Homeoffice in Corona-Zeiten

Lockruf der Jogginghose

Das Sofa ist nur wenige Schritte entfernt und vor dem Fenster toben Eichhörnchen. Unser Autor arbeitet seit fast zwei Wochen von zu Hause aus. Das hat viele Vorteile – und etliche Tücken.
29.03.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Lockruf der Jogginghose
Von Stefan Lakeband
Lockruf der Jogginghose

Viele Menschen arbeiten in der Coronakrise von zuhause aus.

Katharina Frohne

Meine neuen Kollegen mögen Nüsse und Insekten. Stillsitzen ist nicht so ihr Ding. Von morgens bis abends hüpfen sie hektisch hin und her, immer müssen sie irgendwas von A nach B bringen. Mittagspause? Fehlanzeige. Trotzdem mag ich sie. Wie könnte ich auch nicht? Sie sind, zugegebenermaßen, ziemlich süß.

Seit fast zwei Wochen arbeite ich im Homeoffice. Mit bestem Blick auf die Laubbäume vor dem Fenster. Zwei Eichhörnchen hausen in denen, und ich bin sicher: Noch ein paar Tage länger und ich kann sie auseinanderhalten. Ich sitze nicht ganz freiwillig hier. Eine globale Pandemie zwingt mich dazu. Ein Arbeitszimmer habe ich nicht, mein Küchentisch ist jetzt mein Schreibtisch, die Küche mein Büro. Aussichtstechnisch jedenfalls ein Aufstieg, denke ich mir. Im normalen Arbeitsalltag fällt mein Blick auf die mehrspurige Martinistraße und das Gebäude einer Bremer Versicherung. Jetzt also: Grün und Nager.

Lesen Sie auch

Die Arbeit von zu Hause ist anders als im Büro. Zu dieser Einsicht dürften aktuell Zehntausende Menschen in Deutschland kommen. Eine Umfrage hat jüngst ergeben, dass ungefähr jeder Zweite aus den eigenen vier Wänden heraus arbeitet. Jetzt also auch ich, temporär zumindest. Ein Umstand, der Vorteile, aber auch einige Tücken mit sich bringt. Die erste: dieser Text. Eigentlich finden Sie an dieser Stelle Porträts interessanter oder ausgefallener Bremer Orte. Nun also diese Zeilen über mein Zuhause. Ich denke an eine Redewendung, die ich in den vergangenen Tagen so oft gelesen habe, wie zuvor in 30 Jahren nicht: Aus der Not eine Tugend machen. Deshalb: Herzlich willkommen in meinem Homeoffice!

Mein Morgen beginnt seit Tag eins der Heimarbeit entspannt, denn der Weg zum Pressehaus in der Innenstadt entfällt. Die Zeit nutze ich, um noch eine zweite oder dritte Tasse Kaffee zu trinken oder – so ehrlich muss ich an dieser Stelle sein – mich nach dem ersten Klingeln des Weckers noch mal genüsslich umzudrehen. Zeit gespart, Schlaf gewonnen. Vorteil, definitiv. Kinder, die versorgt und bespaßt werden müssten, habe ich nicht, Haustiere ebenso wenig.

Reicht nicht der Kapuzenpulli?

Bevor der Arbeitstag dann richtig beginnt, stellt sich die Frage, die viel auch aus Prä-Corona-Zeiten kennen dürften: Was ziehe ich an? Die Beantwortung ist durch die Heimarbeit unlängst komplexer geworden. Muss es unbedingt das Hemd sein, wenn ich sowieso niemanden treffe? Reicht nicht der Kapuzenpulli? Und wenn die Kollegen in der Videokonferenz ohnehin nur meinen Oberkörper sehen, kann ich dann nicht einfach eine Jogginghose tragen? Letztere ist bislang im Schrank geblieben – wirklich! Trotzdem muss ich gestehen, dass die Bekleidungsetikette bereits ein wenig gelitten hat.

Zum Glück bin ich sicher, dass meine Kollegen mir meinen, sagen wir, etwas legereren Stil verzeihen. Irgendwie ist es ja auch schön, einander mal etwas privater zu erleben. Denn da wir alle im Homeoffice arbeiten, verschafft uns die tägliche Videokonferenz einen kleinen Einblick in das Privateste überhaupt: das Zuhause. Wer sich sonst nur aus dem Büro kennt, erfährt in der Schalte unwillkürlich mehr. Ein bisschen über den Einrichtungsstil – und ganz viel über das, was die Kollegen gerne lesen. Denn der Experte vor der Bücherwand, ein beliebtes Setting in Fernsehinterviews, zieht auch im Homeoffice.

Lesen Sie auch

Ist ja auch logisch: Wer ein Regal mit vielen Büchern hat, hat die höchstwahrscheinlich alle gelesen. Und wer viel liest, ist klug. Klar. Wer lieber besonders agil rüberkommen will, positioniert sich dann vielleicht eher vor dem Heimtrainer. Wer feingeistig erscheinen will, vor einem Gemälde.

