Serie: 9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Sie ist fast völlig blind, doch den Freimarkt besucht sie trotzdem jedes Jahr: Petra Hass liebt den Lärm, die Gerüche und die blitzenden Lichter. Wir haben sie bei ihrem Besuch begleitet.
26.10.2017, 07:25
Lesedauer: 6 Min
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Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt
Von Alice Echtermann
Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Petra Hass kann nur noch auf einem Auge ein bisschen sehen - das hält sie aber nicht davon ab, den Freimarkt zu erkunden.

Frank Thomas Koch

Der Freimarkt, so sollte man meinen, ist kein Ort für jemanden, der nicht sehen kann. Die vielen Menschen, das Durcheinander von Geräuschen - das kann verwirren und die Orientierung rauben. Doch Petra Hass liebt den Freimarkt. Die 49-Jährige ist nahezu völlig blind. Trotzdem lässt sie sich den Besuch auf dem Volksfest nicht nehmen. Im sechsten Teil der Freimarkt-Serie des WESER-KURIER haben wir Petra Hass und ihre ehrenamtliche Helferin Manuela Thies begleitet.

17.20 Uhr: Hauptbahnhof

Die Vorfreude ist Petra anzumerken. Sie ist mit dem Regionalzug aus Osterholz-Scharmbeck nach Bremen gefahren, jetzt bewegen sie und Manuela sich langsam auf den Nordausgang des Bahnhofs zu. Petras langer Blindenstock fährt gleichmäßig vor ihr über den Boden, hin und her, immer ein paar Zentimeter von links nach rechts. Die beiden Frauen haben sich am Arm eingehakt.

Petra: "Wenn man in diese Richtung zum Ausgang geht, endet die Leitlinie plötzlich." Sie meint die Blindenleitlinie, die sehbehinderten Menschen bei der Orientierung hilft. Im Bahnhof haben es alle eilig; mehrfach weicht jemand nur ganz knapp Petras Blindenstock aus.

Manuela: "Die laufen hier auch immer in der falschen Richtung. In England ist das ganz anders, da bleiben alle auf einer Seite."

Manuela ist Petras ehrenamtliche Begleitperson. Über den Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen haben die beiden sich kennengelernt. Sie sehen sich nicht oft; eigentlich immer nur dann, wenn Freimarkt ist. Ohne Manuelas Hilfe könnte Petra den Freimarkt nicht besuchen.

Petra: "Ich habe auf dem Freimarkt wenig Orientierung. Ich biege irgendwo ab, dann höre ich Musik, sehe etwas Blaues, dann riecht es lecker nach Crêpe und ich gehe dahin - und schon finde ich nicht mehr zum Bahnhof zurück. Außerdem kriege ich ohne Begleitung gar nicht mit, was es alles gibt. Ich rieche vieles, aber wo ich zum Beispiel Rumkugeln finde, weiß ich nicht." Der Lageplan des Freimarkts im Internet sei übrigens leider nicht barrierefrei. Die PDF-Datei könne von ihrem Voiceover-Programm, das ihr normalerweise alle Inhalte auf dem Bildschirm vorliest, nicht richtig erkannt werden.

17.30 Uhr: Erster Stop beim Kräutersteak

Für Manuela Thies (links) und Petra Hass ist es der vierte gemeinsame Freimarktsbesuch.

Für Manuela Thies (links) und Petra Hass ist es der vierte gemeinsame Freimarktsbesuch.

Foto: Alice Echtermann

Es regnet ziemlich stark. "Jetzt kommt hier ein Stand mit Kräutersteaks", sagt Manuela. Petra kauft sich ein Steak im Brötchen, Manuela eine Bratwurst, und sie stellen sich unter einen großen Schirm zum Essen.

Petra: "Ich seh noch ein bisschen, gelte aber offiziell als blind." Sie hat nur noch ihr linkes Auge, das rechte musste in früher Kindheit durch eine Prothese ersetzt werden. Auf dem linken Auge sieht sie fünf bis sieben Prozent. "Wichtig ist, dass ich den Stock dabei habe. Den sehen die Leute und nehmen meistens Rücksicht." Eine Binde, die sie als blind kennzeichnet, will Petra nicht tragen. "Im Sommer riecht die nach Schweiß, und man muss sie immer an der Jacke feststecken."

Petra ist eine resolute Frau. Sie sagt immer sofort, was sie möchte und wenn ihr etwas nicht gefällt. Manuela sagt, das mache es für sie einfacher. Sie hat vor einigen Jahren am "Café im Dunkeln" im Universum Bremen teilgenommen, einem gemeinsamen Essen in einem völlig dunklen Raum, bei dem Blinde die Sehenden betreuen. Nach dieser Erfahrung habe sie helfen wollen, erklärt Manuela.

Petra engagiert sich seit 2008 im Blindenverein Bremen. Ohne die Begleitpersonen wäre vieles nicht möglich, sagt sie. Die Ehrenamtlichen helfen bei Wandergruppen, Arztbesuchen oder eben beim Bummel über den Freimarkt. "Wir können immer noch mehr Hilfe gebrauchen", sagt Petra. Wenn jemand Interesse habe, solle er sich gern beim Blindenverein melden.

Manuela: "Warte, du hängst mit der Jacke im Essen."

Petra: "Oh. Hab ich da jetzt Soße dran?"

Manuela: "Nein, alles gut."

18 Uhr: Bei der Achterbahn "Teststrecke"

Der Regen lässt allmählich nach. Petra und Manuela haben sich wieder untergehakt und gehen weiter. Petra läuft auf der rechten Seite.

Petra: "Sagst du mir auch, was links ist, ja?"

