Bakterien in Nahrung Lebensmittelüberwacher decken Verstöße auf

Bremen. Das Bremer Gesundheitsressort legt in diesen Tagen einen umfassenden Bericht zum „Gesundheitlichen Verbraucherschutz“ vor. Fazit nach der Lektüre: Kleinere Verstöße sind in Bremen relativ häufig, gravierende Mängel aber eine seltene Ausnahme.
18.08.2010, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Bernd Schneider

Bremen. Glycerin im Rotwein, verdorbene Sahne auf dem Kuchen und Hygienemängel in Gaststätten – ohne staatliche Kontrolle würde vieles nicht auffliegen, was dem Verbraucher den Appetit verdirbt. Das Gesundheitsressort legt in diesen Tagen einen umfassenden Bericht zum „Gesundheitlichen Verbraucherschutz“ vor. Fazit nach der Lektüre: Kleinere Verstöße sind in Bremen relativ häufig, gravierende Mängel aber eine seltene Ausnahme.

Zu den Schwerpunkten der Untersuchungen 2009 gehörte die Verseuchung von frischem Seefisch mit Mikroben. Bundesweit habe es sehr viele Beanstandungen gegeben, nun wollte man auch in Bremen genauer hinsehen. So zogen die Lebensmittelüberwacher los und verschafften sich fast 130 Proben – auf der ganzen Verarbeitungs- und Handelskette bis zum Fischgeschäft an der Ecke und dem Marktwagen.

Etwa eine von elf Proben wurde am Ende beanstandet, meist weil sie mit Bakterien verunreinigt war. Am besten schnitten Marktsstände, Verkaufswagen und Imbisse ab. Dort wurden 27 Proben gezogen, nur eine fiel durch. Fazit: Das Risiko, verdorbenen Fisch zu kaufen, ist „im Land Bremen als niedrig einzustufen“. Die hohe Zahl der Beanstandungen in anderen Bundesländern „ist vermutlich auf lange Transportwege zurückzuführen“.

„Aber bitte nicht mit Sahne“ – das könnte mancher Verbraucher denken, wenn er das Kapitel „Aufgeschlagene Sahne aus Eisdielen und Konditoreien“ liest. Von 53 Proben aus Sahneautomaten waren allein 38 mit Bakterien verunreinigt, darunter Pseudomonaden, Enterobactteriaceae und der Keim „Listeria monocyogenes“. Das Spektrum der denkbaren Erkrankungen reicht von Durchfall und Bauchschmerzen über Atemwegsinfektionen bis zur Entzündung des Gehirns.

Warum gerade die Sahnezubereitung so anfällig ist für Verunreinigungen, erklärt der Bericht, der am Donnerstag der Gesundheitsdeputation vorliegen soll, so: Schon Verpackungen können infiziert sein, manchmal sind aber auch die Vorratsbehälter in den Betrieben verschmutzt („käsiger Rand“) – oder die Bakterien gelangen durch Personal mit schmutzigen Händen in die Sahne.

Die vielen Verstöße aus dem Jahr 2009 jedenfalls haben in der Behörde dazu geführt, dass fertig geschlagene Sahne auch 2010 ein Schwerpunkt ihrer Kontrolle sein soll. Auffällig gewordene Betriebe bekommen nun häufiger Besuch. Und: Bei wiederholten Hygienemängeln sollen auch Bußgelder verhängt werden.

Trotz aller festgestellten Mängel: 2009 haben die Kontrolleure nur sieben gravierende Verstöße aufgedeckt, in denen sie Strafverfahren einleiten mussten. So dürfen Eier nur maximal 21 Tage nach dem Legen verkauft werden – ein Betrieb hat sich daran nicht gehalten und wurde angezeigt. Auch der Nachweis von giftigen Farbstoffen in Handschuhen und nicht zugelassenen Farbstoffen in einem Kinder-Schmink-Set hat nun ein juristisches Nachspiel.

Besonders Wein scheint anfällig zu sein für schwere Verstöße, Bei fast 20 Prozent aller kontrollierten Weine gab es Beanstandungen: Ein Großhändler hat 2000 Flaschen verkauft, die bereits im Begriff waren, unter Sauerstoffeinfluss zu verderben; er kann einen „Mäuselton“ bekommen, und riecht dann „nach Ammoniak und Mäuseharn“. Argentinischer Wein war mit Natamycin belastet, ein Medikament gegen Pilzbefall. Ein Weinabfüller hat Wein aus Italien in den Verkehr gebracht, der zu wenig Alkohol enthielt; und ein italienischer Rotwein enthielt Glycerin, das als Frostschutzmittel, Schmierstoff und Weichmacher verwendet wird. Zwar darf es auch als Süßungsmittel in Lebensmittel gelangen, im Wein hat es aber nichts zu suchen.

Es gibt fast keine Lebensmittelgruppe, bei der es keine Probleme gab: Zehn Prozent aller Käseproben wurden beanstandet, oft wegen Schimmel, ebenso zehn Prozent aller Fleischproben, meist wegen Bakterienbefalls. Bierschinken wird als „light“ bezeichnet, obwohl er das nicht ist; und die Fettangabe auf dem Brennnesselkäse (30 Prozent in der Trockenmasse) ist auch geschönt – in Wahrheit steckt viel mehr von dem Dickmacher im Käse. Quecksilber im Heilbutt, Cadmium im Tintenfisch, Parasiten im Blauen Wittling, Bakterien in Schwarzwälder-Kirsch-Torte – immer wieder kommen Überschreitungen von Grenzwerten ans Licht. Und Falschdeklarationen, etwa eine Buttercremetorte ohne Butter: Sie enthielt „ausschließlich Pflanzenfett“, heißt es in dem Bericht.

Ähnliche Probleme gibt es auch beim Eis: Enthält es weniger als 70 Prozent Milch oder ist es mit Pflanzenfett angereichert, darf es als Milcheis nicht verkauft werden. 2008 hat noch jeder Zweite gegen diese Vorschrift verstoßen. Seitdem werden die Hersteller systematischer kontrolliert und aufgeklärt. So lag die Zahl der Beanstandungen 2009 nur noch bei zwölf Prozent.

Dem Wetter nach zu urteilen geht die Eis-Saison zu Ende – 58 Tage sind es noch bis zum Freimarkt. Auch dort tummeln sich die Lebensmittelüberwacher: 45 Betriebe haben sie 2009 kontrolliert – jeder dritte fiel wegen Hygienemängeln oder unzureichender Kühlung der Lebensmittel durch. Härtester Fall: Im Kühlraum eines Fischstandes fanden sich 4,5 Kilo des Krebsfleischimitats Surimi, das Mindesthaltbarkeitsdatum war seit dreieinhalb Wochen abgelaufen, die Ware wurde vernichtet.

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