Holger-Philipp Bergt sammelt alles zur Geschichte des Warenhauskonzerns

Leidenschaft Karstadt

Wer die Wohnung von Holger-Philipp Bergt betritt, taucht ein in eine andere Welt. Als Blickfang hängt gleich hinter dem Esstisch ein übergroßes Wandbild der Bremer Karstadt-Filiale.
07.12.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Frank Hethey
Leidenschaft Karstadt

Ein Bewunderer des Karstadt-Stils: Holger-Philipp Bergt hat sich zuerst für die Architektur interessiert, erst danach für die Firmengeschichte.

Frank Thomas Koch

Wer die Wohnung von Holger-Philipp Bergt betritt, taucht ein in eine andere Welt. Als Blickfang hängt gleich hinter dem Esstisch ein übergroßes Wandbild der Bremer Karstadt-Filiale. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus den 1930er Jahren.

Durch die Obernstraße rumpelt eine altertümliche Straßenbahn, in der Ferne erhebt sich stolz der Turm der Ansgarii-Kirche. Wie ein Fenster in die Vergangenheit auch der Blick in den Vitrinenschrank. Akkurat aufgereiht stehen dort Eierbecher mit dem Karstadt-Schriftzug, daneben versilbertes Restaurantgeschirr und ein leicht mitgenommener Kleiderbügel aus dem früheren Standort im ostpreußischen Königsberg. Erst seit knapp einem halben Jahr ziert ein weiteres Prunkstück die Wand über dem Sofa: ein anderthalb Meter langes Emailleschild der Filiale in Stettin.

Karstadt ist Bergts Leidenschaft. Der drahtige 51-Jährige hat einen Narren an dem Unternehmen gefressen, besonders an der Firmenhistorie bis 1945. Alles, was mit dem Warenhaus auch nur im Entferntesten zu tun hat, weckt sein Interesse. Da geht es nicht nur um den Bremer Standort, sondern um jede einzelne Filiale, die es noch gibt oder mal gegeben hat. Gerade jetzt ist Bergt den Häusern in Celle und Neubrandenburg auf der Spur, er besucht die Stadtarchive, hält Ausschau nach Zeitzeugen. Natürlich steht er auch in Verbindung mit einzelnen Karstadt-Häusern wie auch der Karstadt-Hauptverwaltung in Essen. „Der Archivar hat mich toll unterstützt“, sagt Bergt. Doch im Grunde beherbergt seine Wohnung das Karstadt-Firmenarchiv. Was er bisher an Material zusammengetragen hat, füllt rund 90 Aktenordner. Fein säuberlich sortiert stehen sie in Wohnzimmer und Flur, allesamt verziert mit alten Karstadt-Motiven.

Über die Architektur Blut geleckt

Zu Karstadt ist Bergt über die Architektur gekommen. Schon als junger Mann begeisterte er sich für die äußeren Feinheiten des Bremer Hauses. In jenen Jahren liebäugelte er noch mit einem Architekturstudium, ist dann aber doch Schifffahrtskaufmann geworden. „Das war 1988/89, als die Fassade wieder in den alten Zustand zurückversetzt wurde“, erinnert sich der gebürtige Bremer, „damals habe ich sozusagen Blut geleckt.“ Bis heute schwärmt er für den typischen Karstadt-Stil. Diesen nüchternen, modernen Stil, der so gar nichts gemein hat mit dem verschnörkelten Historismus der Kaiserzeit.

Karstadt-Experte Holger Bergt

Ein Bewunderer des Karstadt-Stils: Holger-Philipp Bergt hat sich zuerst für die Architektur interessiert, erst danach für die Firmengeschichte.

Foto: Frank Thomas Koch

Die Firmengeschichte kennt Bergt in- und auswendig. Aus dem Stehgreif kann er darüber plaudern. Darüber, wie das erste Karstadt-Haus im neuen Stil 1914 in Leipzig entstand. Und wie unter der Ägide des Karstadt-Chefplaners Philipp Schaefer insgesamt zwölf Häuser in der gleichen Machart aus dem Boden gestampft wurden. Das letzte Bauwerk aus dieser Reihe kam in Bremen zum Zuge. „Es ist das größte von diesen zwölf Häusern, das heute noch steht“, sagt Bergt. „Und es ist das einzige, bei dem mit Behrens und Neumark lokale Architekten mitwirken durften.“ Über die Gründe kann der Karstadt-Experte nur spekulieren. Behrens und Neumark hätten schon bei den ersten Planspielen 1922 eigene Entwürfe vorgelegt, womöglich seien sie deshalb engagiert worden. „Aber sie konnten nicht machen, was sie wollten. Von ihnen kamen die Pläne, aber in Absprache mit Schaefer.“

