Musikszene in der Hansestadt

Lila Eule im Bremer Viertel wird 60 Jahre alt

Der älteste Musikclub Bremens feiert Geburtstag: Die Lila Eule im Bremer Ostertor wird 60 Jahre alt. Ein Blick auf die Geschichte von Rudi Dutschke bis Sven Regener.
21.12.2019, 18:38
Lesedauer: 4 Min
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Lila Eule im Bremer Viertel wird 60 Jahre alt
Von Pascal Faltermann
Lila Eule im Bremer Viertel wird 60 Jahre alt

Die Theke der Lila Eule in der Bernhardstraße im Bremer Ostertor.

Pascal Faltermann

Dunkel ist es in der Seitengasse. Am Ende leuchtet das Licht des Kulturzentrums Lagerhaus. Durch einen unscheinbaren Eingang geht es ins Gebäude. Die Treppen in den Keller sind in schummriges Licht getaucht. Links um die Ecke geht es durch eine zweite Tür ein paar Stufen weiter nach unten, direkt an den Tresen. Seit Jahrzehnten ist das in der Bernhardstraße im Viertel so. Es ist der Gang in einen historischen, legendären Ort des bremischen Nachtlebens. Es ist der Weg in die Lila Eule, der sicherlich älteste Musikklub der Hansestadt und wahrscheinlich auch in Deutschland. Seit 60 Jahren gibt es diesen Schauplatz für Musik, Kultur und immer wieder Politik. Das wird Ende des Jahres gefeiert.

Hier in den Kellergewölben tummelte sich die Jazzszene, gründeten sich die Grünen, war Rudi Dutschke zu Gast oder nahmen die Straßenbahnunruhen ihren Anfang. Jahrelang tobte sich hier die kreative Musikszene mit Künstlern wie Peter Brötzmann, Chris Barber, Brotherhood Of Breath, Bobby Hebb, Chick Corea, Kurtis Blow, Flo Mega oder den Jungle Brothers aus. Die Bremer Theaterszene um Bruno Ganz, Vadim Glowna, Judy Winter, Rudi Carrell oder Peter Zadek hatte hier ihren Treffpunkt.

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„Die Eule ist und war immer ein sozialer Schmelztiegel“, sagt Michael Pietsch, einer der beiden Betreiber des Ladens. Zusammen mit Fuat Ates führt er seit 2009 den Club, der derzeit 50 bis 60 Konzerte im Jahr veranstaltet und 15 bis 20 Mitarbeiter beschäftigt. Hinzu kommen rund 15 bis 20 wechselnde DJs. „Wir haben nicht nur musikalisch, sondern auch soziokulturell einen Stadtteil – vielleicht sogar das liberale Lebensgefühl ganz Bremens – mitgeprägt“, sagt Pietsch. Wo künstlerische Freiheit toben dürfte, entstehe auch Freiheit in den Köpfen der Macher und Zuschauer, ist der Clubbetreiber sicher.

Von Frank Zappa, Sven Regener oder Bruno Ganz gibt es zahlreiche Geschichten zu erzählen, die im geschichtsträchtigen Untergrund des Bremer Viertels passierten. Dabei fing die Geschichte der Lila Eule in der Nähe des Brills an. Am 27. Dezember 1959 startete die Clubgeschichte in einem alten Packhaus in der Langenstraße. Es blieb aber eine kurze Episode – nach nur einem Jahr wurde das Gebäude abgerissen. Doch es ging schnell weiter. „Da die Eule so gut lief, haben wir damals einen Kredit von 30.000 Euro von Haake Beck bekommen“, erzählte Olaf Dinné im Dezember 2016, während der Premiere einer Film-­Dokumentation über die Eule, die aus dem Stand heraus der zweitgrößte Fassbier-­Ausschank in Bremen gewesen sei.

Diese historische Aufnahme von 1964 zeigt die Wiedereröffnung der Lila Eule in der Bernhardstraße in Bremen.

