Verabschiedung von Pastor Ulrich Lebenslang St.-Petri-Dom

Mehr als ein Vierteljahrhundert war Pastor Peter Ulrich in der Dom-Gemeinde tätig. Nun wird der 65-Jährige mit einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet.
21.02.2019, 10:43
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Hanni Steiner

Der Bremer St.-Petri-Dom ist von Kindesbeinen an sein Zuhause, er ist dort getauft und konfirmiert: Im Gottesdienst am 24. Februar wird Pastor Peter Ulrich, seit gut 26 Jahren dort Prediger, Seelsorger und auch so etwas wie ein Entertainer, aus all diesen Pflichten in den Ruhestand entlassen.

Offiziell heißt das: Er wird „entpflichtet“, aus den zuweilen erdrückenden Pflichten werden nun Möglichkeiten – er kann weiterhin seine Lieblingsorte in der tausendjährigen Kirche aufsuchen, gelegentlich einen Kollegen vertreten, freundschaftliche Kontakte zu Menschen der Gemeinde pflegen, er kann aber auch Sport treiben, historische Themen bearbeiten, reisen und sich ausruhen. Es gehe nun, sagt er selbst, um Distanz zur Gemeinde ohne diese zu verlieren: „Da sein, helfen, beraten – diese Rolle muss ich noch für mich finden.“ Wer ihn kennt, kann sich gut vorstellen, dass er mit Humor und Geduld all das unter einen Hut bekommt.

Pastor für die Stadt

Als Pastor am Dom gehört Peter Ulrich sozusagen zum Inventar der Stadt. Die Kirche ist sowohl ein viel besichtigtes und markantes historisches Bauwerk als auch ein Gotteshaus für Menschen in ganz Bremen. Die Gemeinde hat rund 10 000 Mitglieder, verteilt über die ganze Stadt. Und wie auch seine drei Kollegen Christian Gotzen und Henner Flügger sowie die Kollegin Ingrid Witte an St. Petri ist Ulrich dieser großen Gemeinde verpflichtet, gleichzeitig aber auch Pastor für die Stadt mit häufigen Prominenten-Führungen und Erläuterungen zu Kirche und Gemeinde: „Wir dienen der Gemeinde und lenken sie gleichzeitig, wobei jede und jeder von uns bestimmte Schwerpunkte hat wie Jugend- oder Seniorenarbeit, Musik, Domgeschichte, Freimarktgottesdienste.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Einer unter uns spinnt immer, aber das geht reihum. Man muss eben auch die Fähigkeit mitbringen, mal einsam zu sein.“

Geboren 1953 in Bremen, studierte Peter Ulrich nach dem Wehrdienst evangelische Theologie in Wuppertal und Göttingen: „Angefangen habe ich mal mit Jura, habe aber nichts verstanden. Ewig dankbar bin ich deshalb der Dekanatssekretärin an der Göttinger Uni, die mir sagte: Jura ist nichts für Sie, bleiben Sie man bei der Theologie!“ Ab 1983 folgte dem Studium der Alltag in einer Gemeinde: Vikariat an der Großen Kirche in Bremerhaven, danach dort Hilfsprediger und schließlich ab 1986 Pastor.

Er erinnert sich heute noch an die erste Beerdigung: „Die vergisst man als Pastor nicht. Da muss man alles geben, um die Familie zu trösten. Meine Erfahrung ist übrigens: Die Kaffeetafel danach ist immens wichtig, um alles zu verarbeiten.“ Dankbar erinnert sich Ulrich an seinen Bremerha­vener Kollegen Manfred Schulken, der ihn als jungen Nachwuchspastor unter seine Fittiche genommen und in schwierigen Situationen beraten und gestärkt habe. „Ich habe sehr gern in Bremerhaven gelebt. Jemand aus dem Vorstand sagte mal: Bei uns ist er erst Mensch geworden.“

