Die Buchhandlung C.C.Otto schließt nach 57 Jahren ihre Pforten/ Inhaberin Doris Otto plant Sonderverkauf - aber keinen Ramsch

"Lieber verschenke ich den Rest"

Es ist nicht nur eine Buchhandlung, die Vegesack am 18. Februar verlieren wird. Es ist auch eine Institution, die viele Jahre lang mit mehr als 100 Autorenlesungen die Kulturlandschaft Vegesacks mitgeprägt hat: Die Buchhandlung C.C.Otto in der Vegesacker Innenstadt schließt nach 57 Jahren ihre Pforten. Für Doris Otto, seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren alleinige Inhaberin und selbst seit 52 Jahren im Geschäft, wird es ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Sie will ihn erhobenen Hauptes gehen.
17.01.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Albrecht-Joachim Bahr

Es ist nicht nur eine Buchhandlung, die Vegesack am 18. Februar verlieren wird. Es ist auch eine Institution, die viele Jahre lang mit mehr als 100 Autorenlesungen die Kulturlandschaft Vegesacks mitgeprägt hat: Die Buchhandlung C.C.Otto in der Vegesacker Innenstadt schließt nach 57 Jahren ihre Pforten. Für Doris Otto, seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren alleinige Inhaberin und selbst seit 52 Jahren im Geschäft, wird es ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Sie will ihn erhobenen Hauptes gehen.

Vegesack. Doris Otto sitzt im Hinterzimmer ihrer Buchhandlung. Es ist das Arbeitszimmer ihres Mannes Conrad Claus, das seit dessen Tod vor fünf Jahren unverändert geblieben ist. "Ich will Abschied nehmen mit Anstand, mit Würde", sagt sie. Neben und vor dem Schreibtisch stehen Regale bis zur Decke, voll mit Unterlagen, Prospekten, Verlagsverzeichnissen und Ordnern.

Am Fenster steht eine schmale Sitzecke, auf der sie auch selbst gelegentlich mal nach der Arbeit übernachtet hat. Es ist sozusagen die Schaltzentrale, das Herz der Buchhandlung, die seit gut 57 Jahren zum Stadtbild der Vegesacker Innenstadt gehört. Zuerst war sie in der Sagerstraße, zwölf Jahre später zog sie um in die Gerhard-Rohlfs-Straße.

"Ich will erhobenen Hauptes Abschied nehmen", betont Doris Otto noch einmal ihren Wunsch. Darum wird es auch keinen Ramschverkauf geben, darum wird sie wohl auch das Räumungsplakat selbst entwerfen.

Es soll mehr ankündigen, als das heute übliche "Sale" oder "Alles muss raus". Ankündigen wird es, dass es am nächsten Sonnabend, 21. Januar, ab 9 Uhr Bücher mit einem Nachlass von 25 Prozent geben wird. Und was wird mit denen, die übrig bleiben? "Das weiß ich noch nicht", antwortet Otto. Aber, und jetzt wieder die Würde: "lieber verschenke ich den Rest, als ..." - als dass sie Bücher verramscht.

Doris Otto ist 72. Nach 52 Jahren Beruf darf man an den Ruhestand denken. Das zum einen. "Aber", meint sie, "Firmen dieser Größe, zumal inhabergeführte Buchhandlungen, sind nicht mehr hantierbar." Es sei ein neuer Zeitgeist, der auch vor Vegesack nicht Halt mache. "Heute gibt es eine andere Vorstellung von Berufsethos. Mein Leben war immer eine Mischung aus Beruf, Freizeit und Vermittlung von Kultur. Heute sieht man das wohl anders, sind die Bereiche strikter getrennt."

Arbeit bis spätabends

Sie erzählt von früher. Früher ist sie des Öfteren, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, spätabends wieder in die Buchhandlung gegangen, um das Geschäft für den nächsten Tag vorzubereiten. So viel zu ihrer Auffassung von Beruf. Aber sie betont: "Ich habe bis heute immer gute und engagierte Mitarbeiter gehabt." Doch um einen solchen Buchladen weiterführen zu können, müssten natürlich auch genügend Kunden da sein. Und da, meint sie, sei in den vergangenen Jahren, vor allem seit dem Niedergang des Vulkan, besonders in Vegesack die Zahl rückläufig gewesen. Auf die Frage nach einem möglichen Nachfolger, schüttelt sie nur den Kopf. Nein, es ist Schluss. Definitiv. "Es ist Zeit für einen neuen Lebensabschnitt."

Wenn zu gegebenen Anlässen über die Buchhandlung C.C.Otto geschrieben wurde, fand in der Regel - auch in unserer Zeitung - vor allem eine umfängliche Liste von Autoren Erwähnung, die sich im Laufe der Jahre zu Lesungen eingefunden hatten. Siegfried Lenz war darunter, genauso wie Walter Kempowski, Erich Fried und die Schauspielerin Elisabeth Flickenschild; nicht zu vergessen Walter Hallstein, Klaus Mehnert und Gerd Ruge. Conrad Claus Otto durfte sie alle begrüßen. Er durfte sich auch der Bekanntschaft mit Menschen wie Gottfried Benn und Bernhard Minetti rühmen.

Berichtet wurde aber vor allem, dass Conrad Claus Otto sich mit dem Geschäftsgründungskredit zu allererst einen VW-Käfer zugelegt hat. Dass es da noch eine Frau neben ihm gab, wird gerademal in einem Nebensatz erwähnt. 1958 haben sich die beiden kennengelernt. "Da war ich 18", erzählt Doris Otto. "Wir haben uns auf einer Chor-Reise kennengelernt. Das war bei Hindemiths ,Die Harmonie der Welt'. Und sehen Sie, unsere Ehe" - geheiratet wurde 1962 - "war eine hierarchische Ehe. Auch im Geschäft war mein Mann der dominante." So dominant, dass sie einwilligte, noch vor der Hochzeit ebenfalls eine Buchhändler-Lehre zu machen. Auch wenn die Rollen klar verteilt waren, "wir sind miteinander immer mit viel Toleranz umgegangen". Nach dem Abitur ihrer Tochter arbeitet auch sie dann in der Firma.

Seit fünf Jahren liegt die Verantwortung ganz in ihren Händen. "Die Unternehmensführung allein zu gestalten, war für mich eine große Herausforderung, an der ich zunehmend Freude gewann". Und so wird sie bis zum 18. Februar weitermachen. Dann wird die Buchhandlung endgültig geschlossen werden. So wie sie auch das Weihnachtsgeschäft noch "voll durchgezogen" hat. Mit allein sechs Veranstaltungen zwischen Oktober und Nikolaustag.

Was wird Doris Otto nach der Schließung ihres Ladens machen? Darauf antwortet sie höflich: "Ich freue mich, mehr für meine Familie und meine Freunde da zu sein, noch mehr Zeit für Kultur zu haben - zum Beispiel beim Singen im Vegesacker Chor."

Endlich Zeit zum Lesen

Sie will den Kontakt mit vielen dann ehemaligen Kunden auch nach der Schließung nicht verlieren. Und dass sie viel lesen will, sagt sie. Es hört sich an wie: weil ich jetzt ja genügend Zeit dazu habe. Mehr von der Zeit danach aber, "da haben Sie bitte Verständnis, das ist ja irgendwie kein öffentliches Leben mehr, das darf ruhig privat bleiben".

Bis dieses Leben aber ausschließlich privat ist, verspricht sie ihren Kunden, dass die "bis zum 18. Februar die gute fachliche Beratung und den schnellen Bestellservice der Buchhandlung Conr. Claus Otto in Anspruch nehmen können".

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