In Bewegung trotz Kälte und Regen

Leuchtend in die Dunkelheit

Worauf es beim Sport im Herbst und Winter ankommt, verrät der Bremer Mediziner und Triathlet Karsten Wichmann..
01.12.2017, 16:44
Lesedauer: 6 Min
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Leuchtend in die Dunkelheit
Von Lisa Boekhoff
Leuchtend in die Dunkelheit

Die Mitglieder des Lauftreffs des ATS Buntentor drehen selbst in düsteren Zeiten ihre Runde – mit Stirnlampe und Neonfarben. Doch wie überwindet man vor dem Sport den Schweinehund? "Der beste Trick ist, sich zu verabreden. Der Gruppeneffekt ist großartig", sagt der Mediziner und Triathlet Karsten Wichmann.

Christina Kuhaupt

Die Dunkelheit ist hereingebrochen. Der Mond leuchtet als dünne Sichel am Himmel. Und immer mehr Sterne stehen am Firmament. Doch für die Sportler des ATS Buntentor geht es jetzt erst richtig los und gefühlt in die Nacht hinein.

In die Umkleidekabinen des Vereins auf dem Stadtwerder kommen immer mehr Menschen mit Sporttaschen. Völlig motiviert. Obwohl es an diesem Novembertag nass und kalt ist. Um 18 Uhr aber startet der Lauftreff von Gerrit Lubitz.

Jeden Mittwoch gibt es das gemeinsame Training. Draußen. Von den Temperaturen lässt sich die Gruppe nicht abschrecken. Lubitz erzählt mit Stolz, den Lauftreff gebe es schon seit 13 Jahren, und ausgefallen sei er noch nie: „Wir laufen das ganze Jahr. Gewitter ist ein Ausschlusskriterium, Eisregen nur bedingt.“ Wetter? Gibt es hier nicht. Solange die Kleidung stimmt.

Läuferin Janina Heyn setzt auf das berühmte Zwiebelprinzip: "Ich trage mehrere Schichten. Ein Thermoshirt verhindert, dass der Wind bis zum Körper durchdringt. Wenn man schwitzt, ist es sonst schnell kalt." Und klar: Umso niedriger die Temperaturen seien, umso mehr Kleidung trage sie. Ganz ohne Bewegung geht es für Heyn nicht. "Ich muss viel Sport machen. Um die Kälte und den Lichtmangel kompensieren zu können – deswegen laufe ich.“ Selbst bei Minusgraden tut sie das.

Zwiebelprinzip statt zu dicker Kleidung

Lauftreff ATS Buntentor - Serie „Aber sicher“

Durchblick beim Sport in der Natur verschafft sich auch dieser Läufer am Werdersee.

Foto: Christina Kuhaupt

Das Zwiebelprinzip empfiehlt auch der Bremer Mediziner Karsten Wichmann. Vor zu viel Kleidung warnt der Arzt der Gemeinschaftspraxis für Sportorthopädie in Burglesum dagegen: „Entscheidend ist, dass man nicht zu viel anzieht, weil man sonst viel zu schnell schwitzt. Das ist fatal.“ Lieber sollte es die ersten Minuten in der Sportkleidung vielleicht sogar noch ein bisschen fröstelig sein. „Wenn man läuft, kommt man idealerweise in fünf bis zehn Minuten auf Betriebstemperatur.“

Rennradfahrer sollten dagegen wegen des Fahrtwinds lieber zu Beginn noch eine zusätzliche Jacke tragen, bis sich der Wärmehaushalt eingependelt hat. Wenn es doch zu warm wird, lässt sich eine Schicht ausziehen. „Darum gilt für alle Sportler: lieber drei dünne Kleidungsstücke tragen als ein dickes.“ Wer sich zu heiß läuft oder radelt, habe keinen Spaß: „Man ist ruck, zuck überhitzt und erschöpft. Das ist nicht sinnvoll.“

Wichmann hat einen Tipp: Wer regelmäßig draußen Sport treibt, notiert sich, bei welcher Temperatur welche Kleidung sinnvoll ist. Dann lässt sich die optimale Ausrüstung am Thermometer ablesen. Das sei verlässlicher, als sich an der Sonne zu orientieren. Wichmann weiß, wovon er spricht. Seit 20 Jahren ist er Triathlet. Wenn es geht, läuft und radelt der Bremer auch in kalten Zeiten draußen. Die Schwimmeinheiten verlagert er ins Hallenbad.