Doch Vorsicht, der Schein kann trügen. Neulich las ich von einem Menschen im Homeoffice, der zu einer Videoschalte mit seinen Kollegen gezwungen war, aber keinen geeigneten Raum dafür hatte. Kurzerhand druckte er sich ein Bild aus dem Internet als Konferenzhintergrund aus. Plötzlich waren dann nicht mehr der unsortierte Kleiderschrank und das zerwühlte Bett zu sehen, sondern ein riesiges Luxusapartment. Die Kollegen, so berichtet es der Mann, hätten seine List geglaubt – und nach Auflösung des Streichs herzhaft gelacht.

Zeigen, wie es wirklich ist

Ich gehe davon aus, dass meine Kollegen zeigen, wie es wirklich ist. Warum ich mir da so sicher bin? Erstens: weil ich die Kollegen als integre Menschen kennengelernt habe und sie schätze. Zweitens: weil es dafür dann doch zu normal aussieht. Da erkennt man den Raclette-Grill, der auf dem Schrank verstaubt und darauf wartet, zu Silvester wieder heruntergeholt zur werden. Oder die Topfpflanze, die ihre besten Jahre schon hinter sich hat.

Wenn schon fälschen, dann richtig, denke ich mir. Sollte die Zeit der Heimarbeit länger andauern, würde es mich nicht überraschen, von gewieften Start-ups zu hören, die genau daraus ein Geschäft machen wollen: imposante Hintergründe für die Videokonferenz, im Abo-Modell, wöchentlich wechselnd. Sei es, um die zugeschalteten Kollegen mit etwas Abwechslung zu unterhalten oder um beim Chef Eindruck zu schinden. „Lakeband, ist das da ein Pool im Hintergrund?“, höre ich meine Vorgesetzten schon fragen. Oder: „Spielen Sie selbst auf dem Steinway-Flügel?“

Ja, die Heimarbeit hat einige Vorteile. Und entgegen gegenteiliger Befürchtungen einiger Chefs droht durch die Arbeit daheim nicht der Untergang des Abendlandes. Klar, es arbeitet sich anders. Aber: nicht weniger gut.

Lesen Sie auch

Die schöne neue Arbeitswelt hat allerdings auch ihre Tücken, das will ich nicht verhehlen. Der 1795 geborene Essayist und Historiker Thomas Carlyle soll gesagt haben: „Arbeiten und nicht verzweifeln." Ganz klar: Er hat nie im Homeoffice gearbeitet. Sonst hätte er sich nie zu so einem Ausspruch hinreißen lassen. Wahrscheinlich hat er nie erlebt, was es mit einem macht, wenn das Internet mal wieder streikt, das Bild der Kollegen bei der Videokonferenz plötzlich einfriert oder nur ein unverständliches Rauschen zu hören ist, gefolgt von einem „Hallo? Hallo? Hört ihr mich?“.

Wer im Internet nach der Zeit vor Corona sucht, der stößt daher auch auf Einträge, in denen Deutschland als Entwicklungsland in Sachen Homeoffice bezeichnet wird. Mal sagten Studien, dass Arbeitgeber nur selten die Arbeit aus den eigenen vier Wänden erlauben, mal waren es die Mitarbeiter, die laut Untersuchung lieber ins Büro fahren – obwohl Homeoffice für sie drin wäre. Vielleicht handelten diese Menschen aber einfach nur aus Selbstschutz. Denn wer zu Hause arbeitet, der kann nicht nur leicht dem Lockruf der Jogginghose erliegen. Weitere Gefahren sind ein voller Kühlschrank, Schränke voller Knabberzeug oder das Sofa, das unwiderstehlich in Sichtweite wartet.

Kontakt zu den Kollegen fehlt

Doch noch etwas anderes könnte der Grund sein. Etwas, von dem wir dieser Tage sowieso mehr als genug haben: Abstand. Kürzlich schrieb mir ein Kollege aus dem Homeoffice vor den Toren Bremens, er sei kein Fan der Heimarbeit. Ihm fehle der Kontakt zu den Kollegen; außerdem wolle er sein Zuhause nicht mit Arbeit „beflecken“. Drastische Wortwahl, ja. Aber aus meiner Sicht völlig angemessen.

Was am Morgen mitunter nervig ist, kann abends eine Befreiung sein: Der Nachhauseweg, der Übergang zwischen Arbeit und Feierabend, ist eine Transitzone, die beim Abschalten hilft. Im Homeoffice gibt es die nicht. Da bleibt der Laptop auf dem Tisch stehen, der Zettelhaufen liegen. Homeoffice, das ist nie ganz Freizeit, nie ganz Arbeit. Manch einer mag das anders empfinden. Ich für meinen Teil werde meinen Küchentisch für immer mit anderen Augen sehen.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+