Unumstritten war das neue Bauen keineswegs. Denn wo auch immer das florierende Unternehmen in den goldenen Zwanzigern ein neues Haus eröffnete, entzündete sich Kritik am monumentalen Baustil. „Jedes Mal hieß es: viel zu klobig, viel zu groß“, sagt Bergt. Doch das sei Strategie gewesen, ganz bewusst habe Karstadt in den Innenstädten reihenweise Grundstücke aufgekauft, um darauf seine nahezu baugleichen Warenhäuser zu errichten. „Schon damals gab es eine Corporate Identity“, sagt Bergt, so etwas wie ein unverwechselbares Firmenkennzeichen. „Man sah so ein Haus und wusste gleich: Ganz klar, das ist Karstadt.“

Dabei hätte es das Bremer Haus beinahe nicht gegeben. So wie das in Münster, wo zwar schon die Baugrube ausgehoben war, aber nicht gebaut wurde. Über 20 Jahre verunstaltete das „Karstadt-Loch“ die Innenstadt. Der Grund: die Weltwirtschaftskrise, die das Unternehmen mit voller Wucht traf. „Karstadt verhängte 1931 einen sofortigen Baustopp“, sagt Bergt. „Sämtliche Projekte wurden auf Eis gelegt. Nur die nicht, die man nicht mehr stoppen konnte, weil sie schon zu weit fortgeschritten waren.“ Dazu gehörte auch das Bremer Haus, das noch im Krisenjahr 1932 mit erheblichem PR-Aufwand eröffnet wurde. Danach war es vorbei mit neuen Häusern im Karstadt-Stil, von den sechs oder sieben noch geplanten Neubauten wurde keines mehr verwirklicht.

Durchaus kritisch sieht Bergt die Firmengeschichte in NS-Zeiten. Und zwar gerade weil Unternehmenschef Rudolph Karstadt kein Jude gewesen sei – ganz im Gegensatz zu den Eigentümern konkurrierender Warenhäuser. Kein Wunder also, dass Karstadt die Wirtschaftskrise mit Reichskrediten halbwegs unbeschadet überstand, während jüdische Mitbewerber wie das direkt benachbarte Kaufhaus Heymann und Neumann oder Bamberger im Stephaniviertel schon bald die Segel streichen mussten. Immerhin eignete sich Karstadt das Nachbargebäude nicht schon damals im Rahmen der „Arisierung“ an, sondern erst sehr viel später in den Nachkriegsjahren.

Mit seiner Sammelleidenschaft ist Bergt inzwischen weit vorangekommen. Mehrere Tausend Euro hat er sich den Spaß nach eigener Schätzung kosten lassen. Wobei die Reise- und Archivkosten noch gar nicht mal berücksichtigt sind. Besonders stolz ist er auf das Emailleschild aus Stettin. Wie und wann es in den Westen gelangt ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Doch womöglich geschah das erst nach dem Krieg. Bergt: „Man könnte fast meinen, die Lackschäden seien Einschusslöcher.“ Abgesehen hat er es nicht zuletzt auf Kleiderbügel mit dem Karstadt-Aufdruck. Sein Ziel: mindestens ein Kleiderbügel aus jeder Vorkriegsfiliale. An die 250 Exemplare aus den verschiedensten Standorten kann er schon sein eigen nennen. Einträchtig hängen sie an seiner Garderobe nebeneinander: Bügel aus Greifswald, Neustettin oder Wismar, dem traditionellen nördlichen Verbreitungsgebiet von Karstadt. „Damit habe ich jetzt Kleiderbügel aus fast allen Vorkriegshäusern zusammen“, sagt er, „es fehlt nur noch Bremen.“

Liebhaberstücke in Privatbesitz

Dass es auch an der Weser noch welche in privater Hand gibt, steht für ihn außer Zweifel. Und ebenso, dass sich noch mehr Karstadt-Devotionalien in Privatbesitz befinden. „Womöglich eine Kaffeetasse mit Karstadt-Emblem. Oder ein Eierbecher.“ Solche Liebhaberstücke wären nicht nur eine Bereicherung für seine Karstadt-Sammlung, sie könnten eines Tages auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Erst im Sommer wurden Exponate aus seiner Sammlung anlässlich des 135-jährigen Bestehens von Karstadt im Bremer Haus gezeigt. So eine Ausstellung würde Bergt gern wiederholen. „Es muss ja nicht unbedingt bei Karstadt sein, auch das Staatsarchiv oder ein Museum kämen in Frage.“

Und selbst damit hätte sich das Thema für ihn noch lange nicht erledigt. Sein Traum: „Irgendwann will ich einmal ein Buch über die Karstadt-Bauten schreiben.“ Auf einem guten Weg ist Bergt zweifellos. Und auch ziemlich sicher, dass Karstadt dann noch immer existiert.

Seine Prognose: „Wenn ein Warenhaus verschwindet, dann Kaufhof.“ Noch weniger sorgt er sich um den Erhalt des Bremer Hauses, auch wenn man nicht wissen könne, welche Pläne Kurt Zech als neuer Eigentümer habe. Denn: „Das Haus steht ja Gott sei Dank unter Denkmalschutz.“

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