Doktorarbeit in der Schublade

Lange schon lag die in Göttingen begonnene Doktorarbeit über alttestamentliche Theologie in der Schublade – 1989 schließlich der Abschluss und 1992 die Rückkehr zu den Wurzeln am St.-Petri-Dom: „Es war ja der Domprediger Gerhard Tietze gewesen, der mich einst zur Theologie geführt hatte. Ich konnte mit ihm über alles reden, er hat mich nie missioniert. Er überzeugte durch seine Persönlichkeit – trotz der dicken Zigarren, die er rauchte und bei deren Qualm mir immer schlecht wurde. Und ich missioniere auch nicht – ich bin nicht evangelikal, aber auch nicht liberal, ich bin ein Mann der Mitte.“

Wichtige Vorbilder seien für ihn Martin Luther (1483-1546) mit seiner klaren Sprache sowie die Theologen Karl Barth (1886-1968) und Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), die als Gegner des Nationalsozialismus in die deutsche Geschichte eingegangen sind. Worauf er sich mit seinem Beruf und der Ortswahl eingelassen hatte, spürte Peter Ulrich in den 26 Jahren am Dom sehr deutlich: Predigt, Seelsorge, Dom-Geschichte und eben auch „Entertainment“ – das heißt bei unterschiedlichen Gelegenheiten das Evangelium überzeugend verkündigen, den Menschen zuhören, in vielen Sitzungen moderieren, Ausflüge mit Konfirmanden und Fahrradtouren mit dem „PU-Team“ (PU für Peter Ulrich) organisieren und betreuen, immer wieder Besuchern die Besonderheiten des Doms erläutern, pubertierende Jugendliche im Konfirmandenunterricht bei der Stange halten und für christliche Überzeugungen gewinnen. Aber: „Ich bin meinen ‚Konfis’ unendlich dankbar, denn sie haben mich vorbereitet auf eine ganz besondere private Situation: auf das Zusammenleben mit meiner Frau und ihren drei Kindern.“

Mit 48 Jahren eine Familie geheiratet

Im Dom-Gemeindebrief von August 2002 hatte er verraten, was ihn gerade persönlich bewegte: Als Junggeselle von 48 Jahren heiratete er eine Familie. Ehefrau Juliane, gebürtig aus Cuxhaven-Altenbruch, brachte zwei Jungen von 13 und elf sowie eine Tochter von sechs Jahren mit in die Ehe. Seit 2003 gibt es dazu noch eine gemeinsame Tochter. „Ich musste mich vom Ehemann der Mutter zum Freund der Kinder entwickeln, und das ging nur über Freundschaft und Solidarität.“ Und mit Respekt: „Wenn ich im Amtszimmer an einer Predigt schreibe, brauche ich die Isolation. Die Kinder klopfen grundsätzlich an und ich auch bei ihnen. Jeder gibt und nimmt – und meine Frau moderiert.“

Als Pastor am St.-Petri-Dom kommt man an der Geschichte des Bauwerks und damit an der Geschichte der Hansestadt nicht vorbei. Peter Ulrich hatte daraus für sich über viele Jahre ein in Arbeit ausartendes Hobby gemacht. Als Mitarbeiter der „Maus“, der Bremer Gesellschaft für Familienforschung, hat er ungezählte Stunden in Archiven und zwischen vergilbten Urkunden verbracht. Heute ist er nur noch Ehrenvorsitzender der „Maus“, aber weiterhin auch im Vorstand der Vereini­gung für bremische Kirchengeschichte.

Am Ende des Gesprächs fasst Peter Ulrich als historisch interessierter Pastor, als Seelsorger und, ja, auch als Entertainer zusammen: „Ich habe es mit sehr reichen Leuten und mit armen Tröpfen zu tun. Ich interessiere mich für jeden Menschen. Und ich war gerne Pastor, das ist meine absolute Lebenserfüllung und für mich eine Ehre. Nun muss ich auch lernen, loszulassen und das ist wichtig und gut so.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+