Diese historische Aufnahme von 1964 zeigt die Wiedereröffnung der Lila Eule in der Bernhardstraße in Bremen.

Foto: Günter Kruse

Treffpunkt der politischen Jugend

Ab dem Jahr 1964 baute ein Kollektiv um den Architekten Dinné und Gert Settje, dem Gründer des Cinema Ostertor, mit dem Geld ein Haus nach eigenen Vorstellungen im Oster­tor, mit Wohnungen im oberen Teil, dem Club im Keller. Die zweite Eröffnung folgte. Im Jahr 1968 entwickelte sich der Club zum Treffpunkt der politischen Jugend in der noch universitätsfreien Stadt Bremen. Folglich war es auch Dinné, der 1979 als einer der ersten Abgeordneten einer grünen Partei in ein deutsches Landesparlament einzog. Politisiert in der Lila Eule. Der legendäre Moment in dieser Zeit: Der Besuch des Studentenführers Rudi Dutschke am 27. November 1967.

Dinné, damals Clubbetreiber der Lila Eule, hatte die Ikone der 68er-Bewegung persönlich mit dem Flugzeug aus Berlin abgeholt. Rund um die Sielwallkreuzung tummelten sich die Menschen, schildern Zeitzeugen, Bilder belegen es. Dutschke brauchte lange, bis er in der Lila Eule angekommen war. Es gab kaum ein Durchkommen. Im stark verrauchten, dunklen Keller des Traditionsladens hielt der Kopf der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) am gleichen Abend eine Rede.

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Die Lila Eule stand aber auch immer für zahlreiche musikalische Aspekte. Hier herrschte die Hochphase des Free Jazz, die Beatmusik durfte nicht fehlen – zahlreiche Konzerte sind kaum noch zu zählen und zu erinnern. „Bei uns hat sich in den 50/60er Jahren der verpönte Jazz etabliert, bis der 60er-Beat die 68er-Bewegung anheizte“, sagt Pietsch. Die Krautrock- und die Flower-Power-Bands der 70er-Jahre seien auf der Eule-Bühne ebenso zu Hause gewesen, wie der Punkrock zu Beginn der 80er-Jahre.

Dann sei die Musik unpolitischer, aber der Club als sozialer Schmelztiegel umso wichtiger geworden. „Wir sind ein Club für alle und somit ein Spiegelbild der Bremer Gesellschaft“, sagt Pietsch. Bedingt durch die vielfältigen Musikgenres, treffe sowohl an Konzertabenden, als auch auf Tanzveranstaltungen, der Punker auf den Manager, der Hip-Hop- auf den Rock-Fan, Studenten auf Arbeiter, Migranten auf Bremer.

Aufmerksamkeit durch jahrelangen Rechtsstreit

Bundesweite Aufmerksamkeit, vor allem in der Club- und Musikszene, bekam die Lila Eule durch einen jahrelangen Rechtsstreit. Rund vier Jahren lang trugen die Betreiber und eine klagende Nachbarin einen juristischen Kampf vor Gericht aus. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Bremen hat nun die Anträge der Anwohnerin gegen die Aufhebung der Sperrzeit in den Nächten von Donnerstag auf Freitag und gegen die Änderung der Auflagen der gaststättenrechtlichen Erlaubnis abgelehnt. Die Auseinandersetzung um Lärmwerte, Sperrzeiten und Auflagen für den Tanz- und Musikclub im Viertel zogen sich lange hin.

Die 60 Jahre Lila Eule sollen nun ab Dezember ein ganzes Jahr lang gefeiert werden. Den Auftakt machten Konzertabende von Bremer Bands wie den Mad Monks oder Noen. Am Freitag und Sonnabend, 27. und 28. Dezember, tritt die dänische Mod-Beat-Gruppe The Movement aus Kopenhagen auf die Bühnenbretter. Ein Geschenk des Clubs an sich selbst.

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