Neben der großen Achterbahn merkt sie auf: "Oh, guck mal. Was ist da?" Licht und Farben kann sie noch erkennen. Deshalb gehe sie immer abends auf den Freimarkt, erklärt sie, damit die Lichter richtig zu sehen sind. Ohne sie sind die Karussells für Petra nur verschwommene Farbflecken.

Petra: "Diese Lichter sind etwas, das mich unheimlich fasziniert. Und dieser Lärm, das Kindergeschrei. Die ganze Atmosphäre, ich liebe das einfach."

Wenige Meter weiter kommen die beiden am "Happy Traveller" vorbei und bleiben wieder stehen.

Manuela: "Gleich fährt es los, dann leuchtet es noch mehr."

Auch wenn sie nicht sehen kann, machen die Lichter, die Musik, die Gerüche den Freimarkt für Petra Hass besonders.

Auch wenn sie nicht sehen kann, machen die Lichter, die Musik, die Gerüche den Freimarkt für Petra Hass besonders.

Foto: Alice Echtermann

Petra lauscht lächelnd der Musik und den Ansagen des Rekommandeurs. Sie klopft mit ihrem Stock auf den Boden und wippt im Takt. "Wenn ich allein wäre, könnte ich stundenlang vor den Karussells stehen und gucken!" In Osterholz-Scharmbeck gehe sie auch oft auf ein kleineres Volksfest. Manche der Schausteller kennt sie inzwischen ganz gut, nicht mit Namen, aber vom Sehen, sozusagen.

18.15 Uhr: Am Crêpe-Stand

Petra kauft sich einen Crêpe mit Kinderschokolade. Neben den Karussells und den Lichtern liebt sie auch das Essen auf dem Freimarkt. Beim Bezahlen befühlt Petra jede Münze genau, bevor sie sie der Verkäuferin gibt. Wie sie das richtige Geld erkennt? "Zwei Euro sehen aus wie ein Spiegelei, außen weiß und innen gelb. Bei einem Euro ist es umgekehrt, und 50 Cent sind wie 10 Cent, nur in groß."

Nach dem Essen möchte Petra gern in ein Fahrgeschäft. Das Kettenkarussell hat sie schon häufiger ausprobiert, aber das liegt schon hinter den beiden.

Manuela: "Vorletztes Jahr waren wir im Bayernzelt, aber das war nichts für dich."

Petra: "Ich kann das wohl aushalten, aber abends mit Bands ist es mir zu laut."

Manuela (lacht): "Dabei hätte ich dir gern DJ Toddy nähergebracht."

18.40 Uhr: "Commander"

"Weiter geht's!", ruft Petra freudig. "Jetzt ist das geil, es ist schön dunkel." Am "Commander" ziehen die Lichtblitze sie wieder in ihren Bann. Sie betrachtet das drehende Fahrgeschäft durch ein kleines Fernrohr, ihr Monokular.

Mit ihrem Monokular schaut Petra Hass sich die Karussells an. Je höher, desto besser, sagt sie.

Mit ihrem Monokular schaut Petra Hass sich die Karussells an. Je höher, desto besser, sagt sie.

Foto: Alice Echtermann

Das Monokular holt alles sehr dicht heran und hilft ihr, die Farben und Lichter intensiver zu sehen. Petra ist so begeistert, dass sie einen Gruß an ihre Freunde schicken will. Sie holt ihr Smartphone heraus, hält es sich dicht vors Gesicht und fährt mit dem Finger über den Bildschirm. Das Telefon liest ihr vor, worauf sie gerade tippt.

Petra schickt eine Sprachnachricht an ihre iPhone-Gruppe: "Ich bin hier gerade auf dem Freimarkt..." Die iPhone-Gruppe ist eine Gruppe von Menschen mit Sehbehinderung, die Petra regelmäßig in technischen Dingen schult. Zum Beispiel, wie man das Voiceover-Programm auf dem Handy oder andere Hilfsmittel nutzen kann.

19 Uhr: Riesenrad

Ein Fahrgeschäft muss es an diesem Abend mindestens noch sein. Als es die Krake noch gab, war Petra einmal drin, aber nie wieder. Sie hatte danach starken Muskelkater in den Händen, erinnert sie sich. Also fahren die beiden Frauen eine Runde mit dem Riesenrad.

An der Kasse gibt es Irritation: Manuela muss den vollen Eintritt bezahlen. Das sei letztes Mal anders gewesen, sagt sie. Da sei sie als Petras Begleitperson umsonst gefahren. Petra spricht mit der Kassiererin, die aber lediglich zusagt, die Beschwerde weiterzuleiten.

Oben in luftigen Höhen ist das Problem dann aber schnell vergessen. Petras kurze braune Haare wehen im Wind. "Das ist fantastisch!", ruft sie. Unter ihr breitet sich ein Meer aus Lichtern aus - der Bremer Freimarkt, der so hell leuchtet, dass selbst eine fast blinde Frau ihn genießen kann.

9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Für diese Serie begleitet der WESER-KURIER ganz unterschiedliche Menschen bei ihrem Besuch des Bremer Freimarkts. Wie erlebt ihn ein Sanitäter, wie eine Mutter mit ihrem Kind, ein Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts oder jemand mit Handicap? In diesen zwei Wochen sehen wir den Freimarkt durch ihre Augen.

Teil 1: Frösche und saure Gurken: Mit dem TuS Huchting beim Eröffnungstag

Teil 2: Autoscooter - Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness

Teil 3: Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei: "Immer wissen, wo Stress ist"

Teil 4: Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Teil 5: Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen

Teil 7: Mit dem Rollstuhl im Riesenrad

Teil 8: Höher, schneller, weiter: Drei Flüchtlinge erkunden den Freimarkt

Teil 9: Seniorenheim: "Wir machen unseren eigenen Freimarkt"

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