ADAC-Pilot Rüdiger Engler geht in Rente

Letzter Einsatz für Bremens dienstältesten Luftretter

40 Jahre saß er im Hubschrauber-Cockpit, mehr als 24 davon in Diensten der ADAC-Luftrettung. An diesem Donnerstag hat Rüdiger Engler, Leiter der Rettungsstation Links der Weser, seinen letzten Arbeitstag.
05.05.2021, 20:49
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Letzter Einsatz für Bremens dienstältesten Luftretter
Von Nina Willborn
Letzter Einsatz für Bremens dienstältesten Luftretter

Jederzeit bereit zum Abheben: Rüdiger Engler leitet seit 1998 die Luftrettungsstation am Krankenhaus Links der Weser.

ADAC Bremen

Sollte an diesem Donnerstag irgendwo in Bremen oder umzu ein Mensch in Lebensgefahr sein und zu seiner Rettung der Hubschrauber Christoph 6 abheben, wird Pilot Rüdiger Engler alles wie immer machen. Innerhalb von zwei Minuten hat er an der Luftrettungsstation am Krankenhaus Links der Weser die Notarzt-Crew an Bord, bringt die Maschine mit rund 1500 PS in die Luft und ist wenige Minuten später am Einsatzort, ganz normal, wie an so vielen Tagen und Nächten innerhalb der vergangenen 24 Jahre in Diensten des ADAC. Für Bremens erfahrensten Luftretter wird es gleichzeitig ein besonderer Einsatz sein: sein letzter.

Engler geht in den Ruhestand. Oder vielmehr, er muss es – am Sonntag wird er 60, und die europäischen Flugsicherheitsbestimmungen besagen, dass Piloten ab diesem Alter nicht mehr alleine fliegen dürfen. Christoph 6, Modell EC-135, hat aber ein Single-Cockpit. Als Co-Pilot an einen anderen Standort zu wechseln, kam für ihn nicht infrage. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt Engler. Für ihn, der mit 16 Jahren eine Ausbildung zum Polizeibeamten beim Bundesgrenzschutz absolvierte und sich kurz nach dem Abschluss eher zufällig dafür entschied, Hubschrauberpilot zu werden, war der Job mehr als nur ein Beruf. „Wäre ich Schauspieler, würde ich sagen, dass ich die Rolle meines Lebens gefunden habe“, sagt Rüdiger Engler und meint damit vor allem die Zeit nach 1985, als er erst für den Bundesgrenzschutz Luftrettungseinsätze flog und ab 1997 dann für den ADAC, der die Bremer Station übernahm. „Ich fühle mich privilegiert“, sagt er, „ich konnte mich verwirklichen und dabei etwas Gutes für die Menschen tun.“

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Wie viele Einsätze er insgesamt geflogen ist, weiß Engler gar nicht so genau. „Ich muss das überschlagen, das waren bestimmt zwischen 15.000 und 18.000“, sagt er, „auf jeden Fall recht viele.“ Darunter einer, der ihn auch 23 Jahre danach noch beschäftigt. „Das ICE-Unglück in Eschede 1998“, sagt der Leiter der Luftrettungsstation, „da kommen mir heute noch die Tränen. Diese Eindrücke brennen sich ein.“ Eine Lehre, die Engler aus seinen damaligen Erfahrungen gezogen hat: Nach schweren Unglücken brauchen auch die Helfer Hilfe – sie gab es damals aber nicht. Engler setzte sich mit dafür ein, dass nach Eschede Kollegen psychologisch geschult wurden, ein System aufgebaut wurde.

Als reiner Lufttaxifahrer, der Ärzte und Sanitäter schnell zum Einsatzort bringt, hat sich Engler nie verstanden. „Es ist immer gut, zwei Hände mehr zum Helfen zu haben“, sagt er. Aber klar, seine Verantwortung war immer in erster Linie die Sicherheit des Teams, und es ist immer alles gut gegangen. „Ich fliege seit 40 Jahren unfallfrei, mir ist nie ein Triebwerk ausgegangen“, sagt „Rüdscher“, wie ihn einige beim ADAC liebevoll nennen. Zu seinen Passagieren gehörte übrigens früher ab und zu auch seine spätere Ehefrau, eine Notfallärztin, sie lernten sich im Dienst kennen und lieben. Inzwischen sind sie Großeltern.

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Die Zahl der Leben, die er gerettet hat, kennt Engler nicht – der Datenschutz verbietet die Weitergabe von Informationen über Patienten. Einige haben sich freiwillig bei ihm gemeldet, um ihm zu danken. „Eine Familie hat nach einem Unfall eine Karte geschrieben und ein Bild geschickt. Das hat mich sehr gefreut.“

Den Dienstschluss hätte Engler gerne groß gefeiert, mit allen Freunden und Kollegen. Geplant war eine Geburtstags- und Abschiedsparty für viele hundert Leute, „ein ganzes Stadtteilfest, wie meine Kollegen sagen“, sagt Engler und lacht. Das wird es wegen der Umstände nun nicht geben, auf später verschieben will er es nicht. „Das wäre einfach eine situative Sache gewesen.“ Also wird er sich ganz normal bei den Kollegen, den Mitarbeitern im Tower, die dem Rettungshubschrauber bei Einsätzen sozusagen das Blaulicht anschalten und alle anderen Flugzeuge umleiten, und in der Leitstelle verabschieden. Und im Ruhestand? Bleibt Engler am Boden, aber nicht untätig. „Ich habe jede Menge vor“, sagt er, „unter anderem habe ich dann Zeit, Didgeridoo zu lernen“.

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Zur Sache

Die gelben Engel in der Luft

Wenn der Rettungshubschrauber „Christoph 6“ aufsteigt, ist der Anlass nach Angaben der ADAC-Luftrettung in den meisten Fällen, dass jemand Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System hat, also etwa einen Herzinfarkt. Rund 27 Prozent der Einsätze machen Verletzungen nach einem Unfall aus, davon acht Prozent im Verkehr. Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 1271 Luftrettungen, in normalen Jahren sind es rund 1500. Die Luftrettungsstation in Bremen ist eine von 37 innerhalb des europaweiten Netzes des ADAC, an ihnen sind insgesamt mehr als 50 Helikopter stationiert. Zusammengenommen haben sie mehr als eine Million Einsätze absolviert. Die erste Station nahm der ADAC 1970 in München in Betrieb.

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