Über den Kuss Lippenbekenntnisse zum Valentinstag

Bremen. Um den Ursprung des Valentinstags ranken sich viele Geschichten und Legenden. Doch eines ist sicher - am Valentinstag zeigen sich Verliebte ihr Zuneigung. Neben Blumen machen sie es vor allem mit Küssen.
14.02.2012, 11:18
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Lippenbekenntnisse zum Valentinstag
Von Hendrik Werner

Bremen. Anderslautenden Gerüchten zum Trotz: Der Valentinstag, der heute in vielen Ländern gefeiert wird, ist keine Erfindung der Schnittblumenindustrie, und auch der liebenswerte Spötter Karl Valentin hat mit seiner Etablierung nichts zu tun. Vielmehr gilt der historisch kaum verbürgte Bischof Valentin, der anno 268 in Rom als Märtyrer gestorben sein soll, als Patron seliger Zweisamkeit. Eingedenk solcher Faktenunschärfe hält sich eine Würdigung des Tages der Liebenden besser an gesicherte Ausdrucksformen von Zuneigung: Neben Blumen sind dies vor allem Küsse.

Lippenbekenntnissesind oft mehrdeutig. Mancher sozialistische Bruderkuss, etwa jener, zu dem Michail „Perestroika“ Gorbatschow und Erich „Betonkommunist“ Honecker am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin verschmolzen, erwies sich schon als Judaskuss, mithin als Artikulation des Verrats. Ambivalent sind naturgemäß auch sogenannte Pferdeküsse. Schon darum, weil diese nicht im Wortsinne munden können. Selbst eine bilabiale, pardon: doppellippige Beziehung, die sich als Ausdruck einer platonischen Liebe tarnt, ist oft nichts anderes als ein Vorgeschmack, als das verhohlene Zeichen eines Begehrens, welches über bloßen mündlichen Austausch hinausgeht.

DerRest ist Romantik. Die aber muss selbst am heutigen Valentinstag, an dem sich Zuneigung oft als schnöde Blumen- oder Pralinengabe materialisiert, nicht unbedingt heuchlerisch geraten. Schließlich wollen wir, ob nun verliebt oder nicht, nur zu gern Cliff Richards Schmacht-Ode an die empfindsame Sinnenfreude glauben, nach derrote Lippen zum Küssen da sind – und dem siebten Himmel ach so nah.

Mündliche Verheißungen

Apropos „Rote Lippen“. So heißt eine anno 2003 im Berliner Aufbau-Verlag erschienene Lyrik-Anthologie, die den etwas angeberischen Untertitel „Die schönsten Kuss-Gedichte“ trägt. Das Buch versammelt vor allem Verse deutschsprachiger Dichter, die vorgeben, sich ausschließlich dem erhabenen Ideal romantischer Liebe verschrieben zu haben. Dabei scheinen sich die Poeten bisweilen zu verschreiben, weil unbewusste, in tieferen körperlichen Regionen anzusiedelnde Begehrensregungen ihre sexuell aufgeladenen Texte diktieren.

Etwa wenn es den offenbar bedürftigen Adelbert von Chamisso (1781-1831) gleich mehrmals nach einem weiteren „Kuss zum Scheiden“ gelüstet – oder wenn sich Karoline von Günderode (1780-1806) in einer fast unmerklichen Verlagerung derTextbewegung von den oberen zu den unteren Lippen beredt danach sehnt, neue Wonne möge sie saugen. Immerhin: Auch jenseits angestrengt psychoanalytischer Lektüren, die noch im unschuldigsten Schmatz Formen mündlicher Befriedigung wittern, bietet derSammelband schmackhafte schriftliche Verheißungen von Mündlichkeit.

Ein literarisches Aphrodisiakum ist auch „ DerKuss“, eine 2006 im Berliner Wagenbach-Verlag erschienene „kleine Kulturgeschichte“, für die derLiteraturwissenschaftler Alain Montandon etliche Bonmots über die weltweit populärste Form derZuneigungsbekundung gesammelt hat – von „Kein ehrlicher Mann wird einen geraubten Kuss für sich behalten. Er wird ihn sofort zurückgeben“ (Mark Twain) bis „Was ist schon ein Kuss? Ist es nicht derglühende Wunsch, einen Teil des Wesens, das man liebt, einzuatmen?“ (Casanova).

Nicht nur blumige Poeten, auch exakte Wissenschaften haben ihr Scherflein zur Vermessung des Kusses beigetragen. So ermittelten Forscher die verbrauchten Kalorien pro Kuss (150 je zehn Minuten), die Anzahl derbeim Knutschen angespannten Gesichtsmuskeln (39) sowie die Erhöhung des Pulsschlags (von 70 im Ruhezustand auf bis zu 120 – je nach Erregungsgrad).

Länger und lustvoller als sonst liebkosen sich leidenschaftliche Lippen im linden Lenz. Insofern schade, dass derValentinstag in eine Zeit fällt, da noch nicht mal die Schneeglöckchen derSonne ihre wie zum Kuss gespitzten Blüten zur Vermählung zuwenden. „ DerKuss im Mai ist ein hormonelles Muss“, hat Otto F. Best bemerkt, ein führender Akademiker in Sachen oraler Praxis („Vom Küssen“, Reclam, 2003).

Bevor wir uns nun unbotmäßig in biologischer Triebforschung verzetteln, seien zum guten feuilletonistischen Schluss noch die wirkungsmächtigsten Küsse derFilmgeschichte genannt. Cineasten haben die Innigkeit zwischen Clark Gable und Vivien Leigh in „Vom Winde verweht“ (1939) gewählt, gefolgt von derZärtlichkeit von Burt Lancaster und Deborah Kerr in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953). Leer gingen Kim Basinger und Mickey Rourke für „9 1/2 Wochen“ (1986) aus. Rourke habe geschmeckt wie ein Aschenbecher, gab Basinger zu Protokoll. Das fand die Mimin mit jenen vollen Lippen, die gern als sinnlich gelesen werden, wohl nicht so toll, als dass sie sich dem Gespielen voll hätte hingeben wollen.

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