Professor Hans Krings erklärt im Haus der Wissenschaft, wie man erfolgreich Vokabeln und Grammatik trainiert „Lernen kann man nicht delegieren“

Altstadt. „Französisch sprechen lernen in 30 Tagen“ oder gar „Chinesisch über Nacht“- von solchen Versprechungen sollte man sich besser nicht locken lassen, sagt Hans Krings, Professor für Angewandte Linguistik an der Universität Bremen, der zuvor Direktor des Fremdsprachenzentrums der Hochschulen im Land Bremen gewesen ist. Bei „Wissen um 11“ hat der Sprachwissenschaftler erklärt, wie man sich sinnvoll und umfassend einer neuen Sprache annähert.
10.07.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christine Gräfing

Altstadt. „Französisch sprechen lernen in 30 Tagen“ oder gar „Chinesisch über Nacht“- von solchen Versprechungen sollte man sich besser nicht locken lassen, sagt Hans Krings, Professor für Angewandte Linguistik an der Universität Bremen, der zuvor Direktor des Fremdsprachenzentrums der Hochschulen im Land Bremen gewesen ist. Bei „Wissen um 11“ hat der Sprachwissenschaftler erklärt, wie man sich sinnvoll und umfassend einer neuen Sprache annähert.

In seinem knapp einstündigen, sehr gut besuchten Vortrag hat er erklärt, was man beim Sprachenlernen für Fehler machen kann, um dann aber sogleich Tipps zu geben. Es gebe mehr als 6000 verschiedene Sprachen auf der Welt, und auch ein Professor müsse eine neue Sprache lernen, sagt Hans Krings, der unter anderem Italienisch und Französisch unterrichtet hat und sich selbst gerade mit der arabischen Sprache beschäftigt.

Ein Fehler beim Sprachenlernen sei es, die Aufgabe zu unterschätzen, weiß er. Nur ein paar Sätze in einer Fremdsprache sprechen zu können oder aber die Fremdsprache zu beherrschen, das sei ein Unterschied wie einen Tennisschläger in die Hand zu nehmen oder in Wimbledon zu gewinnen. Wenn man eine neue Sprache lernen wolle, solle man die Aufgabe unbedingt realistisch einschätzen, also „Lernwundern“ misstrauen, seinen Lernbedarf vorab klären und sich eindeutige Ziele setzen. Bei Vorkenntnissen sollte man sich auf einen objektiven Einstufungstest einlassen. Den Wortschatz von etwa 80 000 Wörtern in einer Fremdsprache habe man übrigens – wenn man jeden Tag etwa zehn Vokabeln lerne – in gut 22 Jahren erreicht, merkt Hans Krings augenzwinkernd an.

Einen Sprachkursus zu besuchen, reicht aus seiner Sicht allein nicht aus. Mit der Einstellung, dass man im Sprachunterricht etwas „beigebracht“ bekommt, verbinde sich außerdem die Gefahr, dass man als Schüler, oder „Lerner“, wie Krings sagt, die Verantwortung an den Lehrer abgibt. Hans Krings appelliert an die Selbstverantwortung, denn Lernen könne man nicht delegieren: „Werden Sie Ihr eigener Lern-Manager!“ Wichtig sei es, selbst über Lernziele zu entscheiden und einen Fundus an Strategien zu entwickeln. Neben Unterricht gilt es unter anderem, das „Selbstlernen“ einzubeziehen oder beispielsweise im Lerntandem zu arbeiten.

Das Fremdsprachenlernen sollte man nicht auf Grammatik- und Vokabellernen reduzieren. Das deutsche Wort „stehen“ beispielsweise heißt im Englischen „stand“. Die Formulierung „Wie steht es?“ aus dem Fußball aber ist nicht eins zu eins ins Englische übersetzbar. „What‘s the score?“ ist da die richtige Formulierung. Hans Krings rät, Texte in anderen Lehrwerken zu lesen, sogenannte „easy readers“ (vereinfachte Originalwerke) und Sprachlernzeitschriften zu nutzen, Texte mit paralleler Übersetzung, oder Werke erst auf Deutsch und dann im Original zu lesen. Alltagssprache mit viel direkter Rede könne man sogar aus „Groschenromanen“ lernen. Beim Fremdsprachenlernen machen viele seiner Erfahrung nach den Fehler, zu spät mit dem Hörverstehen anzufangen. Möglichst früh sollte man dafür Lehrbücher mit Audiomaterialien nutzen. Regel sollte sein: Jeden Text, den man liest, sollte man auch hören. Auch beim Hören sollte man zunächst mitlesen, aber immer mehr versuchen, den Inhalt ohne Lesen zu verstehen, und nur das, was man nicht verstanden hat, nachzulesen. Man könne sich auch mal mit einem fremdsprachigen Text einfach nur berieseln lassen. Fortgeschrittene hören fremdsprachiges Radio, sehen Filme im Original oder hören Audiobücher.

