Betroffene berichten über Langzeitfolgen Der lange Schatten von Corona

Viele Betroffene leiden häufig Wochen und sogar Monate nach Infektion und Erkrankung unter Langzeitfolgen. Erste Selbsthilfegruppe für Corona-Genesene ist gestartet. Bremer Studie erforscht „Long Covid“.
29.03.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Sabine Doll und Christoph Bähr

„Diese tiefe körperliche Erschöpfung macht mir immer noch zu schaffen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es sogar noch schlimmer wird.“ Birgit M., die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat sich Ende Oktober mit dem Coronavirus infiziert. Die Covid-Erkrankung hat sich bei der 68-Jährigen mit Husten angekündigt. Es folgten Fieber bis zu 40 Grad Celsius, Atemprobleme und körperliche Schwäche, wie sie sagt. Die Bremerin wurde im Krankenhaus behandelt. Zeitweise habe es kritisch ausgesehen.

„Die Röntgenaufnahmen zeigten, dass die Lunge großflächig befallen war. Die Ärzte sagten, dass man regelrecht zusehen könne, wie das Virus die Lunge immer mehr schädigt“, sagt die Bremerin. Sie bekam Medikamente, die eine weitere Verschlechterung verhindern sollten: Remdesivir, Cortison und Antibiotika. Die Sauerstoffsättigung und andere Werte hätten sich zunächst aber weiter verschlechtert. „Mir ging es wirklich schlecht.“ Nach 15 Tagen im Krankenhaus wurde sie nach Hause entlassen. Die akute Phase von Covid-19 war überstanden.

Birgit M. ist eine der knapp 18.700 Corona-Genesenen in der Statistik des Landes Bremen. Genesen, geschweige denn gesund, fühlt sie sich auch fünf Monate nach der Infektion noch lange nicht, wie sie sagt. „Die Krankheit hat mich voll im Griff und beeinträchtigt meine Lebensqualität.“ Die 68-Jährige leidet an Langzeitfolgen, die mit dem englischen Begriff „Long Covid“ bezeichnet werden. Darunter fallen Symptome, unter denen auch die Bremerin leidet: massive körperliche Erschöpfung, kognitive Einschränkungen, Wortfindungsstörungen, Gelenk- und Muskelschmerzen. „Nach alltäglichen Dingen wie Einkaufen bin ich so erschöpft, dass ich mich hinlegen muss. Nach dem Treppensteigen fällt das Atmen schwer. Es ist, als hätte ich in meinem Körper eine Art Bremse“, beschreibt sie den Zustand.

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Das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie BIPS hat Anfang Februar eine Studie zur Erforschung von Covid-Verläufen gestartet. Bremerinnen und Bremer, die in den vergangenen Monaten positiv auf das Coronavirus getestet wurden, werden vom Gesundheitsamt eingeladen, an einer Befragung teilzunehmen. Ein besonderer Blick gilt auch Spätfolgen. „Auch wenn das noch erforscht werden muss, zeigt sich jetzt schon, dass es eine große Zahl von Betroffenen gibt und noch geben wird“, sagt der Infektionsepidemiologe Hajo Zeeb vom BIPS. „Es handelt sich im Grunde um eine neue und sehr große Gruppe von Patienten.“ Die Studie soll laut Zeeb vor allem auch Erkenntnisse dazu liefern, wie sich das Versorgungssystem auf diese Patientengruppe einstellen muss – in Form spezieller Hilfsprogramme oder Behandlungsstrukturen wie etwa Long-Covid-Sprechstunden.

Die BIPS-Wissenschaftler erhoffen sich auch Antworten darauf, wer von Long Covid betroffen ist, in welchem Ausmaß und wie lange die Symptome anhalten. Erste internationale Daten gibt es nach einem Jahr Corona-Pandemie. Das Robert Koch-Institut (RKI) zitiert aus einer englischen Studie, die im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht wurde: Danach hatten 13,3 Prozent der Erkrankten länger als vier Wochen Symptome, 4,5 Prozent länger als acht Wochen, und 2,3 Prozent länger als zwölf Wochen. Die Hauptrisikofaktoren für Langzeitfolgen seien ein höheres Alter, ein höherer Body-Mass-Index sowie weibliches Geschlecht. Bei schweren Verläufen sei dieser Anteil höher. „Daten aus England deuten darauf hin, dass etwa 40 Prozent der hospitalisierten Erkrankten längerfristige Unterstützung benötigen“, heißt es vom RKI.

