Kommentar aus Sicht einer Radfahrerin

Liebe Autofahrer: Ihr hasst doch alles und jeden

In Bremen sind sie zahlreich und für manche ein rotes Tuch: Radfahrer. Da wird gehupt und gepöbelt was das Zeug hält - auf der Straße und im Netz. Zeit für die Radler, sich zu wehren, findet Alice Echtermann.
11.06.2017, 16:37
Lesedauer: 2 Min
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Liebe Autofahrer: Ihr hasst doch alles und jeden
Von Alice Echtermann
Liebe Autofahrer: Ihr hasst doch alles und jeden

Der Fußgängerweg am Sankt-Pauli-Deich in Bremen darf auch von Radfahrern genutzt werden - zumindest in die eine Richtung.

Alice Echtermann

Was haben sich wieder alle aufgeregt: Mein Kollege Michael Rabba mokierte sich an dieser Stelle kürzlich über rücksichtslose Radfahrer – und die Bremer Netzgemeinde stimmte ein. „Richtig so, Radfahrer kennen keine Verkehrsregeln, werden immer mehr und denken, die Stadt gehöre ihnen.“ Das war in etwa der Inhalt (wenn auch nicht der Ton) der emotionsgeladenen Kommentare zu der Kolumne „Rabba regt sich auf“. Das war jedoch nur die eine Seite.

Die andere Seite sind diejenigen, die selbst Fahrrad fahren und sich angegriffen fühlten. Bei so viel Entrüstung kann man gar nicht anders, als sich mit aufzuregen. Macht ja auch irgendwie Spaß, ein bisschen zu pöbeln. Liebe Autofahrer, jetzt bin ich dran!

Ich fahre gern mit dem Fahrrad zur Arbeit ins Pressehaus. Im Winter nehme ich die Straßenbahn. Weil es eine verdammte Qual ist, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Ich kann das beurteilen, weil ich nämlich auch ein Auto habe. Fast jeder Fußgänger ist ein Radfahrer ist ein Autofahrer. Aber in dieser Stadt scheint es für viele ein rotes Tuch zu geben, und das sind die Radler.

Ist das der Neid, weil wir nicht stundenlang einen Parkplatz suchen müssen? Ihr Autofahrer, seid ihr vielleicht verbittert, weil Parken in Bremen so teuer ist? Oder habt ihr ein schlechtes Gewissen, weil ihr euren Schweinehund überwinden und euch mehr bewegen solltet, anstatt für jede 200-Meter-Strecke die Karre anzuwerfen?

Verkehrsregeln sind für alle da

Ich will nicht sagen, dass Radfahren in Bremen die pure Freude ist. Wenn ich über die Buckelpiste holpere, die sich vielerorts Radweg nennt, verfluche ich diese Stadt. Elendig lange dauert das Warten an den Fußgängerampeln. Oft muss ich zwei oder mehr davon ertragen, um eine einzige Kreuzung zu überqueren. An der Domsheide habe ich regelmäßig Angst um mich und andere, weil sich unglaubliche Menschenmassen auf dem schmalen Stück vor dem Bäcker und dem Dönerladen drängen. Regelmäßig latscht jemand zur Seite auf den Radweg, ohne nach links oder rechts zu sehen. Wenn ich dann klingele, werde ich böse angestarrt.

Und dabei bleibt es nicht. Wie oft wurde ich auf dem Rad schon angebrüllt. In der Langenstraße ging eine Frau genau in der Mitte der Straße. Ich warnte sie schon von weitem mit meiner Klingel. Doch anstatt Platz zu machen, drehte sie sich um und keifte mich an: „Frechheit, hier ist Fußgängerzone!“ Ja, gute Frau, das ist richtig. Aber wer Schilder lesen kann, weiß, dass Fahrräder hier trotzdem erlaubt sind.

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Wenn wir schon von Rücksicht sprechen: Manche Autofahrer sollten sich ins Gedächtnis rufen, dass wir Radler keinen Metallpanzer tragen, der uns schützt. Wenn einer rechts abbiegt, wenn die Fußgängerampel grün ist, und mich fast überfährt – dann werde ich auch wütend. Ich hänge an meinem Leben. Schon mal was vom Schulterblick gehört? Oder vom Mindestabstand beim Überholen?

Verkehrsregeln sind für alle da – und werden von allen gebrochen. Wer noch nie über eine rote Fußgängerampel gehuscht ist, werfe den ersten Stein. Was soll also der ganze Hass? Und, liebe Autofahrer, wenn ihr ehrlich seid hasst ihr doch alles und jeden. Radfahrer, Fußgänger, und euch gegenseitig. Am liebsten wärt ihr allein auf der Straße. Und ich will nicht ausschließen, dass es Fußgänger und Radfahrer gibt, die genauso denken. Aber, es tut mir leid, – in Bremen leben mehr als 670.000 Menschen und ihr werdet immer teilen müssen. Vielleicht würde es euch gut tun, häufiger mit dem Rad zu fahren – frische Luft und Bewegung helfen ganz hervorragend gegen Stress.

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