Bauernhofkindergarten in Aschwarden Lernen und spielen in der Natur

Jeweils sechs Jungen und Mädchen im Alter zwischen zwei und sieben Jahren besuchen derzeit den Bauernhofkindergarten in Aschwarden. Dort lernen und spielen sie in der Natur.
17.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Peter Otto

Ein Bauernhaus aus rotem Backstein steht längsseits an der engen und kurvenreichen Dorfstraße Auf der Wurth. Am moosgrünen Gitterzaun neben dem Eingangstor baumeln bunte Gummistiefel mit Blumen. Ein holzgeschnitztes Schild klärt den Besucher auf: „Bauernhofkindergarten“ steht da zu lesen. Hier hat Bettina Lang 2007 einen ländlichen Kindergarten gegründet. Eingebunden in eine bäuerliche Umgebung werden hier Vorschulkinder nach den Grundsätzen der Waldorfpädagogik erzogen.

Durch ein breites Hoftor betritt der Besucher den mit Granitsteinen grob gepflasterten Hof. Auf der linken Seite stehen ein neu gebauter, überdachter Backofen und eine hölzerne Kletteranlage. Vorbei am verglasten Hauseingang auf der rechten Seite blickt der Gast auf eine eiserne Schwengelpumpe, umgeben von verzierten Stufenebenen und hölzernen Trögen. Dahinter dringen aus der Stalltür tierische Geräusche. Da meckern Ziegen, gackern Hühner, schnattern Enten und schreien Gänse.

Der sechsjährige Timo trottet über den Hof. „Ich habe heute schon ausgemistet und die Karre sauber gemacht“, erzählt er. Jetzt will er raus auf die Wiese. Die liegt etwa 500 Meter entfernt, außerhalb der Siedlung in der Marsch. Dort sind auch die anderen Kinder an diesem Vormittag. Es ist Freitag, der „Draußentag“. Die Zeit in einem Waldorfkindergarten ist rhythmisch aufgeteilt. Neben Jahres- und Festzeiten wird die Woche thematisch gegliedert. Am Montag gibt es Eurythmie, das ist durch Bewegung sichtbar gemachte Sprache. Am darauf folgenden Tag wird Brot gebacken, dann spielen die Kinder mit Puppen, malen mit Wasserfarben und bewegen sich schließlich draußen im Grünen.

Auch die Tage sind eingeteilt. Alle Kinder beteiligen sich an der morgendlichen Stallarbeit um 7.30 Uhr. Sie misten aus, füttern die Tiere und suchen nach gelegten Eiern. Außerdem kümmern sie sich um den Garten. Danach wird gefrühstückt. Anschließend finden sich alle zum Morgenkreis zusammen. Dann ist freies Spiel angesagt und schließlich Reigen mit Tanz, Reimen und Geschichten. Nach dem Mittagessen wird geruht.

Je sechs Mädchen und Jungen im Alter zwischen zwei und sieben Jahren besuchen zurzeit den Aschwardener Bauernhofkindergarten. Sie kommen aus einem Umkreis von 20 Kilometern, aus den Landkreisen Osterholz und Cuxhaven. Zwei Waldorferzieherinnen mit den Zusatzqualifikationen tiergestützte und Kleinkind-Pädagogik betreuen die Kinder. Sie werden von einer Spezialkraft unterstützt, die sich zehn Stunden in der Woche um ein behindertes Kind kümmert. Träger der Einrichtung ist ein Verein.

Die Leiterin des Kindergartens, Bettina Lang, erläutert die Erziehungsziele: „Die Kinder sollen in einem natürlichen Umfeld mit natürlichen Aufgaben und Sinnesreizen groß werden und sich dem Lebendigen öffnen.“ Wichtig seien auch die gemeinsamen Unternehmungen. Dabei sollen die Kinder lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen und auf den anderen einzugehen. Weil ihnen die Tiere und deren Wohlergehen anvertraut sind, begreifen sie auch, was es heißt, für ein Lebewesen verantwortlich zu sein. Gemeinsam haben die Kinder in diesem Jahr 30 Küken in einer Brutmaschine ausgebrütet. Gegenwärtig werden noch neun Küken unter Infrarotlicht groß gezogen. Auf der Weide grasen 15 Schafe. Das Lämmchen Lilly mit dem Halsband haben sie mit der Flasche aufgezogen. Auch beim Melken der Ziegen beteiligen sich die Kinder.

Draußen auf einem weitläufigen Wiesengrundstück wird gerade ein Sommerfest vorbereitet. Aus Autoreifen bauen die Kinder einen Parcours mit Bohlenbrücke und Brettertür-Wippe auf. Um und über die Hindernisse gilt es dann, mit selbst gebastelten Steckenpferden oder mit der Schubkarre um die Wette zu laufen. Auf der angrenzenden Schafweide schmiegt sich der fünfjährige Max in das wuschelige Fell eines Tieres. „Das ist Emma“, erklärt er, „sie hat eine Warze im Ohr. Daran kann man sie erkennen“. Und die zweijährige Marleen zeigt auf zwei Tiere: „Das sind die Mamas.“ Furchtlos geht sie auf ein Mutterschaf zu: „Guck mal, die kann man melken.“ Dabei deutet sie auf das Euter.

Die meisten Tiere sind zutraulich und wenig scheu. Am Rande der Spielwiese untersuchen drei Jungen und ein Mädchen einen gefällten Baumstamm. Sie pulen die Rinde ab: „Mal sehen, was da drunter ist“, sagt ein Junge. „Guck mal, lauter Gänge. Da sind bestimmt Würmer langgekrochen.“ Den Weg zur Marschenwiese sind die Kinder in einem Kutschwagen gefahren, den der hauseigene Esel gezogen hat. Zeit verbringen die Jungen und Mädchen auch im Garten, wo sie Kartoffeln, Salat, Möhren, Tomaten und Gurken anbauen, pflegen und ernten.

Im Innern des Bauernhauses stehen den Kindern drei große Räume zum Spielen und Bewegen zur Verfügung. Hier können sie Höhlen bauen, mit selbst gebastelten Puppen aus Stroh und Jutesäcken spielen, singen oder malen. Viele Figuren sind aus Holz. „Gerade die natürlichen Spielmaterialien regen die Sinne und die Fantasie an“, meint Bettina Lang. Auf einer höher gelegenen Ebene liegen Matratzen, auf denen die Kinder ihren Mittagsschlaf halten. Mit einem alten Spinnrad zeigt die Sozialpädagogin, wie man Schafwolle zu Garn spinnt. Die Wollfäden können die Kinder dann zu Schals verweben.

In der Küche wird gegessen. Da duftet es nach Zitronenmelisse, die in Sträußen zum Trocknen aufgehängt ist. Daraus wird Tee gebrüht. In Handmühlen schroten die Kinder selbst das Korn für ihr Frühstücksmüsli. Viele Lebensmittel kommen von einem Biohof. Sie sind der Jahreszeit angepasst. Die Kinder helfen auch bei der Zubereitung des Essens. „Sie essen dann bewusster“, meint Bettina Lang. Ein Bauernhofkindergarten mit Entfaltungsräumen, in denen die Natur und ihr Rhythmus die Kinder spielend erzieht.

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