Großmarkt-Geschäftsführer Uwe Kluge zur Situation der Bremer Wochenmärkte „Leute, geht auf den Markt!“

Weidedamm. An einem schönen Sonnabend gemütlich über den Markt schlendern. Mit den Händlern schnacken, die Taschen mit den Zutaten für das Sonntagsessen füllen, einen Kaffee trinken, Bekannte treffen: Für viele Menschen ist das der Beginn eines entspannten Wochenendes.
11.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

An einem schönen Sonnabend gemütlich über den Markt schlendern. Mit den Händlern schnacken, die Taschen mit den Zutaten für das Sonntagsessen füllen, einen Kaffee trinken, Bekannte treffen: Für viele Menschen ist das der Beginn eines entspannten Wochenendes. Doch auch dies ist immer wieder zu hören: Das Geschäft sei in den vergangenen Jahren schwieriger geworden, der Wettbewerb um die Gunst der Kunden werde immer härter. Uwe Kluge kann das bestätigen. Vieles davon lässt sich nicht ändern, manches aber schon, sagt der Geschäftsführer des Großmarktes: „Wer sein Gemüse beim Discounter kauft und die Pflanzen im Baumarkt, muss sich nicht wundern, wenn die Märkte um ihre Zukunft bangen.“

Rund vierzig Wochenmärkte gibt es in Bremen und Bremerhaven. Der Findorffmarkt ist in diesem Kreis eine Ausnahmeerscheinung: Mit seiner Größe und dem Angebot an rund 100 Ständen sei er auch für Kunden außerhalb des Stadtteils attraktiv. Er sei zentral gelegen, gut erreichbar und in Bremen das „Paradebeispiel“ eines gesunden Wochenmarktes, sagt Kluge. „Sämtliche Standplätze sind vergeben, und wir müssen immer wieder potenzielle Interessenten vertrösten.“ Die aktuellen Lücken zwischen den Ständen vor allem an den Markttagen unter der Woche seien erklärbar: Für Anbieter etwa von Gartenpflanzen sei zurzeit eben keine Saison, sie kommen rechtzeitig zur Pflanzperiode wieder. Manche Marktbeschicker nutzen die Wintermonate am Jahresanfang für andere Arbeiten oder für ihren Urlaub. „Der Findorffmarkt ist nach wie vor der am besten funktionierende Markt in Bremen“, lautet Kluges Bilanz. Doch anderswo läuft es längst nicht so gut. Der Großmarkt-Chef will keine Beispiele aufzählen, doch wer sich in anderen Stadtteilen umsieht, merkt es auch so: Manche Märkte sind im Laufe der Jahre immer kleiner geworden, und die Leerstände werden nicht mehr gefüllt.

„Die Gesellschaft hat sich verändert, Familienstrukturen, Einkaufs- und Ernährungsverhalten sind ganz andere als vor zwanzig, dreißig Jahren“, diagnostiziert Kluge. Die traditionelle Hausfrau, die täglich frisch für die Familie einkauft und kocht, gibt es kaum noch. „Heute sind die meisten Eltern berufstätig, die Kinder werden im Ganztag verköstigt, und wenn gekocht wird, muss es oft schnell gehen“, sagt Kluge. Die Zeit, an Wochentagen über den Markt zu schlendern, haben Berufstätige selten. Manche Wochenmärkte – zum Beispiel der Markt an der Slevogtstraße und die Märkte in Huchting, Wulsdorf und Huckelriede – haben sich darauf eingestellt und machen ihrer Kundschaft das Angebot, an bestimmten Wochentagen auch nachmittags einzukaufen. Das ist viel verlangt in einer Branche, deren Arbeitszeit im Morgengrauen beginnt. „Öffnungszeiten dazuballern wie in einer Lebensmittelkette – das kann ein Kleinstbetrieb nicht“, sagt Kluge. „Da ist irgendwann die Grenze der Belastbarkeit erreicht.“

Ein großes Problem sei auch die wachsende Konkurrenz durch den stationären Handel. In einem der vielen Supermärkte oder Discounter zum wöchentlichen Großeinkauf fahren, und auf dem Markt nur noch die fehlende Zutat, das besondere Kraut, Gewürz oder Fleischstück dazukaufen – das reicht den Markthändlern auf Dauer nicht zum Überleben. Kluge kann sich aufregen, wenn er über die zunehmende Monopolisierung im deutschen Lebensmittelhandel spricht, über Konzerne, die die Preise für die Erzeuger diktieren und mit Sonderangeboten locken, die mit dem Wert des Produktes nichts mehr zu tun haben. „In den vergangenen Jahren haben deshalb eine ganze Reihe an kleinen landwirtschaftlichen Produzenten ganz aufgegeben oder sich auf lukrativere Bereiche umgestellt, wie den Anbau von Raps“, erzählt der Großmarkt-Chef. „Es wird nur noch auf den Cent geschaut, und nicht mehr auf die Qualität. Wenn man sich aber die Preise für Milch oder Fleisch anschaut, muss man sich doch fragen: Wie geht so etwas?“ Der Begriff der Nachhaltigkeit sei in aller Munde, aber in der Realität werde immer weniger in Ernährung investiert, in einem Land, in dem Verbraucher mehr Geld für Motoröl ausgeben als für Salatöl.

Dabei entspricht das Marktangebot doch ganz dem Zeitgeist: Regionaler und saisonaler kann man nirgendwo einkaufen, bekommt einen Ort der Kommunikation und ein besonderes Einkaufserlebnis dazu und unterstützt die Vielfalt der Produkte und der Erzeuger. „Das müssen wir mehr ins Bewusstsein der Verbraucher transportieren“, weiß Uwe Kluge. „Love your local market!“ nennt sich eine Kampagne, die zu diesem Zweck 2012 in Großbritannien ins Leben gerufen wurde, und an der sich im Mai 2015 2000 Märkte in 16 Ländern der Welt beteiligten. Unter dem Motto „Erlebe Deinen Markt!“ waren 60 deutsche Wochenmärkte mit dabei, und auch in diesem Jahr werden sich wieder Bremer Märkte an den Aktionstagen beteiligen. „Wir möchten die Botschaft herüberbringen: Leute, ihr habt da etwas ganz Tolles, um das euch andere Stadtteile beneiden“, erklärt Uwe Kluge. „Und damit das so bleibt: Geht auf den Markt und kauft dort ein!“

„Unsere Märkte sind ein Kulturgut und müssen geschützt werden“, hatte Bürgerschaftsmitglied und Unternehmer Ralph Saxe bei seinem Besuch auf dem Findorffmarkt am vergangenen Sonnabend betont. Die Politik müsse sich diesem Thema schwerpunktmäßig widmen, forderte Saxe, und bei der städtischen Wirtschaftsförderung müssten Möglichkeiten der Unterstützung geprüft werden. Wie eine solche Förderung praktisch aussehen könnte: Darauf wartet auch Uwe Kluge gespannt.

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