Dampf ablassen

Wann im Winter Handschuhe und Mütze notwendig sind, um sich vor Erfrierungen zu schützen, das ist nach Wichmann sehr individuell. In jedem Fall sollten die Materialien an den Händen und auf dem Kopf ebenfalls nicht zu dick sein. Geeignet sei für Sportler insgesamt vor allem atmungsaktive Kleidung aus Synthetik zum optimalen Feuchtigkeitsaustausch. „Sportbekleidung macht deshalb Sinn.“ Jacken sollten den Körper nicht komplett isolieren, nicht absolut winddicht sein. Kleidungsstücke mit Lüftungslöchern regeln dagegen die Luftzirkulation und lassen Hitze ab.

Atmungsaktiv? Philipp Kötz passt der Begriff dagegen nicht ganz. „Wir sagen lieber dampfablassend. Denn die Kleidung kann ja nicht atmen“, sagt der Leiter der Filiale von „Unterwegs“ am Domshof. Im Geschäft gibt es alles für Outdoorfans: Zelte, Schlafsäcke und andere Ausrüstung. Wichtig sei für Sportler Funktionswäsche, die schnell trocknet und leicht ist.

Sehen und gesehen werden

Laufen in der kalten Jahreszeit - Serie „Aber sicher“

Reflektoren an Armen und Beinen machen Läufer im Herbst und Winter sichtbar.

Foto: Christina Kuhaupt

Die Kleidung sollte im Winter aber noch etwas anderes leisten. Denn in der dunklen Jahreszeit sind Licht und Farbe unterwegs besonders wichtig. Stirnlampen mit buntem oder blinkendem Licht sowie Reflektoren an Armen oder Beinen helfen, von anderen besser gesehen zu werden. Die farbigen Stirnlichter erinnern kaum noch an den Bergbau. „Die Modelle für Läufer wiegen unter 100 Gramm“, sagt Kötz. Damit auch die Kleidung leuchtet, empfiehlt er zudem Neonfarben – zum Beispiel auf dem Kopf. Er nimmt eine grüne dünne Mütze in die Hand: „Die ist super auffällig und gut gegen die Kälte.“

Mütze und Handschuhe braucht Janina Heyn an diesem Novembertag trotz der Kälte nicht. „Wir müssen uns ja noch steigern können, wenn wir Minusgrade haben.“ Zum Lauftreff kommt sie gerne. Gerade als Frau sei es allein im Dunkeln nicht angenehm. „Hier ist man immer in der Gruppe und fühlt sich sicher. Das ist super.“ Wenn sie alleine läuft, trägt sie einen Alarmschlüsselanhänger bei sich.

Zusammen gegen den Schweinehund

Allein ist Janina Heyn heute keineswegs. Mehr als 20 Läuferinnen und Läufer sind zum Treff gekommen, um auf verschiedenen Strecken zu joggen. Doch gemeinsam geht es vorher noch auf die Finnbahn. „Einlaufrunde!“, ruft Trainer Lubitz. Im Vereinsheim lockt die Pizzeria „Da Angelo“. Doch Heyn joggt der Runde hinterher auf dem matschigen Rasen. Was hat die junge Frau gegen ihren inneren Schweinehund unternommen?

