Podiumsdiskussion über Kopftuch im Lehramt: Uni-Konrektorin Yasemin Karakasoglu kritisiert Vorurteile „Lehrer müssen toleranter werden“

Bremen. Kopftuch im Lehramt – seit März ist das auch in Bremen erlaubt. Aber was bedeutet das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ganz konkret für die Arbeit in den Schulen, für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern und für den Umgang von Lehrern mit Schülern und Eltern in Bremen? Um diese und andere Fragen zu beantworten, hatte die Universität Bremen am Mittwoch Behördenvertreter, Lehrer und angehende Lehrerinnen zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.
21.05.2015, 00:00
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„Lehrer müssen toleranter werden“
Von Antje Stürmann

Kopftuch im Lehramt – seit März ist das auch in Bremen erlaubt. Aber was bedeutet das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ganz konkret für die Arbeit in den Schulen, für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern und für den Umgang von Lehrern mit Schülern und Eltern in Bremen? Um diese und andere Fragen zu beantworten, hatte die Universität Bremen am Mittwoch Behördenvertreter, Lehrer und angehende Lehrerinnen zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.

Bildungssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) ließ sich vom Leiter der Abteilung Bildung ihres Ressorts, Detlef von Lührte, vertreten. Für die „Arbeitsgruppe mit Kopftuch im Lehramt“ sprachen Havva Temirlenk und Habiba Rode; Marcus Schreyer als Konrektor der Bremer Oberschule Koblenzer Straße vertrat die Lehrer. Aus Sicht der Wissenschaft argumentierte Yasemin Karakasoglu, sie ist Uni-Konrektorin für Interkulturalität und Internationalität.

Vor zwei Monaten hatte das Bundesverfassungsgericht das pauschale Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen gekippt. Geklagt hatten zwei Pädagoginnen aus Nordrhein-Westfalen, die aus Glaubensgründen im Unterricht ein Kopftuch oder zumindest eine Mütze tragen wollten. Die Richter begründeten ihr Urteil: christlich-abendländische Bildungs- und Kulturwerte und Traditionen dürften nicht bevorzugt werden. Es verbiete sich die Schlussfolgerung, dass die Trägerin eines Kopftuchs ein Zeichen setze gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder für die Einschränkung der Freiheitsgrundrechte.

Das Urteil hat zur Folge, dass Lehrerinnen in Bremen ab sofort – ohne Änderung des Schulgesetzes – im Unterricht Kopftücher tragen dürfen. Dafür gibt es zwei Bedingungen: Das äußere Erscheinungsbild darf die religiösen und weltanschaulichen Empfindungen der Schüler und der Eltern nicht stören. Außerdem dürften Spannungen, die aus der Verletzung der religiösen und weltanschaulichen Neutralität herrühren und die den Schulfrieden gefährden, nicht in die Schule getragen werden.

Es waren die großen Fragen des Abends: Wann ist der Schulfrieden eigentlich gestört? Wer kann ihn stören? Reicht es, wenn Eltern verweigern, dass ihr Kind von einer Lehrerin mit Kopftuch unterrichtet wird? Erhält diese Lehrerin dann die Kündigung? „Es sind so viele Fragen, die ich gern beantwortet hätte“, sagte Havva Temirlenk. Detlef von Lührte sagte, meist seien es andere Dinge, die dazu führten, dass der Schulfrieden gestört sei. Als Beispiel nannte er Prügeleien von Mitgliedern verschiedener Glaubensrichtungen des Islam auf dem Schulhof. Von Lührte ist sicher: „Die Hürde, die das Bundesverfassungsgericht aufgestellt hat, ist so hoch, die wird nicht erreicht, wenn der ein oder andere abfällige Bemerkungen macht.“

Einig waren sich die Gesprächspartner, dass Frauen aus anderen Kulturkreisen eine Bereicherung für den Schuldienst sein können: Lehrerinnen mit Kopftuch dürften nicht als Risiko gesehen werden, sagte Habiba Rode. Vielmehr sollten ihre Vorzüge gesehen werden: die Fähigkeit, verschiedene Kulturen zusammenzubringen und das in mehreren Sprachen. Konrektor Marcus Schreyer betonte, er freue sich auf jede Lehrerin, die mit ihrer Kompetenz die Schule bereichere. Ihn interessiere die Person, nicht ihr Äußeres, sagte Schreyer. An seiner Schule gebe es den Leitsatz, dass viele verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Kulturen einander wertschätzend und respektvoll zusammenarbeiten. „Wir müssen nicht über ein Kopftuch diskutieren“, stellte er klar. Eine Lehrerin, die mit Kopftuch unterrichte, könnte die Neugier von Schülern wecken und unter Umständen sogar für Bewunderung sorgen.

Havva Temirlenk und Habiba Rode haben das in der Praxis so erlebt. Probleme, sagte Rode, habe es immer nur mit den Schulleitern oder Kollegen gegeben. „Sie behaupteten, ich stehe dafür, dass Mädchen nicht ins Schwimmbad gehen dürfen“, so Rode. Yasemin Karakasoglu bestätigte: Junge Frauen – egal welcher Herkunft – müssten sich mit einem ganzen Set von Vorurteilen auseinandersetzen. Das werde nun sichtbar. Sie forderte, Schulen müssten grundlegend über Vielfalt diskutieren und wie diese im Alltag aussehen könnte. „Viele Schulen sind davon noch weit entfernt“, kritisierte die Wissenschaftlerin. Lehrern und Schulleitern müssten in der Ausbildung und in Weiterbildungen mehr Toleranz und die Fertigkeit vermittelt werden, sich Diskussionen mit Eltern zu stellen. Eine Grundschullehrerin regte an, an jeder Schule einen interkulturellen Berater einzusetzen. „Dann wären wir viel eher in der Lage, uns auf die Gegebenheiten in Bremen einzustellen.“ Aus dem Publikum kam auch die Anregung, Lehrer zu verpflichten, sich interkulturell zu öffnen und an Fortbildungen teilzunehmen.

Laut Behörde unterrichtet in Bremen bislang erst eine Lehrerin mit Kopftuch. Yasemin Karakasoglu schätzt, dass unter den Lehramtsstudentinnen bis zu 25 sind, „für die das Thema Kopftuch relevant ist“. Das seien nicht viele. Havva Temirlenk geht jedoch davon aus, dass sich diese Zahl nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts um ein Drittel erhöhen könnte.

In der Praxis, prophezeite Detlef von Lührte, „wird es Konflikte in den Schulen geben – unter Kollegen, mit den Eltern und Schülern“. Vereinzelt seien diese bereits vorhanden. Auch in der Gesellschaft werde es weiterhin Auseinandersetzungen zum Thema Kopftuch geben – trotz oder gerade wegen des aktuellen Gerichtsurteils.

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