Zwischen Kiosken und Friseursalons

Leerstand im Steintor: Wie sich das Bremer Viertel wandelt

Ein Schuhladen schließt, ein Fischhandel gibt auf, ein Süßwarenladen macht dicht. Lange galt das Steintor als Zentrum der ausgefallenen Geschäfte. Inzwischen nimmt der Leerstand im Viertel zu. Wie kommt das?
28.12.2019, 06:00
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Leerstand im Steintor: Wie sich das Bremer Viertel wandelt
Von Nico Schnurr
Leerstand im Steintor: Wie sich das Bremer Viertel wandelt

Lange galt das Steintor als Zentrum der ausgefallenen Geschäfte in Bremen. Inzwischen nimmt der Leerstand zu.

Michael Matthey

An einem Freitagmorgen im Dezember steht Thomas Brand vor seinem Geschäft und sieht den Leuten dabei zu, wie sie durch das Steintor hasten. Volle Tüten, Vorweihnachtsstress. Nicht mehr seine Sache. Die Umhereilenden ziehen vorbei, niemand, der vor Brands Schuhladen anhält. Die Fenster sind zugeklebt, das Geschäft hat geschlossen. Seit Ende November ist Schluss, ein Traditionsladen weniger im Viertel.

Er ist im Steintor aufgewachsen, in der Wohnung über dem Schuhgeschäft seiner Eltern, das er später selbst führt, mehr als 30 Jahre lang. Brand lebt noch immer in dem Altbau, „Kiezkind eben“, sagt er. Was heißt das, wenn einer wie er hier hinschmeißt?

„Mit dem Viertel stimmt etwas nicht“: Thomas Brand hat seinen Schuhladen im Steintor geschlossen.

„Mit dem Viertel stimmt etwas nicht“: Thomas Brand hat seinen Schuhladen im Steintor geschlossen.

Foto: Michael Matthey

Brand, grauer Bart, Schiebermütze, führt vorbei an seinem leeren Laden, die Straße runter, vor ein Eckcafé. Er bestellt einen Espresso, dreht sich eine Zigarette und erzählt vom Warten. Die Zahlen seien nicht so schlimm gewesen wie die Langeweile. Manchmal habe er im Laden gehockt und nichts gemacht außer zu warten, stundenlang Leerlauf, weil immer weniger Laufkundschaft vorbeigekommen sei, zu ihm, aber auch ins Viertel insgesamt. Irgendwann habe es sich angefühlt, als sei er „zum Nichtstun verdammt“. Habe er nicht hinnehmen wollen. Also habe er entschieden, das Geschäft zu schließen.

Einen kleinen Teil der Ladenfläche behält Brand, falls er doch noch mal wieder Schuhe verkaufen will, man weiß ja nie. Den großen Rest, 130 Quadratmeter, will er vermieten. Bloß an wen? Bislang findet er niemanden, zumindest keinen Einzelhändler. Dieser Umstand, glaubt Brand, sagt etwas aus über die Lage des inhabergeführten Einzelhandels. Nichts Gutes. Auch nicht über die Gegend, die lange so etwas wie das Bremer Zentrum der kleinen Läden und ausgefallenen Geschäfte gewesen ist, seine Gegend. „Mit dem Viertel stimmt etwas nicht“, sagt Brand, „hier gibt es eine Entwicklung, die den Einzelhändlern schadet.“

Alles auf ein paar hundert Metern, alles dicht

Als Brand seinen Schuhladen schließt, ist er nicht der Einzige im Viertel. Kurz zuvor hat ein Fischgeschäft dichtgemacht, auch der Süßwarenladen daneben. Ein Geschäft für E-Zigaretten hat geschlossen, schon länger stehen zwei Dönerläden leer, ein Burgerrestaurant, eine Videothek, eine Crêperie, ein Käseladen. Alles auf ein paar hundert Metern, alles dicht.

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Ganz normal, könnte man meinen, so ist das Viertel eben, immer im Werden, ständig im Wandel. Ein Laden schließt, ein anderer macht auf, der Lauf der Dinge. Und tatsächlich sind einige der leer stehenden Geschäfte ein paar Wochen später, Ende Dezember, schon wieder in neuen Händen. Aus dem alten Dönerladen ist ein neuer Dönerladen geworden, aus der Videothek ein Friseur, aus dem Süßwarengeschäft ein weiterer Friseur. Man fragt sich bloß: Ist das Teil der Lösung oder Teil des Problems, von dem Inhaber wie Thomas Brand sprechen?

Überall Leerstand im Steintor, wie kommt das? Zu viel Feiermeile, zu viele Kioske, sagt Norbert Caesar, Vertreter der Kaufleute, beim Spaziergang durchs Viertel.

Überall Leerstand im Steintor, wie kommt das? Zu viel Feiermeile, zu viele Kioske, sagt Norbert Caesar, Vertreter der Kaufleute, beim Spaziergang durchs Viertel.

