Verein „Tauschwatt“ veranstaltet Markttag in der Zionsgemeinde / Alle Leistungen sind gleich viel wert

Lebenszeit gegen Lebenszeit

Neustadt. Jeder Mensch ist gleich viel wert – ganz egal, ob er Informatiker ist oder Tischler, Frisör oder Manager. Daran glaubt Antonie Brinkmann, deshalb ist sie da: An einem sonnigen Sonntagnachmittag im Saal der Zionsgemeinde an der Kornstraße.
16.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Meyer
Lebenszeit gegen Lebenszeit

Antonie Brinkmann (links), die gerade mit Cornelia Schwander verhandelt, ist immer bei den Tauschwatt-Markttagen dabei.

Roland Scheitz

Jeder Mensch ist gleich viel wert – ganz egal, ob er Informatiker ist oder Tischler, Frisör oder Manager. Daran glaubt Antonie Brinkmann, deshalb ist sie da: An einem sonnigen Sonntagnachmittag im Saal der Zionsgemeinde an der Kornstraße. Hier sitzt sie nun, während all die anderen draußen Fahrradfahren oder bummeln oder einfach nur im Garten entspannen, hinter einem langen Tapeziertisch. Mit einer Liste vor sich, auf der oben ihre Nummer steht: 957. Unter diesen Zahlen ist sie gelistet, sammelt sie ihre „Tiden“. Gerade hat sie zwei Bücher getauscht, gegen eine „Tide“, ein Spottpreis. Sie trägt den Namen der Tauschperson ein und eine eins für die „Tide“, die nun ihrem Konto gutgeschrieben wird. Es ist ihre achtzehnte an diesem Tag, mittlerweile steht sie bei 65.

65 „Tiden“, das bedeutet bei „Tauschwatt“: 650 Minuten. „Eine ‚Tide‘ sind zehn Minuten Lebenszeit“, erklärt Harald Czacharowski aus der Östlichen Vorstadt. Der 60-Jährige ist seit 19 Jahren Teil des Systems, in dem sich Menschen im nachbarschaftlichen Sinne helfen: Der eine streicht die Küche, dafür mäht die andere ihm den Rasen, zum Beispiel. Das Prinzip ist einfach: „Jede Arbeit ist gleich viel wert, und jede Leistung wird gleich bewertet“, sagt Czacharowski. Lebenszeit gegen Lebenszeit.

Nur auf den „Tauschwatt“-Markttagen ist das etwas anders. Dort kann man „Tiden“ auch gegen Gegenstände eintauschen. Auf den Tischen liegen Tüten mit selbst gebackenen Keksen und Gläser mit hausgemachter Marmelade, stehen Geschirr und liegen ausgebaute Computerteile, gibt es Tischdecken und Kleidung und Bücher zu ertauschen. Die 80-jährige Antonie Brinkmann aus der Neustadt ist immer dabei, auch heute, obwohl eigentlich Weltfrauentag ist. Ihr Leben lang hat sie sich für die Gleichstellung der Frau engagiert, heute macht sie mal eine Pause – dafür ist ihre Freundin bei einer Aktion dabei. Brinkmann selbst verwaltet deshalb auch die „Tauschware“ von ihrem Tisch und den Kontoschein ihrer Freundin. Von ihren eigenen Sachen hat die pensionierte Juristin bereits Ledermappen, Luftmatratzen und Handtaschen veräußert und Bücher. „Ich bin gerade dabei, die zweite Reihe aus meinem Regal loszuwerden“, sagt sie lächelnd.

