Atelier Gag in Bremen Schnoor Lebenswerk aus Papier

Das Atelier Gag im Bremer Schnoor gehört zu den ältesten Geschäften in Bremens Touristenmeile. Wann sein Stiefsohn Monno Marten den Laden übernehmen wird, ist noch offen.
21.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Das Atelier Gag im Bremer Schnoor gehört zu den ältesten Geschäften in Bremens Touristenmeile. Wann sein Stiefsohn Monno Marten den Laden übernehmen wird, ist noch offen.

Fritz König, 76, blickt durch den Verkaufsraum seines Ateliers Gag im Bremer Schnoor. „Das hier ist mein ganzes Leben gewesen.“ In dem Geschäft verkauft er schon seit 1986 Modellbaubögen aus Papier, es gehört zu den ältesten in Bremens Touristenmeile. Es liegt zentral, nebenan ist ein Café. Königs Vorgänger ­besaß hier einen Tabakladen. „Jeder, der in ­Bremen zu Besuch ist, kommt hier durch“, sagt der 76-Jährige. Bald soll sein Stiefsohn Monno Marten den Laden übernehmen.

Es ist Mittagszeit. Wieder betritt eine Gruppe von Touristen den Laden. Der rote Plastikboden im Eingangsbereich des Verkaufsraums knarzt. Bis zu acht Kunden halten gerade sich im Geschäft auf. Sie stöbern in der Auslage und begutachten die in der Luft hängenden Papiermodelle. Ob Zeppeline, Flugzeuge, historische Gebäude oder Weihnachtskarten, im Atelier Gag stehen rund 2000 Modelle zum Verkauf.

Der Großteil des Angebots sind Bögen zum Selbstausschneiden, vereinzelt gibt es sie auch vorgestanzt. „Sie haben tolle Sachen“, lobt eine Kundin die Auswahl und entscheidet sich für den Nachbau der Londoner Tower Bridge. König nimmt sichtlich erfreut das Lob entgegen. Er lächelt unter seinem dichten weißen Vollbart. Ein weiterer Kunde staunt: „Das ist ja gewaltig. Ich wusste gar nicht, dass es so viel gibt.“

Königs Kundschaft sind vorwiegend Touristen. So etwas wie Stammkunden habe er nicht. Aus Bremen gebe es nur noch vereinzelt Käufer. „Und Profis, die sich mit Papiermodellen auskennen und das als Hobby betreiben, kaufen sich ihren Kram im Internet. Die brauchen das hier nicht“, sagt er. Die Auswirkungen des Internets auf den Markt treffen damit auch König. Viele Hersteller lieferten ihre Ware inzwischen nicht mehr an die Händler, sondern direkt an die Kunden.

König selbst kann seine Leidenschaft für Papier nicht erklären. Schon als Kind habe er „Unmengen“ gebaut. Im Rahmen seines Kunststudiums in Kassel musste er verschiedene Werkstätten durchlaufen – von Keramik über Holz bis zu Papier. „Im Prinzip bin ich bei Papier hängen geblieben.“

Der gebürtige Remscheider hat ein Spezialgebiet: Er baut Modelle, in denen eine komplizierte Papiermechanik integriert ist. Selbst die antreibende Kurbel ist aus dem empfindlichen ­Material. Zu seinen Modellen gehört unter anderem ein Pärchen, das die Köpfe zueinander dreht und sich küsst. Aber auch die sogenannte Ohrfeigen-Maschine. Hier stehen sich zwei Männer gegenüber und verpassen sich abwechselnd eine Ohrfeige.

Dieses Modell hat über die Grenzen Bremens Bekanntheit erlangt – bis nach Japan. Vor ein paar Jahren war ein Kamerateam eines japanischen Fernsehsenders im Schnoor und machte Aufnahmen für einen Bericht über das Bremer Bastelgeschäft.