Niemand sollte zu viel auf Wörter und zu wenig auf die Wortbildung achten, sondern sich besser die Wortbildungselemente bewusst machen und erkennen, wie diese die Bedeutung des Grundwortes verändern. So kann man umgekehrt ein Wort in seine Komponenten zerlegen und dessen Bedeutung ableiten. Am Beispiel der spanischen Vokabel „puntual“ für „pünktlich“ macht Professor Krings es deutlich: Durch das Ansetzen der Vorsilbe „im“ wird das Gegenteil - „unpünktlich“ - ausgedrückt. Wenn man dann noch hinten den Wortteil „-idad“ anhängt, entsteht „(Un-) Pünktlichkeit“. Dieses Prinzip der Wortbildung kann man auf andere Vokabeln übertragen und hat so auch noch seinen Wortschatz vervielfacht.

Die Aussprache rein durch Nachahmung lernen zu wollen, führt nicht zum Ziel. Das englische Wort „action“ wird von etwa 90 Prozent aller Deutschen wie „äktschen“ ausgesprochen. Das ist falsch, denn der Buchstabe “T“ taucht in der englischen Aussprache nicht auf. Der Rat des Professors lautet, sich schnellstmöglich mit der richtigen Aussprache vertraut zu machen und dabei unbedingt Wörterbücher zu verwenden, in denen die Aussprache mit angegeben ist. Wichtig sei auch, die Bestandteile des Sprechens getrennt zu üben, um die richtige Aussprache der einzelnen Wörter und die Sprechmotorik zu beherrschen, die Muster der Fremdsprache zu kennen und all dies in einer konkreten Situation gleichzeitig anwenden zu können. So könne man beispielsweise die motorischen Aspekte des Sprechens üben, durch lautes Lesen, Nachsprechen oder Mitsingen von Liedern. Auslandsaufenthalte, Sprachreisen, Gespräche mit Muttersprachlern, Veranstaltungen von Sprach- und Kulturinstituten wie dem Instituto Cervantes, dem Institut français, dem Konfuzius-Institut oder der Volkshochschule, fremdsprachige Lesungen und Theaterstücke oder Ethnorestaurants besuchen – es gibt viele Möglichkeiten, Fremdsprachenkenntnisse zu erweitern. Die Erfolgsformel verriet Krings zum Schluss: „Anwenden! Anwenden! Anwenden!"

Weiterführende Literatur zum Thema: Es gibt beispielsweise den Ratgeber von Hans P. Krings, „Fremdsprachenlernen mit System- Das große Handbuch der besten Strategien für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis“, erschienen im Buske Verlag. Auch das Haus der Wissenschaft, das ehemalige Haus „Vorwärts“, Sandstraße 4-5, ist ein Lernort. Laufend werden wissenschaftliche Vorträge angeboten, die auch für Laien verständlich sind, und es werden Ausstellungen gezeigt. Ganz besonders beliebt ist die Wissenschaftsmatinee am Sonnabend um 11 Uhr, bei der aktuelle Themen der Forschung behandelt werden. Der Eintritt ist frei. „Wissen um 11“ dauert in der Regel eine halbe Stunde. Es kann aber durchaus später werden, wie der Vortrag von Hans Krings gezeigt hat. Meist sind auch Fragen möglich. Die Anzahl der Plätze im Vortragsraum ist begrenzt, eine Anmeldung aber nicht notwendig. Nähere Informationen und weitere Termine gibt es auf www . hausderwissenschaft .de.
„Werden Sie Ihr eigener Lern-Manager!“ Hans Krings
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