Versammlung von Bremer Berufsschullehrern

Lehrkräfte sehen noch viel Nachholbedarf bei Praktikumsklassen

Am Dienstag haben knapp 400 Berufsschullehrkräfte aus Bremen in einer Personalversammlung über die Situation in ihren Klassen gesprochen. Dabei war auch das Übergangssystem aus Praktikumsklassen Thema.
26.11.2019, 21:44
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Lehrkräfte sehen noch viel Nachholbedarf bei Praktikumsklassen
Von Lisa-Maria Röhling

Die Lücken bei manchen Schülern sind inzwischen erheblich, sagt Karsten Krüger. Der Berufsschullehrer bemerkt immer öfter, dass junge Menschen mit Lerndefiziten von den Oberschulen oder Gymnasien an die Berufsschulen kommen. „Das hat zugenommen.“ Besonders gravierend sei die Lage in den sogenannten Praktikumsklassen: Dort sollen Chancen für schulpflichtige Jugendliche geschaffen werden, die aus verschiedenen Gründen nicht direkt in die Ausbildung gehen. Auch Krüger unterrichtet in diesen Klassen, zwei Tage die Woche verbringt er mit den Schülern im Klassenraum, die übrigen drei sind sie im Praktikum. Falsche Schwerpunktsetzung, findet Krüger. „Die brauchen mehr Bildungszeit“, sagt er.

Erste Versammlung seit 17 Jahren

Auch auf der Personalversammlung der 16 Bremer Berufsschulen am Dienstag steht das Thema der Praktikumsklassen ganz oben auf der Tagesordnung. Knapp 400 Lehrkräfte sind im Schlachthof zusammen gekommen, um sich über die Arbeit an ihren Schulen auszutauschen. Nach Angaben von Angelika Hanauer, Vorsitzende des Personalrats Schulen, ist es die erste Versammlung für Berufsschullehrkräfte, die seit mindestens 17 Jahren einberufen wurde. „Das hat den Kolleginnen und Kollegen sehr gut gefallen“, erklärte Hanauer, die selbst an einer Berufsschule unterrichtet.

Der Unmut in Bezug auf die Praktikumsklassen, sagt Krüger nach der Versammlung, sei bei vielen Kollegen groß, Beschwerden bei der Bildungsbehörde seien bisher allerdings „wegmoderiert“ worden. Dabei sei der Druck auf die Lehrkräfte erheblich gestiegen: Während bei anderen Bildungsgängen eingespart worden sei, würden die Praktikumsklassen ausgeweitet. Nach Angaben der Bildungsbehörde gibt es aktuell 34 Klassenverbände an neun Berufsschulen, 487 Schülerinnen und Schüler werden dort unterrichtet. Zum neuen Halbjahr sollen sechs Klassen und eine weitere Schule dazukommen. Ausgerichtet sind sie auf junge Menschen, die zwar eine Berufsbildungsreife oder einen mittleren Schulabschluss, jedoch keinen Ausbildungsbetrieb gefunden haben, sich für keinen Beruf entschieden oder ihre bisherige schulische Ausbildung aufgegeben haben.

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Gerade diese Jugendlichen brauchen aus Krügers Sicht mehr Hilfe, mehr Unterrichtszeit, mehr Unterstützung bei alltäglichen Anforderungen. „Ihnen fehlen wichtige Grundfähigkeiten.“ Wer nach dem Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz finde, habe sicher auch mit Defiziten zu kämpfen, die sich eben nicht mit zehn Unterrichtsstunden bewältigen ließen. Aktuell teile sich der Schulunterricht in drei Mathestunden, vier Deutschstunden und weitere Wahlpflichtstunden. Krüger nutzt diese Stunden für Ausflüge in Museen oder zur Arbeitnehmerkammer, außerdem übt er mit seinen Schülern Vorstellungsgespräche. Aus seiner Sicht spielt die Berufsorientierung in den allgemeinbildenden Schulen eine viel zu geringe Rolle. Auch die Bremer Wirtschaft hatte das Problem kürzlich aufgegriffen: Mit der Aktion „Unternehmer/innen in die Schule“ wollen Bildungseinrichtungen und Firmen enger zusammenarbeiten, um Jugendlichen den Weg in die Ausbildung zu erleichtern.

Senatorin möchte Übergang zwischen Schule und Beruf stärken

Nach Krügers Angaben schließe nicht einmal die Hälfte der Schüler die Praktikumsklasse erfolgreich ab. Und das, obwohl die Anforderungen aus seiner Sicht relativ niedrig sind, so gebe es keine Abschlussprüfung. Seine Sorge: Wenn diese Schüler eine Ausbildung suchen und nicht die richtigen Voraussetzungen mitbringen, blieben sie auch nach dem Kurs auf der Strecke. Das Gegenteil von dem, was das Bildungsressort mit diesen Klassen erreichen will: In Bezug auf das schlechte Abschneiden der Bremer Neuntklässler beim IQB-Bildungstrend hatte Senatorin Claudia Bogedan (SPD) erklärt, dass auch die Übergangssysteme zwischen Schule und Beruf gestärkt werden sollen, dazu gehören die Praktikumsklassen. Dieses Ziel ist auch im rot-grün-roten Koalitionsvertrag verankert. „Wir arbeiten mit den berufsbildenden Schulen an einem umfassenden Unterstützungskonzept“, hieß es in einer Erklärung zum Bildungstrend.

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Die Bildungsbehörde betont, dass das Übergangssystem umgebaut werden soll. "Wie es dann aussehen wird, ist derzeit in Bearbeitung", sagt Sprecherin Annette Kemp. In der ersten Hälfte des kommenden Jahres soll das Thema auch in der Deputation diskutiert werden. Das Ziel der Klassen sei aber schon jetzt klar: "Die Ausbildungsbereitschaft soll gefördert und die Ausbildungsfähigkeit verbessert werden.“ Ein umfangreicheres schulisches Angebot zur Stabilisierung ist aus ihrer Sicht besonders für die Schüler hilfreich, die eine einfache Berufsbildungsreife haben.

Neben den Praktikumsklassen standen auch die Pläne und Versprechen der neuen Landesregierung auf der Tagesordnung: Im Koalitionsvertrag haben sich die Regierungsparteien unter anderem auf eine Schulstandortplanung für die berufsbildenden Schulen geeinigt, bis zur Aufstellung des Haushaltes soll sie vorliegen. Außerdem will die Koalition prüfen, ob ein Institut für berufliche Bildung nach Hamburger Vorbild in Bremen aufgebaut werden kann. Dieses Institut arbeitet nach Angaben Hanauers mit eigener Geschäftsführung und eigenem Kuratorium und damit weitgehend abgekoppelt von der Bildungsbehörde. Zu beiden Projekten gibt es bisher keine konkrete Pläne des Ressorts. Die Schulstandortplanung soll aber in der letzten Sitzung der Bildungsdeputation in diesem Jahr auf der Tagesordnung stehen. „Unser Ziel ist es, die Zahl der Standorte zu verringern und zu größeren zusammenzufassen“, hatte Bogedan im September dazu erklärt.

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