Die „Waller Mitte“ wird kein Neubaugebiet wie alle anderen ‒ Platz teilweise wieder zugänglich

„Lex Dedesdorfer“? Warum eigentlich nicht!

Walle. Die Stadt hätte es sich auch viel einfacher machen können, das Gelände einem Investor und diesem die ganze Planungsarbeit überlassen können. In Walle läuft es bekanntlich anders: Hier reden die Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils bei der Zukunft des Dedesdorfer Platzes mit – und zwar sehr leidenschaftlich, und das schon seit Jahren.
01.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Walle. Die Stadt hätte es sich auch viel einfacher machen können, das Gelände einem Investor und diesem die ganze Planungsarbeit überlassen können. In Walle läuft es bekanntlich anders: Hier reden die Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils bei der Zukunft des Dedesdorfer Platzes mit – und zwar sehr leidenschaftlich, und das schon seit Jahren. Gerade wurde darüber diskutiert, wie und wo ihre „Waller Mitte“ für den motorisierten Verkehr erschlossen werden soll. Konsens war: Nur ganz am Rande des zentralen grünen Platzes, und so raumsparend und unauffällig wie möglich. Mit dem Workshop „Mobilität“ sollten die letzten Rahmenbedingungen besprochen sein. Bald kann die Stadt den Bebauungsplan auf den Weg bringen.

Mobilität – das hieß konkret: Wie und wo ist die „Waller Mitte“ für Autos zugänglich, und wo sollen die Fahrzeuge parken dürfen? Mehr als dreißig Wallerinnen und Waller – und solche, die es gerne werden möchten – hatten sich am sommerlich heißen Freitagnachmittag in der BSV-Sportklause versammelt, um darüber stundenlang zu diskutieren. Ihre Ansprechpartner aus dem Hause der Senatsbaudirektorin waren Rainer Imholze, zuständig für Stadtentwicklung, sowie Stadtplanerin Georgia Wedler.

Neue Häuserreihe entsteht

Am südwestlichen Saum des Platzes, parallel zum Steffensweg, wird irgendwann eine neue Häuserreihe stehen. Einigkeit bestand darin, dass die Straße, die Häuser und Grünfläche trennt, eine Spielstraße werden soll, die ganz vorsichtig und nur im Schritttempo befahren wird. Aufgabe der Workshop-Teilnehmer war es auch, Parkraum für zwölf Fahrzeuge zu finden. Es handelt sich dabei um die öffentlichen Parkplätze, die für die Besucher des Quartiers bereitgehalten werden müssen. Ihre Quote leitet sich aus der Zahl der Menschen ab, die voraussichtlich direkt in der Waller Mitte wohnen werden. Eine ganz andere Frage sind die Privatparkplätze der schätzungsweise 60 bis 80 Bewohner selbst: Sie müssen von den künftigen Bauherren zusätzlich ausgewiesen werden.

Die Zahl der öffentlichen Parkplätze sei von der Bauordnung vorgeschrieben, und es werde auch keine „Lex Dedesdorfer“ geben, um die Vorschrift zu umgehen, betonte Rainer Imholze mehrfach. Doch die Workshopteilnehmer sahen das anders. Die „Waller Mitte“ sei kein Neubaugebiet wie alle anderen, fand man dort, und die Baugruppen, die sich für die Grundstücke bewerben möchten, ein ganz besonderes Klientel. „Wir organisieren unser Leben möglichst autoarm“, erklärte dazu Nico Rensing vom Verein „Waller Leben“, einer Gemeinschaft von zehn Erwachsenen und bislang einem Kind, die sich für einen Bauplatz bewerben möchte. „Unsere Basismobilität ist das Zufußgehen und Radfahren. Im Alltag fahren wir Bus und Bahn, Autos teilen, ist für uns selbstverständlich.“

