SPD-Landesvorsitz Letzte Mitgliederbefragung zum Duell Jöns gegen Bovenschulte

Bremen. 'Miteinander' - dies ist aktuell das Parteimotto der Bremer SPD. Passend dazu kommen Sozialdemokraten im gedanklichen Schulterschluss derzeit zu der Einschätzung, dass der Ausgang des Wettbewerbs um den Landesvorsitz 'völlig offen' ist. Morgen ist die letzte der vier Mitgliederbefragungen.
28.05.2010, 06:00
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Letzte Mitgliederbefragung zum Duell Jöns gegen Bovenschulte
Von Wigbert Gerling

Bremen. 'Miteinander' - dies ist aktuell das Parteimotto der Bremer SPD. Passend dazu kommen Sozialdemokraten im gedanklichen Schulterschluss derzeit zu der Einschätzung, dass der Ausgang des Wettbewerbs um den Landesvorsitz 'völlig offen' ist. Am Sonnabend ist die letzte der vier Mitgliederbefragungen, und gleich anschließend werden alle abgegebenen Stimmen ausgezählt - hat Karin Jöns die Nase vorn, oder wird Andreas Bovenschulte neuer SPD-Chef im Land Bremen? Bei aller Unwägbarkeit gibt es zwei Konstanten: Mit zusätzlichen Bewerbern ist nicht mehr zu rechnen, und wer von beiden morgen die Mehrheit hat, dem ist der Sieg auf dem Landesparteitag am 5. Juni sicher.

Gewählt wird für zwei Jahre - und die haben es in sich. Denn in diese Phase fällt die Bürgerschaftswahl im Mai 2011 mit der anschließenden Regierungsbildung. Die setzt wahrscheinlich Koalitionsverhandlungen voraus, die immer maßgeblich von den Parteichefs geprägt werden. Und: Wer die SPD-Landesorganisation führt, gilt damit auch als 'senatorabel'. Das Parteiamt - ein Sprungbrett ins Kabinett.

Nach drei Mitgliederbefragungen in Bremen-Stadt, Bremen-Nord und Bremerhaven ist nun am Sonnabend im World Trade Center am Hillmannplatz das Finale mit der Auszählung der Stimmen. Karin Jöns, 57 Jahre alt, gehört seit über zehn Jahren dem sozialdemokratischen Landesvorstand an und war von 1994 bis 2009 Europaabgeordnete. Seit November vergangenen Jahres ist sie im Parteivorstand in Berlin. Andreas Bovenschulte (44) wohnt in Bremen und ist stellvertretender Verwaltungschef in Weyhe. Er war bereits mehrfach Delegierter auf SPD-Bundesparteitagen und vertritt die Bremer Landesorganisation in der überregionalen Antragskommission.

Gefragt nach dem Ausgang der Mitgliederbefragung, gibt es in sozialdemokratischen Kreisen derzeit kaum eine Prozentverteilung, die nicht zu hören ist - 70:30 für Bovenschulte gehört ebenso dazu wie 70:30 für Jöns, 40:60 gegen den Bewerber ebenso wie 40:60 gegen die Bewerberin.

Jöns wird bescheinigt, dass sie nach einem mühsamen Start auf dem SPD-Unterbezirksparteitag im April besser Tritt gefasst hat. Als damals die erste Reaktion auf den Zweikampf ausschließlich von Parteitagsdelegierten kam, erntete Bovenschulte Jubel und Jöns lediglich verhaltenen Applaus. Dies veränderte sich bei den Mitgliederbefragungen zu ihren Gunsten. Kritisch wird kommentiert, dass sie seit rund zwölf Jahren im SPD-Landesvorstand ist, aber offenbar kein Rezept gegen die Krise der Partei parat hatte. Auch wird regelmäßig vermutet, sie steuere via Parteivorsitz den Senatorensessel im Sozialressort an.

Karin Jöns wird im Umgang mit Parteifreunden vorgehalten, sie polarisiere zu sehr. Ihre Integrationskraft zum Ausgleich der widerstrebenden Interessen in der Partei und zum Austarieren persönlicher Befindlichkeiten wird jedenfalls nicht so hoch eingestuft wie bei Bovenschulte. Ausdrückliche Unterstützung bekommt Karin Jöns aus den Reihen der SPD-Frauen. Und es wird mit Anerkennung darüber gesprochen, dass sie als Europaabgeordnete durchweg Engagement gezeigt und in Brüssel ein beachtliches Netzwerk geknüpft habe.

Beim Kandidaten Bovenschulte wird skeptisch beäugt, dass er einen zeitraubenden Beruf in Weyhe hat und damit auch 'etwas weit vom Schuss' sei, um kontinuierlich alle Strömungen und informellen Diskussionsstränge in der SPD Bremen wahrnehmen zu können. Inhaltlich kann er sich darauf berufen, dass er auch zu Zeiten, als die Hartz-IV-Gesetzgebung in der SPD noch viel Unterstützung hatte, auf die damit verbundenen Risiken und Fehler aufmerksam gemacht hatte.

Bovenschulte wird oft mit dem Prädikat 'intellektuell' versehen. Der Schub nach vorn, den die Sozialdemokraten nach dem Debakel bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr erhoffen, wird ihm eher zugetraut, weil er der noch jüngeren Generation angehört und die Aura des politisch Unverbrauchten hat. Anders als Uwe Beckmeyer und auch Karin Jöns passt Bovenschulte zudem als ausgewiesener Partei-Linker besser zum 'Stallgeruch' der Führungszirkel in Rathaus und Fraktion.

Bremen-Stadt: Vorteil Bovenschulte; Bremen-Nord: Vorteil Jöns. Bremerhaven: Unklar. Diese Witterung ist vor der Stimmenauszählung morgen zu hören. Die Resonanz auf die Mitgliederbefragung war durchweg groß. Der Landesvorstand hat sich darauf verständigt, dass er dem Parteitag am 5. Juni den Bewerber vorschlägt, der die Mehrheit bekommen hat - vorausgesetzt, es haben sich zehn Prozent der Mitglieder beteiligt.

Gemessen an den Zahlen liegt die SPD in Bremen-Stadt mit rund 3250 Mitgliedern weit vorn, gefolgt von Bremen-Nord mit 670 eingeschriebenen Sozialdemokraten und Bremerhaven mit etwa 350.

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