Und die Ohrfeigen-Maschine blieb den Zuschauern dabei in besonderer Erinnerung. „Vor ein paar Jahren kamen zwei japanische Touristen hierher“, erinnert sich König. „Die haben sich dann voreinander hingestellt und sich abwechselnd geohrfeigt. Manchmal hat man schon sehr seltsame Erlebnisse.“

"Ich bin mit Papiermodellen groß geworden"

Wann sein Stiefsohn Monno Marten den Laden übernehmen wird, ist noch offen. Der heute 46-Jährige hat bereits als Jugendlicher im Familienbetrieb mitgearbeitet. „Ich bin mit den Papiermodellen groß geworden“, sagt der gelernte Druckvorlagenhersteller. Im Alter von zwölf Jahren machte er sich an seinen ersten Papierbogen: den ehemaligen Seenotrettungskreuzer „Theodor Heuss“.

Das habe aber „nicht so richtig funktioniert“, sagt Marten. „Ich bin damit auch nie fertig geworden.“ Nicht fertig, aber bereits in Planung sind neue Projekte. Vor Kurzem war Marten mit seiner Freundin im Urlaub in Mexiko. Besonders angetan hat es ihm eine Maya-Pyramide. „Die ist ein relativ einfaches Modell, weil sie sehr eckig ist“, erklärt ­Marten. „Und aus der Welt der Maya und Azteken haben wir kaum etwas im Angebot“, ergänzt er.

Die tatsächliche Umsetzung könnte länger dauern. Schließlich hat Marten schon einige Projekte in Planung, die er Jahr für Jahr beiseiteschiebt. Eines davon ist der Bremer Dom. „Da sitze ich schon über zwei Jahre dran“, sagt er. Warum er damit nicht fertig wird? Beim Bremer Dom handele es sich ausschließlich um ein privates Projekt. „Da habe ich keinen Kunden dahinter. Und wenn Kunden kommen, rücken meine privaten Projekte in den Hintergrund.“

Marten setzt vorwiegend Aufträge von Museen und Kirchen um. Zuletzt hat er die Felicianuskirche in Weyhe nachgebaut. Die hat er, wie alle seine Modelle, am Computer gezeichnet. Auf seinem Computer haben sich über die Jahre etliche Modelle angehäuft – etwa
500 Gigabyte an Daten.

Das Bauen der Papiermodelle ist zeitaufwendig, selbst bei Profis wie König und Marten. Im Verkaufsraum des Ateliers hängt an der Decke ein Adler. „Für den habe ich ein Jahr gebraucht“, sagt König. „Aber auch aus einem anderen Grund. Als ich einen Flügel fertig hatte, hatte ich keine Lust, dasselbe noch einmal für den anderen Flügel zu machen“, sagt er und lacht. Generell sei es schwierig vorauszusagen, wie lange ein Laie oder ein Profi für ein Modell brauche. „Es hat noch niemand mit einer Stoppuhr gemessen“, sagt König.

König macht darauf aufmerksam, dass am Fenster des Ateliers der Slogan „Bauen mit Papier“ steht. „Ich finde das Machen wichtig“, sagt er. Ob der Großteil seiner Kunden die gekauften Modelle auch wirklich baut, bezweifelt der 76-Jährige. „Ich verkaufe drei Viertel für den Papierkorb, das weiß ich“, bedauert König und ergänzt: „Die Leute kaufen das oft nicht für sich selbst, sondern bringen so etwas nur mit.“

Während sein Stiefsohn noch viele Ideen umsetzen möchte, will König jetzt kürzertreten. „Ich habe eigentlich Zeit genug, ich werde aber alt. Es kommen einfach keine Ideen mehr.“ Königs Nachfolger für den Laden verfolgt ehrgeizige Ziele. „Ich mache hier die nächsten
30 Jahre“, sagt Marten und lacht. Um das Lebenswerk des Stiefvaters in Ehren zu halten.

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