Von ihren „Tiden“ hat sie sich die Küche streichen lassen. „Das war mein erster großer Tausch“, erinnert sich die 80-Jährige. Das ist viele Jahre her, und seitdem hat sie sich oft im Zusammenhang mit handwerklichen Tätigkeiten helfen lassen: Stühle aufpolstern, Holz für den Ofen in der Küche hacken lassen und so weiter. Sie selbst bietet dagegen Übersetzungen ins Englische an, gestaltet am Computer Gedichte von anderen und nimmt andere „Tauschwatt“-Mitglieder im Auto mit. „Man ist in einer großen Gemeinschaft“, sagt Brinkmann. „Das ist das Schöne.“

Eine Gemeinschaft, in der zwar alle unterschiedliche Talente und Fähigkeiten besitzen – aber in der sie deshalb nicht unterschiedlich behandelt werden. Seit 20 Jahren funktioniert das Prinzip bei „Tauschwatt“ bereits. Frank Zimmermann ist seit der Gründung dabei. Der Zahntechniker hilft hobbymäßig gerne im Haushalt, vor allem bei Elektro- und Fahrradreparaturen. Manchmal, aber nur zwei bis drei Mal im Jahr, gibt er sogar telefonische Beratung zum Thema Zahnersatz. Eigentlich aber nimmt er an dem System nur Teil, weil er die Philosophie gut findet. „Wir sind basisdemokratisch organisiert, das gefällt mir“, sagt er. Der 54-Jährige aus Osterholz ist auch noch in anderen Tauschringen in Niedersachsen Mitglied, viele Freundschaften sind in der Zeit schon entstanden. Einmal hat er sich auch ein komplettes Catering für eine Geburtstagsfeier ertauscht, etwa 100 „Tiden“ hat ihn das gekostet.

Damit das Tauschsystem funktioniert, gibt es auch Begrenzungen: Jedes der insgesamt etwa 120 Mitglieder im Verein darf maximal 300 „Tiden“ (Flut) ansammeln. Die Ebbe hingegen darf nicht unter minus 150 „Tiden“ liegen. „‘Tauschwatt‘ eignet sich nur für Menschen, die wirklich auch Zeit mitbringen“, sagt Harald Czacharowski. Jeden Monat werden ihnen drei „Tiden“ Steuer abgezogen, die auf das Konto derjenigen gehen, die sich in den offiziellen Ämtern des Vereins engagieren und ihre Zeit unter anderem in die Buchhaltung investieren. Der 60-Jährige beispielsweise ist Kassenwart. „Nur so werden die Leute auch dazu angehalten, sich regelmäßig, am besten monatlich, zu engagieren.“ Czacharowskis tut dies vor allem in der Produktion von Senf: Regelmäßig kauft er Senf vom Bio-Bauern und bereitet ihn dann nach seinem eigen Rezept mit Honig zu. „Ich kann also auch ein wenig mein Hobby ausleben“, sagt er. Sein anderes Hobby, das Bücherlesen, hat er eigentlich mittlerweile etwas zurückgeschraubt – am Markttag jedoch hat er wieder zugeschlagen: Zwei „Tiden“ gingen für ein Buch drauf.

Sein Tipp: „Wer sich bei Tauschwatt engagieren möchte, sollte sich auf eine Leistung spezialisieren, die auf dem Markt gefragt ist.“ Er selbst beispielsweise nehme gerne Massagen in Anspruch, Anbieter dieser Art werden oft kontaktiert. „Aber auch Heimwerker, Frisöre und Haushaltshilfen“, sagt er. Nähen, auf Kinder aufpassen, Reiki und Briefkastenleeren hingegen seien oft „Garanten für einen Misserfolg“. Die einzelnen Leistungen und ihre Anbieter werden monatlich in der Marktzeitung und online präsentiert und können darüber kontaktiert werden.

Antonie Brinkmann jedenfalls wird weiter „Tiden“ sammeln und tauschen und ihre Leistungen anbieten. „Das macht den Alltag auch einfach noch spannender“, sagt die 80-Jährige. Einmal, das weiß sie noch, ist sie mit einem anderen „Tauschwatt“-Mitglied durch Bremen und Umgebung gefahren, um eine Katze zu suchen. Und das hat ja auch etwas: Lebenszeit gegen Lebenszeit zu tauschen, alltägliche gegen spannende.

Weitere Infos zu „Tauschwatt“ unter www.tauschwatt-bremen.de. Der Markttag für Mitglieder findet alle drei Monate in der Zionsgemeinde statt, das nächste Mal am 14. Juni.

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