Michael Langner plädiert für Vielfalt Lob der Mehrsprachigkeit

Altstadt. „Warum soll man in Deutschland über Mehrsprachigkeit reden“, hat Michael Langner bei „Wissen um elf“ im Haus der Wissenschaft gefragt. Früher habe es den Begriff Mehrsprachigkeit gar nicht gegeben.
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Von Ina Schulze

„Warum soll man in Deutschland über Mehrsprachigkeit reden“, hat Michael Langner bei „Wissen um elf“ im Haus der Wissenschaft gefragt. Früher habe es den Begriff Mehrsprachigkeit gar nicht gegeben. Doch es habe sich einiges verändert. „Durch die Mobilität sind wir mit Leuten in Kontakt gekommen, die tatsächlich zwei Sprachen sprechen.“

Michael Langner arbeitet als Fremdsprachendidaktiker und in der Lehrerausbildung an den mehrsprachigen Universitäten Freiburg, Schweiz und Luxemburg. Er war auf Einladung des Sprachenrates Bremen aus Anlass des Europäischen Sprachentags in der Hansestadt. „Wir haben in Europa 24 Amtssprachen und circa 117 Einzelsprachen, und wir finden das wahnsinnig kompliziert“, sagt Langner. Im kleinen Neuguinea werden aber ungefähr 700 Sprachen gesprochen. Dabei handelt es sich nicht um Dialekte, sondern in einigen Fällen um nicht einmal verwandte Sprachen. „Das ist Komplexität. Europa ist nicht komplex“, betont Langner. „Vielleicht sollten wir ein bisschen mehr können als nur Plattdeutsch und Englisch.“

Über Mehrsprachigkeit existieren Mythen, mit denen Michael Langner aufräumen möchte: Viele Leute glaubten, dass Mehrsprachigkeit selten und eine Ausnahme ist. „Ich sage, Einsprachigkeit ist eine Krankheit, die heilbar ist“, sagt Langner. Dass mehrsprachige Menschen ihre Fähigkeiten in der Kindheit erlernen, sei zwar richtig, allerdings gebe es auch viele andere, die sich ihr Wissen erst später aneigneten. Ein Standardmythos sei auch, dass Mehrsprachige gut in allen Sprachen sind. Aber derlei Perfektion gebe es nicht.

Oft tue man sich ja schwer, wenn die Umgebungssprache mit der Muttersprache konkurriere. Da stelle sich die Frage, ob andere Sprachen eigentlich Platz im Kopf haben. „Unser Gehirn ist weder ein Eimer, noch ein Computer“, betont der Sprachwissenschaftler. Eine zweite Sprache verdränge die erste nur ganz selten. Das Gehirn sei flexibel noch bis ins hohe Alter. Als Rentner solle man also ruhig damit anfangen, eine weitere Sprache zu lernen.

Die ersten Grundlagen für die Sprache werden in den letzten drei Monaten vor der Geburt gelegt. Von drei bis fünf Jahren handelt es sich um einen simulativ gesteuerten Erwerb – viele Kinder lernen spielend leicht Sprachen. Ab der Pubertät gibt es einen Bruch: Die Jugendlichen fangen bewusst an, Sprachen zu lernen. „Ab dann wird es bewusst mühsam“, sagt Langner.

1997 habe es erste Gehirn-Forschungen bei Mehrsprachlern gegeben. Dabei habe man festgestellt, dass die Muttersprache und die später erlernte Sprache nebeneinander lokalisiert seien. „Das heißt, die beiden Sprachen brauchen zusammen das Doppelte an Platz.“ Bei Menschen, die zwei Sprachen früh konsekutiv erworben hatten, habe man hingegen festgestellt, dass die beiden Sprachen in ein und der selben Gehirnregion abgespeichert wurden. „Es ist also platzsparend.“ Selbst wenn diese Personen nach der Pubertät eine weitere Sprache erworben hätten, seien die neuen Sprachen in derselben Gehirnregion lokalisiert worden. „Frühe Zweisprachigkeit ist so ökonomisch, dass später erlernte Sprachen auch ganz ökonomisch dort reingepackt werden“, sagt Langner.

Dabei unterscheide das Gehirn beim frühen Lernprozess nicht zwischen Dialekt und Fremdsprache. Aus diesem Grund findet es Michael Langner auch „idiotisch“, wenn seine Schweizer Kollegen gegen Hochdeutsch im Kindergarten sind. Mehrsprachigkeit auch in Bezug auf Migranten habe mehr positive als negative Aspekte: Migranten hätten ein differenziertes Bewusstsein für Sprachen, und die Anerkennung der Sprache hebe das Selbstbewusstsein. Darüber hinaus hätten Mehrsprachige eine differenzierte Weltsicht, sie seien die besten Mittler zwischen den Kulturen, betont Langner. Und ein bilingualer Schulunterricht sei effektiver als einfacher, isolierter Fremdsprachenunterricht.

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