Foto: Michael Matthey

Wenn das einer wissen sollte, ist es Norbert Caesar. Im Ostertor führt er ein Geschäft für Haushaltswaren, dazu leitet er eine Initiative, in der sich die Kaufleute aus dem Viertel organisieren. Ende November, ein Vormittag, der Inhaber lädt in seinen Laden. Caesar, graues Haar, randlose Brille, Schnäuzer, ist erst nicht zu sehen, dann taucht er zwischen Kaffeemaschinen und Kochtöpfen auf. Unter seinem Arm klemmt ein Stapel Papiere, eine Studie. Er referiert die Ergebnisse noch im Flur des Ladens: Fast jedes zweite Geschäft im Viertel sei kein Einzelhändler, sondern ein Restaurant, eine Kneipe oder ein Kiosk. Grenzwertig.

Es brauche eine gesunde Mischung, sagt Caesar und meint damit, dass eine Einkaufsmeile nicht vor allem aus Kiosken und Kneipen bestehen kann, wenn sie eine Einkaufsmeile bleiben will. Niemand bummelt gerne an Kiosken vorbei. Gibt nicht viel zu gucken, das wollen die Leute aber, sagt Caesar, für den die Sache klar ist: Wenn die Dichte an Einzelhändlern abnimmt, kommen weniger Menschen ins Viertel. Zumindest zum Einkaufen. Später wird er sagen: „Ich befürchte, dass das Steintor zur reinen Feiermeile wird.“ Jetzt geht es erst einmal dorthin.

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Funktionierende Ladenmeile im Ostertor

Caesar wirft sich eine Jacke über, raus aus dem Laden, Kapuze richten. Dann links runter, über den Sielwall, der das Viertel teilt. Auf der einen Seite das Steintor: Leerstand, Friseure, Kioske, schlechtes Viertel. Auf der anderen das Ostertor: funktionierende Ladenmeile, gesunde Mischung, gutes Viertel. So in etwa sieht Caesar das. Er huscht über die Sielwallkreuzung und deutet auf ein abgehangenes Schaufenster. Außen an der Scheibe blättert die Schrift ab, letzte Angebote in verblasstem Weiß: Zanderfilet, Thunfisch.

Daneben klebt ein Lorbeerkranz, matt glänzend, dort steht: 75 Jahre. Doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Kähler hat zu. Ein Laden wie eine Institution, Fisch, für den die Leute durch die halbe Stadt gefahren sind. Caesar seufzt, nichts zu machen. Ein Generationswechsel, der nicht funktioniert hat. Kommt vor. Das eigentliche Problem liegt woanders: Caesar hat keine Ahnung, was mit dem Laden passiert. Wisse niemand. Außer der Besitzer der Immobilie. Doch den kenne keiner. So sei das hier fast immer. Caesar schüttelt den Kopf, so heftig, dass die Kapuze über seinen Rücken tanzt. „Keine Chance“, sagt er, „wir sind machtlos.“

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Selbst wenn Caesar eine Idee hätte, wer dort einziehen könnte, wird er keinen Einfluss auf die Entscheidung haben. Er wird nicht verhindern können, dass das nächste Traditionsgeschäft von einem Kiosk oder Friseur ersetzt wird. Caesar dreht sich, seine Augen folgen der Straße, rechts der leere Süßwarenladen, links das verwaiste Burgerrestaurant. Er kneift die Augen zusammen. „Wenn wir hier nur noch egoistische Immobilienbesitzer haben, denen alles egal ist, außer das schnelle Geld“, sagt Caesar, „dann geht der Stadtteil den Bach runter, dann werden sich hier nicht mal mehr die Anwohner versorgen können.“

Ein Altbremer Haus am Sielwall. Knarzende Holzdielen, hohe Decken, gedimmtes Licht. An einem wuchtigen Tisch sitzen Gerlind und Werner Scharf und Stefan Schafheitlin, ehemalige Pädagogen, inzwischen im Rentenalter. Wenn die Scharfs aus ihrem Küchenfenster schauen, können sie in den wärmeren Monaten beobachten, wie die feiernden Massen abends vorbei an ihrem Haus zum Osterdeich strömen. Manchmal blieben welche stehen und pinkelten in den Vorgarten. Dann klappten sie das Küchenfenster auf und brüllten raus. Eine klassische Antwort der Pinkler: „Wenn euch das so nervt, zieht doch nach Delmenhorst.“

„Leben im Viertel“ als Antwort auf den Wandel

Weil das keine Option für sie ist, haben sie zusammen mit anderen eine Bürgerinitiative gegründet. „Leben im Viertel“, mit einem Sitz im Beirat vertreten, soll ihre Antwort auf den Wandel in der Gegend sein, der sich gegen sie richtet. So jedenfalls fühlt sich das für sie an. Sie befürchten, dass aus ihrem Zuhause ein unbewohnbarer Abenteuerspielplatz für Trinktouristen wird. Wenn man mit ihnen übers Viertel spricht, fallen Ausdrücke wie „Gaststättenmonokultur“, „Ballermannisierung“, „Wildwuchs der Außengastronomie“.

