Flüchtlinge in Bremen Leere Turnhallen, volle Zelte

Immer weniger Flüchtlinge suchen Zuflucht in Bremen. Deshalb werden die Turnhallen nun leer geräumt und die Asylsuchenden ziehen in Übergangswohnheime. Einige Probleme bleiben trotz sinkender Zahlen.
18.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Leere Turnhallen, volle Zelte
Von Kathrin Aldenhoff

Immer weniger Flüchtlinge suchen Zuflucht in Bremen. Deshalb werden die Turnhallen nun leer geräumt und die Asylsuchenden ziehen in Übergangswohnheime. Einige Probleme bleiben trotz sinkender Zahlen.

Die Bierzeltgarnituren lehnen zusammengeklappt an einer Trennwand aus Sperrholz. In einer Ecke liegt ein Fußball, an einer Sperrholzwand klebt eine Blume aus Papier, auf dem Boden liegen ein paar Spielkarten. Es ist still. In der Turnhalle Parsevalstraße lebten 120 Flüchtlinge, am Mittwoch sind sie umgezogen; 45 in die Versöhnungskirche, 75 in Übergangswohnheime. An den Türen zu den Duschen hängen noch Schilder auf Englisch, Farsi und Arabisch. Zwei Umzugshelfer laufen durch die provisorischen Räume in der Turnhalle und bauen die Bettgestelle aus Metall auseinander. Sie werden eingelagert, falls sie wieder gebraucht werden.

Im Moment ist das eher unwahrscheinlich: Die Zahl der Flüchtlinge, die in Bremen ankommen, sinkt. So wie sie in den vergangenen Wochen in ganz Deutschland gesunken ist. Im Januar kamen 858, im Februar 721. Es ist erst ein halbes Jahr her, da kamen in Bremen in einer Woche so viele Flüchtlinge an, wie jetzt in einem Monat. „Damals haben wir innerhalb von einer Woche Notunterkünfte eröffnet“, sagt Uwe Eisenhut. Er leitet bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Bremen den Bereich Asyl und Migration. Er sagt: „Man merkt, dass weniger Flüchtlinge kommen.“ Und dass alle froh seien, dass die Unterkünfte in den Turnhallen geschlossen werden.

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Die Awo wird eine Turnhalle in Huchting noch vor Ostern räumen, eine Woche früher als geplant. Die Flüchtlinge, die dort leben, ziehen in Übergangswohnheime und andere Notunterkünfte. Zum Beispiel in einen leeren Baumarkt in Gröpelingen. „Das ist besser als eine Turnhalle“, sagt Eisenhut. Für Sportler und Flüchtlinge.

Im Sommer sollen alle Schulen ihre Hallen zurück haben

Trotz der niedrigeren Zahlen lebten noch viele Menschen in Notunterkünften, sagt Eisenhut. Und die stellten seinen Mitarbeitern immer wieder die gleichen Fragen: Wann bekommen wir einen Termin beim Bamf, wann beim Sozialamt, wann können wir hier raus? „Wir müssen sie immer vertrösten.“ Zwar entspanne sich die Situation in den Ämtern allmählich, jetzt wo weniger Flüchtlinge kämen. „Für das Empfinden vieler Flüchtlinge geht es immer noch nicht schnell genug. Manche warten seit Monaten.“ Und die Arbeit für die Mitarbeiter gehe weiter, auch wenn jetzt weniger Flüchtlinge ankämen. „Es geht ja nicht nur darum, den Menschen ein Dach überm Kopf zu vermitteln.“

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Ein junger Mann und eine junge Frau, die dort gelebt haben, kommen am Donnerstagnachmittag in die Turnhalle Parsevalstraße. Sie wollen ihr Fahrrad abholen, das haben sie am Umzugstag nicht mitgenommen. Fünf Monate war die Turnhalle Parsevalstraße eine Notunterkunft, nun ist sie leer. Weil weniger Flüchtlinge ankommen, wird sie nicht mehr als Notunterkunft gebraucht. Die Sozialbehörde hofft, dass nach den Sommerferien alle Schulen und Vereine ihre Hallen zurück haben.

In der Notunterkunft am Kaffee-Quartier, die ebenfalls von der Inneren Mission betreut wird, ist die Situation eine völlig andere. Der stellvertretende Leiter, Gerald Wagner, steht im Gang vor den Büros, zwei Männer und eine Frau stehen bei ihm. Sie diskutieren, sie brauchen einen Platz für einen Mann, der alleine gekommen ist. In der Unterkunft gibt es nur Vier-Bett-Zimmer. Gerald Wagner schüttelt den Kopf, sagt: „Wir sind voll.“ Sie werden sehen, in welchem Zimmer noch ein Bett frei ist, in dem der Mann schlafen kann.

Übergangswohnheime als Zwischenlösung

Kinder schreien, bauen aus Holzpaletten eine Brücke über eine Pfütze, einige junge Frauen haben Stühle nach draußen geholt, sie sitzen in der Sonne, rauchen Wasserpfeife und reden. 384 Plätze gibt es in der Unterkunft, 360 sind belegt. Die übrigen sind leer, weil sie nicht belegt werden können. Weil zum Beispiel ein Paar mit einem kleinen Kind in einem Vier-Bett-Zimmer wohnt. Da bleibt das vierte Bett frei.

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„Wir werden die niedrigeren Flüchtlingszahlen in ein paar Monaten merken, wenn neue Übergangswohnheime öffnen“, sagt Bertold Reetz von der Inneren Mission. Auch die sind, wie ihr Name sagt, nur als Zwischenlösung gedacht. „Wirkliche Integration kann nur im eigenen Wohnraum funktionieren. Da müssen wir Geduld haben.“ Reetz kann sich nicht uneingeschränkt freuen, dass weniger Flüchtlinge nach Bremen kommen. Er findet, aus humanitären Gründen müsse Europa die Flüchtlinge, die an der griechisch-mazedonischen Grenze ausharren, aufnehmen. Einen Teil von ihnen auch Deutschland, das sei zu schaffen. Er habe es als Verrat empfunden, als Politiker davon sprachen, Deutschland sei überfordert mit den Flüchtlingen. „Wir haben uns nie überfordert gefühlt. Für uns war es eine Herausforderung.“

Der junge Mann und die junge Frau sind nicht lange in ihrer alten Unterkunft in der Parsevalstraße geblieben. Nach ein paar Minuten sind sie wieder weg, ein wenig enttäuscht. Das Fahrrad, das sie gesucht haben, war nicht mehr da.

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