Serie „Die Brinkmänner“ (8)

Lochkarte ebnete den Weg zur EDV

Die Bremer Zigaretten- und Tabakfabrik Brinkmann setzte früh auf elektronische Datenverarbeitung, um die Kalkulation für den Rohtabakeinsatz, Bestellungen und Rechnungen effizienter abwickeln zu können.
04.08.2019, 19:36
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Lochkarte ebnete den Weg zur EDV
Von Detlev Scheil
Lochkarte ebnete den Weg zur EDV

Wilfried Wessel mit zwei Brinkmann-Erinnerungsstücken.

Detlev Scheil

Lochkarten kennt die heutige Handy-Generation höchstens aus dem Museum. Die schlichten Pappkarten stehen für den Beginn der Digitalisierung. Auch die Martin Brinkmann AG setzte auf das System, das der deutschstämmige Hermann Hollerieth bereits im 19. Jahrhundert in den USA entwickelt hatte. Bis in die 1980er-Jahre hinein drehte sich bei der Warenwirtschaft und der Buchhaltung viel um die Lochkarte als Mutter der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV).

Über Jahrzehnte dominierte die Lochkarte als Eingabemedium die Computerwelt. Auf der Pappe mit 80 Spalten konnten mittels Lochungen Daten wie zum Beispiel Kundennummer, Bestellmenge und Artikelnummer gespeichert werden. Mit einer Kartenlesemaschine wurden die Daten in einen Großrechner überspielt. Der Rechner mit entsprechender Programmierung konnte dann beispielsweise die verkaufte Ware vom Lagerbestand abziehen oder Rechnungsbeträge addieren.

Mit Lochkarten hatten bei Brinkmann die heutigen Rentner Wilfried Wessel, der in Riede (Landkreis Verden) wohnt, und Friedhelm Bergen aus Habenhausen jahrelang täglich zu tun. Wessel begann 1965 als Lehrling bei Brinkmann, wo er zum Industriekaufmann ausgebildet wurde.

Häufige Betriebsbesichtigungen

„Ich brauchte nur eine einzige Bewerbung zu schreiben, und schon hatte ich eine Lehrstelle“, erzählt er. Bereits während der Lehrjahre setzten seine Vorgesetzten viel Vertrauen in den ernsthaften jungen Mann und betrauten ihn auch mit der Aufgabe, Besuchergruppen durch die Fabrik zu führen. Betriebsbesichtigungen bei Brinkmann gab es zu der Zeit sehr häufig.

Nach Abschluss der Lehre leistete Wessel seinen Wehrdienst ab und kehrte danach sofort wieder zu Brinkmann zurück, wo er im Rechenzentrum eingesetzt wurde. Die EDV-Abteilung war in Räume an der Brautstraße ausgelagert, später bezog sie einen Neubau auf dem Areal der Brinkmann-Verwaltung an der Dötlinger Straße. „Mein erstes Projekt als Programmierer betraf das Rohtabak-Rezept, also das Zusammenstellen verschiedener Tabaksorten für verschiedene Produkte bei Brinkmann“, berichtet Wessel.

Betriebsbesichtigungen bei Brinkmann waren gefragt. Bereits als Lehrling führte Wilfried Wessel (weißer Kittel) Besucher durch das Werk.

Betriebsbesichtigungen bei Brinkmann waren gefragt. Bereits als Lehrling führte Wilfried Wessel (weißer Kittel) Besucher durch das Werk.

Foto: FR

Als Programmierer ging es für Wilfried Wessel peu à peu beruflich aufwärts – bis zum leitenden Datenbankdesigner Mitte der 80er-Jahre und anschließend Softwareentwickler unter anderem für die Personalverwaltung. 1992 kam der Einschnitt: Nach dem weitgehenden Produktionsabzug aus Woltmershausen wurde auch das Rechenzentrum aufgelöst. Wessel wurde mit der Abwicklung beauftragt und verließ das Unternehmen 1994. Er machte sich als Programmierer selbstständig und hatte Großkunden wie Vorwerk.

Umbruch beim Außendienst

Ein großer Auftragsbrocken war für den Programmierer Wessel und seine Kollegen 1973 die Modernisierung des Außendienst-Bestellsystems. Als einer der ersten Großkunden der damaligen Deutschen Bundespost wurde vom Brinkmann-Rechenzentrum Datenfernübertragung praktiziert. Dank des direkten Drahts zu den Kundendiensten konnte zum Beispiel erreicht werden, dass die täglichen etwa 8000 Bestellungen für Zigaretten- und Tabaklieferungen bundesweit bereits 48 Stunden nach Auftragserteilung ausgeliefert wurden. Der Computer erledigte in wenigen Stunden alle Buchungen, das Schreiben von Tourenlisten und Rechnungen. „Die Rechenzeiten des Großrechners betrugen oft mehrere Stunden, heute ist das kaum noch vorstellbar“, so Wessel. Die Lochkarten als Speichermedien wurden bald durch Magnetbänder, später durch Festplatten abgelöst.

Auch Friedhelm Bergen hat einige Erinnerungsstücke aufbewahrt.

Auch Friedhelm Bergen hat einige Erinnerungsstücke aufbewahrt.

Foto: Scheil

Friedhelm Bergen fing 1963 als Lehrling zum Industriekaufmann bei Brinkmann an. „Dort lockte ein vergleichsweise hoher Lehrlingslohn“, erzählt er. Nach der Lehre wurde er in der Verwaltung eingesetzt und musste sich mit unbezahlten Rechnungen von Kunden herumschlagen. Das war ihm zu eintönig, sodass er sich 1968 erfolgreich um die Versetzung zum Rechenzentrum in der Brautstraße bewarb. Als Operator im Schichtdienst brachte er die auf Lochkarten gestanzten Rechenaufgaben in den EDV-Prozess ein.

Anfang der 80er-Jahre holte Brinkmann wegen deutlich sinkender Umsätze und Gewinne die Unternehmensberatung McKinsey ins Haus. Sie empfahl rigorosen Personalabbau in allen Bereichen – auch im Rechenzentrum sollte etwa die halbe Mannschaft gehen. „Das war eine harte Zeit“, sagt Bergen, „da entstand bei den Brinkmann-Mitarbeitern, die sich neben einem überdurchschnittlichen Einkommen auch über zahlreiche Extras gefreut hatten, die schiere Angst.“

Vom Rechenzentrum zum Rohtabak

Friedhelm Bergen konnte noch bis 1987 im Rechenzentrum bleiben und wechselte dann in die Rohtabak-Abteilung, die allerdings auch schon erheblich geschrumpft war. Er kümmerte sich um die Tabakproben, die von den weltweit eingesetzten Einkäufern zur Prüfung nach Woltmershausen geschickt wurden. Das Proberauchen von erfahrenen Brinkmann-Mitarbeitern brachte jeweils die Entscheidung, ob die Tabakpartie angekauft wurde oder nicht. Als die sogenannte Probestube 1993 an einen anderen Standort verlegt wurde, brauchte Bergen einen neuen Job, den er in der Logistik erhielt. 2001 ging er mit 55 Jahren in den Ruhestand.

Wessel und Bergen erinnern sich heute gerne an ihre aktive Zeit bei Brinkmann zurück. Friedhelm Bergen: „Die Arbeit wurde gut bezahlt und hat Spaß gemacht.“

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