirtschafts- und Sozialgeografie.

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