Das können auch die Mitglieder des Vereins „Waller Wohnen“ unterschreiben. Die Baugenossenschaft plant ein Mehrgenerationenhaus, das nach Prinzipien von Nachhaltigkeit und Gemeinschaftlichkeit gebaut ist, und auch Platz für eine Kindertagesstätte hätte. Gespräche mit einem interessierten Träger aus dem Stadtteil seien bereits aufgenommen worden, berichtete Vereinsmitglied Mario Neumann. „Zwölf Parkplätze: Muss das wirklich sein?“, fragte sich auch Anne Schweisfurth vom Verein „Waller Mitte“. „Der Platz kann sehr gut zu Fuß und mit dem Rad erschlossen werden.“

Loana Eichholz, Planungsingenieurin der Bremer M+O Ingenieurgesellschaft für das Bauwesen, hatte für die Workshopteilnehmer drei planerische Szenarien vorbereitet. Die Abgrenzung zur Sandstedter Straße durch Poller, gut gemeint im Sinne der Anwohner, erschien auf den Modellkarten plötzlich nicht mehr als das Nonplusultra. Eine solche Lösung würde nämlich die Einrichtung von Wendehämmern erfordern, die so groß dimensioniert sein müssten, dass sie Müllfahrzeugen und im Notfall auch Feuerwehrwagen die Umkehr ermöglichen, erklärte die Verkehrsplanerin: Viel zu viel verlorene Fläche in einem Quartier, in dem ohnehin kein Durchgangsverkehr von außerhalb zu erwarten sei, fand danach auch die Wallerin Rike Fischer.

Nach dem Umzug des Bremer SV an den Panzenberg wurde der Dedesdorfer Platz immer weniger, und schließlich seit Jahren überhaupt nicht mehr als Heimstadion und Trainingsplatz genutzt. Seit 2010 ist er als potenzielles Bauland im Visier der Stadtplanung. Eine Bürgerinitiative war die Wurzel des Vereins „Waller Mitte, der sich für eine Nutzung des Platzes als „lebendige Bewegungs- und Begegnungsfläche“ einsetzt. In unzähligen Sitzungen und vielen heißen Diskussionen kämpften die Waller um jeden Quadratmeter und erreichten schließlich den aktuellen Stand der Planung: Gebaut werden nur eine Häuserreihe und drei so genannte Torhäuser. Die Grundstücke sollen für Festpreise an Baugruppen vergeben werden, die sich mit ihren Konzepten bewerben.

Ein einzigartiges Verfahren

Eine solch intensive Form der Bürgerbeteiligung sei ein für die Stadt „einzigartiges Verfahren“, sagt Rainer Imholze, der das Stadtentwicklungs-Projekt von Anfang an, und – so sagen die Teilnehmer – mit spürbar wachsender Sympathie begleitet hat, und auch die nötigen Fördermittel für die Umgestaltung besorgte. Mit der verkehrlichen Erschließung ist nun das letzte große Thema besprochen. Die Stadtplaner werden aus den Anregungen und Wünschen aus Walle einen Planungsvorschlag erarbeiten, der öffentlich vorgestellt werden soll. „Es wäre schön, wenn wir dann zu einem Ergebnis kämen“, wünschte sich Rainer Imholze, „dann haben wir alle gewonnen.“ Der Waller Fachausschuss „Quartiersentwicklung“ will sich am Donnerstag, 8. September, mit dem Thema befassen.

Derweil teilt der Verein „Waller Mitte“ mit, dass der Dedesdorfer Platz zumindest teilweise wieder begeh- und bespielbar ist. Ein Jahr lang war der Platz gesperrt, weil eine Dioxinsanierung und anschließend eine Kampfmittelräumung notwendig waren. Auf der „kleinen Waller Mitte“, die über den Eingang Vegesacker Straße zu betreten ist, gibt es zwei Boulebahnen, ein Beachvolleyball-Feld und auch wieder den Material- und Spielecontainer. Schlüssel haben allerdings nur Vereinsmitglieder.

Wer dem Verein „Waller Mitte“ beitreten und einen Schlüssel erhalten möchte, der kann sich per E-Mail an zugang-waller-mitte@gmx.de wenden. Für Sonntag, 11. September, lädt der Verein ab 11 Uhr zum Freiluftfrühstück auf die Waller Mitte ein. Speisen, Geschirr und Besteck sind mitzubringen.

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