Auf dem Tisch liegt ein schwerer Aktenordner. Werner Scharf fliegt über die Seiten, alte Interviews des Innensenators, Bebauungspläne. Er hat alles abgeheftet, was ihm die Lage im Viertel erklärt. Scharf hat sich ins Jahr 2005 zurückgeblättert. Damals ist die Konzessionssperre im Steintor aufgehoben worden. Einige Läden standen leer, also öffnete man die Gegend stärker für Gastronomie. Lieber Kneipen und Kioske als Leerstand. Dachte man damals. Heute sieht die Bürgerinitiative darin die Wurzel vielen Übels im Viertel. Mehr Kneipen und vor allem mehr Kioske, das bedeute Alkohol rund um die Uhr, immer dreckig, immer laut. Immer die Möglichkeit, dass die Stimmung kippt, wenn der Pegel steigt, irgendwer durchdreht. „Ich verstehe die Kaufleute“, sagt Scharf, „wer will schon einen Laden zwischen zig Kiosken betreiben?

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Das Fischgeschäft hat Norbert Caesar hinter sich gelassen, er läuft weiter, vorbei an vier Kiosken auf etwa 50 Metern, das ist hier die Quote. Wie rechnet sich das für die Betreiber? Caesar hält an. Er sucht nach den richtigen Worten. „Wir haben hier mit dem Gerücht zu kämpfen“, sagt er, „dass Immobilien an Personen gehen, die das Geld haben, aber niemand genau weiß, woher es kommt.“ Ein heikles Thema, ganz genau wisse niemand Bescheid. „Keiner möchte sich die Finger verbrennen“, sagt er, „das Problem ist, alle verschließen die Augen.“ Caesar schaut zu den Kiosken, blinkende Lichter, kistenweise Bier. „Der Politik fehlt der Wille, das Thema anzugehen“, sagt er, „es kommt nichts auf die Kette, und uns die Zeit läuft davon.“

Titus-Chef Jörg Fengler sieht auch die Einzelhändler in der Pflicht: "Man muss sich etwas einfallen lassen, damit Leute noch in den Laden kommen."

Titus-Chef Jörg Fengler sieht auch die Einzelhändler in der Pflicht: "Man muss sich etwas einfallen lassen, damit Leute noch in den Laden kommen."

Foto: Michael Matthey

Wie ist das als Einzelhändler, wenn in der Nachbarschaft ein Laden nach dem anderen schließt? Titus, ein Skateshop an der Sielwallkreuzung. Hinterm Tresen steht Inhaber Jörg Fengler vor einer bunten Bretterwand, hört die Frage und zuckt mit den Schultern. Fengler, Rauschebart, Tattoos an Hals und Händen, überlegt eine Weile, bis er antwortet. „In letzter Konsequenz muss es mir egal sein, ob es hier nur noch Kioske gibt“, sagt er, „wenn das eine Saufmeile wird, ist es auch so.“ Natürlich kämen weniger Leute ins Viertel als früher. „Die Kaufkraft hat nachgelassen, das ist hier nicht mehr die Flaniermeile schlechthin.“ Aber deswegen hinschmeißen? Nicht sein Ding. Er schaue heute genauer auf seine Zahlen als früher. „Ich will nicht den Punkt verpassen, an dem ich hätte schließen müssen“, sagt Fengler, „aber da stehe ich noch nicht.“

Ein Konzert zwischen Kleidung und Skateboards

Man könne im Viertel immer noch bestehen, man brauche bloß Ideen. Ein paar Produkte in den Laden stellen, das reiche nicht mehr. Gibt es alles auch im Internet. Am Abend zuvor hat Fengler zwischen Kleidung und Skateboards ein Konzert veranstaltet, Punkrock aus Philadelphia. Er geht um den Tresen, rüber zum Computer, schnell noch Bilder mit der Band von gestern auf Instagram posten. Marketing. Muss sein. Und wenn auch das nicht reicht? „Kann ich das dann auch nicht ändern“, sagt Fengler, „erst wenn hier der letzte Laden geschlossen hat, werden die Leute merken: ,War früher vielleicht doch besser als Amazon.'“

Am Dezembermorgen sitzt Thomas Brand noch vor dem Eckcafé, als eine Frau auf einem Fahrrad vorbeifährt. Brand schaut auf ihre Füße. Lederstiefel. Er erkennt das Modell sofort. Muss sie bei ihm gekauft haben. „Schöne Schuhe, junge Dame“, ruft Brand ihr hinterher. „Ich liebe dieses Paar“, antwortet die Frau, bremst und steigt ab, „schade, dass sie schließen, wie geht es jetzt weiter mit dem Laden?“ Brand sagt knapp: „Mal sehen.“

Brand hofft, dass ein Einzelhändler in das Geschäft zieht, ein Laden, von dem das Viertel profitiert. Sieht schlecht aus. Kaum Interessenten. Sechs Monate will er abwarten. Und wenn er niemanden findet? Brand nippt am Espresso. „Wenn ich bis Juni niemanden gefunden habe“, sagt er, „dann ist es mir auch egal.“ Er zieht an der selbstgedrehten Zigarette und pafft den warmen Rauch in die kalte Dezemberluft. „Dann wird es halt ein Kiosk oder ein Friseur.“

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