Kommentar über Medienkompetenz

Liebe Politiker, reißt euch im Internet besser zusammen!

Soziale Netzwerke sind theoretisch ein Plus für die Demokratie. Sie ermöglichen Kontakt zwischen Politikern und Bürgern, auch in Bremen. Doch mancher sollte lieber die Finger davon lassen, meint Alice Echtermann.
28.10.2018, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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Liebe Politiker, reißt euch im Internet besser zusammen!
Von Alice Echtermann

Manch ein Politiker sollte sich aus den sozialen Medien lieber heraushalten. Wirklich, es wäre besser für alle und vermutlich auch für sie selbst. Politiker sollten Vorbilder sein, sie sollten besser sein als die meisten Menschen – dafür wurden sie schließlich demokratisch gewählt. Und doch sieht man jeden Tag: Sie sind es nicht. Besonders nicht auf Facebook oder Twitter. Dort sind sie oft genauso impulsiv, unvollständig informiert und emotional wie jeder andere. Anders als die meisten erreichen sie damit jedoch Tausende, wenn nicht Millionen Menschen. Manchmal entsteht ihnen nur ein Imageschaden – im schlimmsten Fall verspielen sie jedoch das Vertrauen in die Politik insgesamt.

US-Präsident Donald Trump ist das Paradebeispiel. Seine Nachrichten auf Twitter bläst er offenbar impulsiv hinaus, ohne noch einen zweiten Gedanken an die Wirkung zu verschwenden. Er beleidigt andere Politiker persönlich, seine Gegner nennt er schwach, dumm, verrückt, betrügerisch, verlogen, und das ganz offen und für alle Welt sichtbar. Die „New York Times“ führt eine Liste aller Personen, Gemeinschaften und Organisationen, die der Präsident im Laufe seiner Amtszeit auf Twitter beleidigt hat. Es sind schon fast 500.

Persönlichkeitsrechte und Falschnachrichten

Doch auch in Bremen lassen sich Beispiele finden für unkontrollierte Social-Media-Aktivitäten von Politikern. Unüberlegtes Handeln führt zu peinlichen und manchmal sogar strafbaren Handlungen. Bundesweite Aufmerksamkeit erregte der Bürgerschaftsabgeordnete Jan Timke von der Wählervereinigung Bürger in Wut (BiW). Auf seiner Facebookseite verbreitete er den Haftbefehl gegen einen der Tatverdächtigen der tödlichen Messerattacke in Chemnitz weiter. Dass das strafbar ist, hätte gerade er als Bundespolizeibeamter wissen müssen. Timke entfernte den Beitrag und entschuldigte sich öffentlich.

Achtsamer ist er seitdem jedoch offenbar nicht geworden. Nur wenige Wochen später verbreitete er ein Amateurvideo über eine Messerattacke in Ravensburg auf Facebook. Es zeigte nicht nur den Täter, sondern auch die blutüberströmten Opfer. Timke versah das Video mit dem Hinweis „ACHTUNG: Grausame Bilder!!!“ und sah damit wohl seine Sorgfaltspflicht erfüllt. Dabei verletzt das Video Persönlichkeitsrechte. Auch bei den Kommentaren der Nutzer unter seinem Beitrag griff er nicht ein. So schrieben dort einige mit Bezug auf die afghanische Herkunft des Täters von „Merkels Kulturbereicherung“ oder „Merkels Goldstücken“, andere ergingen sich in hämischen Bemerkungen wie „Deutschland ist immer einen Abstecher wert“.

Emotionen killen die Vernunft

Das Beispiel zeigt, wie der eigentliche Nutzen von sozialen Netzwerken verdreht werden kann. Facebook und Twitter werden zur Gefahr, wenn Politiker dort keine sachlichen Diskussionen führen, sondern reißerische Beiträge veröffentlichen. Zur Medienkompetenz und Transparenz gehört es dann auch, sich zu korrigieren. Wenn Alexander Tassis, Bürgerschaftsabgeordneter der AfD, in Alarmstimmung auf Facebook verbreitet, in Berlin sei ein gefälschtes Video über seine Partei gedreht worden – dann sollte er anschließend auch richtigstellen, dass es sich um einen Satirebeitrag handelte.

Natürlich gibt es auch positive Beispiele. Viele Bremer Politikerinnen und Politiker nutzen die sozialen Medien seit Jahren erfolgreich – wie Claas Rohmeyer (CDU), Ralph Saxe (Grüne), Miriam Strunge (Linke), Rainer Hamann (SPD) oder Hauke Hilz (FDP). Doch selbst erfahrene Twitterer entgleisen manchmal.

So lieferten sich die Bremer Grünen Kai Wargalla, Carsten Werner und Mustafa Kemal Öztürk kürzlich auf Twitter hitzige Wortgefechte untereinander und mit anderen Nutzern. Der Streit entbrannte über eine Forderung von Wargalla an Radio Bremen, den Journalisten Hinrich Lührssen nicht mehr zu engagieren, weil er in den Vorstand der Bremer AfD berufen wurde. Die Diskussion begann sachlich, gipfelte jedoch darin, dass Wargalla um halb 2 Uhr nachts schrieb: „Was labert ihr denn für eine gequirlte Scheiße, ey?!“ Und an Werner gerichtet: „LASS. MICH. IN. RUHE. MIT. DEINEM TROLLVERHALTEN.“

Emotionen sind der Killer der Vernunft in den sozialen Netzwerken. Der schriftliche Austausch führt oft zu Missverständnissen, das Fehlen eines persönlichen Gegenübers lässt die Hemmungen fallen. Zudem erschwert die Verkürzung eines Beitrags auf Twitter auf 280 Zeichen eine gute Argumentation. Politiker sollten sich dessen bewusst sein. Und bewusst der Tatsache, dass sie eine Verantwortung haben. Da verbietet es sich, im Affekt zu handeln. Im Internet neigt man dazu, spektakuläre Nachrichten spontan zu teilen, nach dem Motto: Unglaublich, das müsst ihr gesehen haben! Doch dabei passieren Fehler, man sitzt womöglich Falschnachrichten auf – und das untergräbt die Glaubwürdigkeit der Politik und kann langfristig großen Schaden in unserer Gesellschaft anrichten.

Dagegen helfen nur mehr Selbstkontrolle, weniger Tempo und Spontaneität. Für letzteres wurden die sozialen Medien stets gelobt – doch immer mehr zeigt sich, dass die öffentliche Debatte darunter leidet. Im Zeitalter von Fake News kann das Vier-Augen-Prinzip grobe Fehler verhindern. Meistens hilft es auch schon, einmal durchzuatmen und zu überlegen, ob man gerade emotional überreagiert. Die persönliche Note, die Meinung und Menschlichkeit, die Politiker im Netz zeigen möchten, müssen darunter nicht zwangsläufig leiden. Es ist möglich, gleichzeitig nahbar zu sein, sich nicht provozieren zu lassen und seine Integrität zu wahren. Wer das nicht kann, sollte besser die Finger von Facebook und Twitter lassen.

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