Mangel an Pädagogen

Lehrer sind heiß begehrt

Ausnahmsweise ist genug Geld da. Trotzdem ist es nicht gelungen, zum Beginn des neuen Schuljahres alle benötigten Lehrerstellen zu besetzen. Nach Auskunft der Bildungsbehörde fehlen in Bremen 38 Pädagogen.
06.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Elke Gundel
Lehrer sind heiß begehrt

Ginge es nach Matthias Güldner, bildungspolitischer Sprecher der grünen Bürgerschaftsfraktion, sollte das Potenzial von Flüchtlingen besser genutzt werden. In Bremen gebe es viele Lehrer mit einer ausländischen Qualifikation, die schlichtweg anerkannt werden müssten.

dpa

Ausnahmsweise ist genug Geld da. Trotzdem ist es nicht gelungen, zum Beginn des neuen Schuljahres alle benötigten Lehrerstellen zu besetzen.

Nach Auskunft der Bildungsbehörde fehlen in Bremen 38 Pädagogen; in Bremerhaven laut Magistrat sogar 40. Über die Ursache herrscht ausnahmsweise ebenfalls Einigkeit: Die Schülerzahlen steigen – auch durch den Zuzug von Flüchtlingen. Deshalb konkurrieren nun sämtliche Bundesländer um ausgebildete Pädagogen.

Im Vergleich mit Niedersachsen hat Bremen nach den Zahlen, die Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) vorgelegt hat, die Nase vorn: Die Unterrichtsversorgung in der Stadt liege bei 99,55 Prozent. Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hat dagegen kürzlich erklärt, in ihrem Bundesland liege die Quote bei 98 Prozent. Allerdings ist die Personaldecke nach Einschätzung Bremer Bildungspolitiker auch an der Weser in einigen Bereichen überaus dünn.

Zum Beispiel bei den Vertretungskräften, wie Arno Armgort, Vorsitzender des Personalrats Bremer Schulen, sagt. „Ein Großteil der Unterrichtsvertretung wird nicht von voll ausgebildeten Kollegen absolviert, sondern von Bachelor-Absolventen.“ Darunter könnten Studierende sein, die ihren Master-Kurs tatsächlich beendet haben und nur noch auf ihr Zeugnis warten – aber auch Studenten, die „gerade erst mit dem Master-Studium angefangen haben“.

Werbeprogramm für Lehrer

Dabei gebe es an den Schulen für diese Kolleginnen und Kollegen anders als für Referendare „keinerlei Betreuung oder Anleitung“. Aus Sicht des Personalrats ist das eine Überforderung. „Wir sehen diese Entwicklung mit Sorge und sind nicht bereit, das dauerhaft mitzutragen.“ Deshalb führe der Personalrat Gespräche mit der Bildungsbehörde, um diese Situation zu beenden.

Um auf Dauer mehr junge Lehrer für einen Job in Bremen und Bremerhaven zu begeistern, seien kreative Lösungen gefragt, ­betonen Kristina Vogt, bildungspolitische Sprecherin der Linken Bürgerschaftsfraktion in Bremen, und Christian Gloede, Landesvorstandssprecher der Bremer GEW. Denn wenn sich die Uni-Absolventen das beste Angebot aussuchen können, „dann entscheiden sie sich im Zweifel für ein Bundesland, das mehr bezahlt und in dem die Arbeitsbelastung nicht so hoch ist“, sagt ­Kristina Vogt.

Ein möglicher Ansatz aus ihrer Sicht: Dort, wo die Belastung besonders groß ist – etwa in Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund – könnte das Lehrdeputat gesenkt werden. Das würde honorieren, dass sich Lehrer um viele kleine und große Probleme ihrer Schüler und deren Familien außerhalb des Unterrichts kümmern. Und Christian Gloede sagt: „Wir brauchen nicht nur ein Seiteneinsteiger-Programm. Wir brauchen ein richtiges Werbeprogramm, um junge Leute zu motivieren, diesen Beruf zu ergreifen.“ Das müsse an der Uni beginnen und sich bei der Betreuung der Referendare fortsetzen.

Viele Flüchtlinge wären qualifiziert

Matthias Güldner, bildungspolitischer Sprecher der grünen Bürgerschaftsfraktion, verweist auf ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial. „Durch den Zuzug von Flüchtlingen gibt es in Bremen viele Lehrer mit einer ausländischen Qualifikation“, sagt Güldner. Einige von ihnen hätten in ihrer Heimat Deutsch unterrichtet, sodass auch die Sprachbarriere kein Problem sei. Als Hürde erweise sich jedoch die Bürokratie beim ­Versuch, die ausländischen Abschlüsse anzuerkennen und die qualifizierten Kräfte in die Klassenzimmer zu bringen, betont der Grünen-Politiker.

Mustafa Güngör, Bildungspolitiker der Bremer SPD-Fraktion, ist mit der Lage zwar nicht zufrieden. Allerdings bescheinigt er der Bildungsbehörde, sie habe angesichts der Schwierigkeiten, vor denen die Bundesländer gleichermaßen stehen, ihre Hausaufgaben gemacht. Der Ansatz, ­Seiteneinsteiger als Pädagogen zu gewinnen, sei richtig.

Engpässe gebe es bei den naturwissenschaftlichen Fächern und bei den Sonderpädagogen, sagt Thomas vom Bruch, bildungspolitischer Sprecher der Bremer CDU-Bürgerschaftsfraktion. Um genaue Zahlen zu erhalten, fordere seine Fraktion einen Bericht von der Bildungssenatorin für die Sitzung der Bildungsdeputation Ende August.

38 unbesetzte Planstellen im ­gesamten Stadtgebiet

Für etwa 52.650 Mädchen und Jungen hat nach Auskunft des Bildungsressorts am Donnerstag in Bremen die Schule wieder begonnen. An diesem Sonnabend werden außerdem fast 4500 Kinder eingeschult. An den öffentlichen Schulen arbeiten 5623 Lehrerinnen und Lehrer – 186 von ihnen wurden laut Bildungsbehörde neu eingestellt, darunter seien sieben Seiteneinsteiger.

Zudem gebe es einen Vertretungspool mit 210 Stellen. Vertretungskräfte, die ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen, also noch kein zweites Staatsexamen haben, seien bei der Stadtteilschule angestellt, erläutert ­Annette Kemp, Sprecherin der Bildungs­behörde. Ein Teil des Vertretungspools ­werde jedoch von voll ausgebildeten Pädagogen gestellt; diese seien Angestellte der Bildungsbehörde.

Die 38 unbesetzten Planstellen verteilen sich laut Annette Kemp auf Schulen im ­gesamten Stadtgebiet. Nach den Informationen, die dem Personalrat vorliegen, haben die Schulen erst in den letzten Tagen vor Ferienende erfahren, mit welchen ­Kollegen sie tatsächlich planen können. Der Personalrat habe die Bildungsbehörde deshalb gebeten aufzuschlüsseln, wie viele Mädchen und Jungen an den einzelnen Schulen von wie vielen Lehrern betreut werden, sagt Arno Armgort. Erst dann sei es möglich, die Lage zu bewerten.

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