Sich aufzuraffen, da hilft nach Einschätzung des Sportorthopäden und Triathleten Karsten Wichmann vor allem die Gruppe: „Der beste Trick ist, sich zu verabreden. Der Gruppeneffekt ist großartig, weil es neben der eigenen Leistung ein Gemeinschaftsgefühl gibt: Man macht es zusammen. Man trotzt den Bedingungen. Das hat einen ganz wichtigen sozialen Aspekt.“ Und diese Verabredung – egal bei welchem Wetter – sei viel entscheidender als ein persönliches Ziel.

Als dunkle Gestalten mit blinkenden und bunten Lichtern ziehen die Läufer über den Sportplatz. Die Einlaufrunde gehört auch im Sommer zum gemeinsamen Ritual. Im Winter ist es jedoch besonders wichtig, sich bei der Runde aufzuwärmen.

Zurück von der Finnbahn stellen sich alle im Kreis auf. Über dem Vereinsheim steht der Große Wagen. Doch für Sternbilder ist keine Zeit. Jetzt sind alle auf Betriebstemperatur, nach ein paar kurzen Absprachen kann es losgehen. Die Gruppe teilt sich je nach gewünschtem Pensum auf: von Seerunde mit Schlenker, Überseestadt mit Schuppen Eins bis zur 400-Meter-Bahn des Sportplatzes. „Können wir?“

Kampf mit der Kälte

Wichtig ist es dann, durch die Nase ein- und den Mund wieder auszuatmen. „Dadurch ist die kalte Luft schon etwas angewärmt, bevor sie in der Lunge ankommt“, sagt Mediziner Wichmann. Wer anfällig ist, kann ansonsten Probleme mit den Bronchien bekommen. Besonders gefährlich ist es zudem, nach dem Sport auszukühlen. „Anders als im Sommer sollte man schleunigst ins Warme gehen und die nassen Sachen ausziehen. Wenn man das Gefühl hat, dass einem kalt ist, ist es in der Regel zu spät.“ Wegen der Belastung öffne sich eine Art Immunfenster. „Die Abwehr geht in diesem Moment in den Keller. Dann kann schnell ein Infekt wegen Kälte oder Zugluft drohen.“

Laufen in der kalten Jahreszeit - Serie „Aber sicher“

Wer eine Stirnlampe trägt, ist in der Dunkelheit besser zu erkennen und sieht seinen Weg.

Foto: Christina Kuhaupt

Wann ist es denn ohnehin zu kalt für Sport im Freien? Verbände setzen für Wettkämpfe eine Grenze von -20 Grad an. „Das ist aber extrem. Das ist zu kalt für den Breitensportler“, warnt Wichmann. Doch eine Grenze lasse sich nicht generell ziehen. „Das ist individuell.“ Klar sei: Wenn es glatt ist, sollten Sportler lieber mal eine Pause machen oder sich Alternativen suchen. Gerade in dieser Zeit kommen in die Praxis des Orthopäden jedoch öfter Patienten mit verdrehten Knöcheln und Knien sowie mit Zerrungen, weil sie gestürzt sind: „Das ist häufiger – auf jeden Fall.“

In Bewegung bleiben

Ganz auf den Sport zu verzichten, davon rät Wichmann ab: „Es ist gerade in dieser Jahreszeit sinnvoll, nicht abzubrechen, um das Immunsystem zu stärken. Es ist erwiesen, dass man die kalte Jahreszeit mit regelmäßigem Sport besser übersteht.“ Wer sich hängen lasse, baue nicht nur bei der Fitness ab, sondern werde auch schneller krank: „Die Anfälligkeit ist dann höher.“ Außerdem kann der Verzicht durchaus auf die Stimmung schlagen – nicht nur, weil die Bewegung fehlt, sondern auch die Trainingspartner und damit soziale Kontakte wegfallen.

Gerrit Lubitz hilft seine Gruppe, den inneren Schweinehund zu überwinden. „Es ist gut, dass so viele da sind. Das macht Druck.“ Und „Da Angelo“ lockt dann doch auch die Sportler im Anschluss an das Training zur gemütlichen Runde: „Die Pizza danach motiviert ungemein.“

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