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Auch bei milden oder asymptomatischen Verläufen können laut Zeeb Langzeitfolgen auftreten. Anika Hartmann etwa leidet am Verlust des Geruchssinns. „Wenn ich rausgehe, sind Frühlingsgerüche wie der Duft von Blumen oder Rasen einfach nicht da“, sagt die 47-Jährige. Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass sie eine Covid-19-Infektion mit mildem Verlauf hatte. „Ich will deswegen nicht jammern, andere haben mit weitaus größeren Einschränkungen zu kämpfen.“ Ihr gehe es eher darum, Verständnis dafür zu erzeugen, dass eine Corona-Infektion lange nachwirken kann. Hartmann hat vieles probiert: Akupunktur, Cortison, Zink, Geruchstraining. Bisher habe nichts geholfen. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf“, sagt die Delmenhorsterin. „Momentan fühlt es sich manchmal an, als würde ich unter einer Glocke leben.“

Evelyn Friese hatte nach einer Covid-Erkrankung Mitte Dezember, die von den Symptomen einer schweren Grippe glich, ebenfalls ihren Geruchssinn verloren. Nach etwa sechs Wochen konnte die 62-jährige Bremerin wieder riechen, schlimmer war für sie die anhaltende Erschöpfung und die Konzentrationsstörungen. „Ich konnte mich kaum bewegen, hatte starke Gliederschmerzen.“ Sie habe im Bett gelegen, ohne die Konzentration zum Lesen oder Fernsehen aufbringen zu können. „Oft lag ich einfach nur da, habe in die Gegend geguckt und gedacht: Hoffentlich geht das wieder vorbei. Zum Glück hat mich mein Hausarzt gut betreut und mir viel Mut gemacht“, erinnert sich Friese an schwierige Wochen, die inzwischen vorüber sind. „Seit zwei Wochen wird es zum Glück besser“, sagt sie. „Ich werde immer fitter. Es ist wohl ein Prozess, der seine Zeit dauert.“

Birgit M. hat den Austausch mit anderen Betroffenen gesucht: Das Netzwerk Selbsthilfe hat die Gründung der ersten Selbsthilfegruppe Bremens für Corona-Genesene organisiert. „Mir hat es sehr geholfen, dass es auch andere Menschen gibt und Erfahrungen zu teilen“, sagt die 68-Jährige. Infektionsepidemiologe Zeeb hofft auf einen möglichst großen Rücklauf der Bremerinnen und Bremer, die für die Studie mit dem Titel „CoVerlauf“ angeschrieben wurden. Welche Bedeutung Long Covid für die Betroffenen und die Gesundheitssysteme weltweit hat, zeige der Blick in die USA: „Dort wurde ein Forschungstopf mit einer Milliarde Dollar aufgemacht“, so Zeeb.

Info

Zur Sache

Wer sich während seiner beruflichen Tätigkeit mit Corona infiziert und an Covid-19 erkrankt, sollte dies wegen möglicher Spätfolgen der Berufsgenossenschaft oder der Unfallkasse melden. Darauf macht die Arbeitnehmerkammer Bremen aufmerksam. Beschäftigte im Gesundheitsdienst, der Wohlfahrtspflege oder Laboren könnten Covid-19 ohne besondere Nachweise als Berufskrankheit anerkennen lassen. „Voraussetzungen für eine Anerkennung als Berufskrankheit 3101 sind ein Kontakt mit einer nachgewiesenen infizierten Person bei der Arbeit, dass Symptome aufgetreten sind und ein positiver PCR-Test vorliegt“, sagt Niklas Wellmann, Berater bei der Kammer. Seit Dezember 2020 fielen Infektionen bei Kita-Beschäftigten auch darunter.

Bei Beschäftigten anderer Berufsgruppen – etwa in Supermärkten, im öffentlichen Nahverkehr oder der Logistik sei eine Corona-Infektion als Arbeitsunfall anerkannt. „Derzeit wissen die meisten Beschäftigten gar nicht, dass sie ihre Covid-Erkrankung möglicherweise als Berufskrankheit anerkennen lassen können oder es sich um einen Arbeitsunfall handelt“, sagt Kaarina Hauer. Die Leiterin der Rechtsberatung fordert, die Anerkennung von Covid-19 als Berufskrankheit deutlich auszuweiten. „Denn auch Beschäftigte in anderen Berufen sind einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt, diese Zwei-Klassen-Anerkennung ist nicht nachvollziehbar.“

Die Bürgerschaft hat in der vergangenen Woche einen Antrag der rot-grün-roten Regierungskoalition beschlossen, der in diese Richtung zielt. Bremen soll sich demnach im Bund dafür einsetzen, dass Corona-Infektionen am Arbeitsplatz als Berufskrankheit uneingeschränkt anerkannt werden.

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