Ehemaliger Radio-Bremen-Reporter in Talkshow

Lührssen bei Markus Lanz: "Ich wäre auch nach Chemnitz gefahren"

TV-Reporter Hinrich Lührssen sorgte für Schlagzeilen, weil er in den Landesvorstand der Bremer AfD berufen wurde. In der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" verteidigt er seine Entscheidung und die Demonstrationen in Chemnitz.
05.09.2018, 12:02
Lesedauer: 3 Min
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Lührssen bei Markus Lanz:
Von Alice Echtermann
Lührssen bei Markus Lanz: "Ich wäre auch nach Chemnitz gefahren"

Hinrich Lührssen darf wegen seines Engagements in der AfD nicht mehr für Radio Bremen arbeiten. Am Dienstag war er zu Gast bei der Talkshow "Markus Lanz".

imago/APress

Eigentlich ist Hinrich Lührssen Auftritte im Fernsehen gewohnt - immerhin ist er TV-Reporter mit langer Erfahrung, arbeitete für Stern TV und Radio Bremen. Doch in der Talkshow "Markus Lanz" im ZDF gerät er am Dienstagabend vor der Kamera in die Defensive. Gleich zu Beginn der Sendung stellt Lanz Lührssen als alten Bekannten vor; sie hätten jahrelang zusammen gearbeitet. In der Sendung duzt Lanz seinen Kollegen und lässt durchblicken, dass ihn Lührssens Entscheidung, sich dem Landesvorstand der AfD Bremen anzuschließen, sehr überraschte. Er würde ihn niemals in der rechten Ecke verorten, sagt der Moderator, und es falle ihm auch "etwas schwer, dieses Gespräch zu führen".

Lührssen ist an diesem Abend Gast der ZDF-Talkshow, um zu erklären, weshalb er sich für die AfD entschieden hat. Doch zuvor geht es erst einmal um Chemnitz, um die rechten Demonstrationen nach der Bluttat am Rande eines Stadtfestes. Der Journalist Olaf Sundermeyer, der seit langem über die rechtsextreme Szene in Deutschland schreibt, erzählt von seinen Eindrücken vor Ort bei den Demonstrationen in der vergangenen Woche. Beim Stichwort "Lügenpresse" wendet sich Lanz an Lührssen: Wie er als Journalist und Reporter sich einer Partei anschließen könne, die diesen Begriff verwende, der ursprünglich aus der Nazizeit stamme?

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Lührssen: "Naja, die AfD hat den Begriff Lügenpresse ja nicht erfunden, den gibt es ja schon länger."

Lanz: "Aber er wird benutzt, sie hat ihn übernommen."

Lührssen: "Das müsste man im Einzelfall wirklich prüfen, ob der von AfD-Politikern benutzt wurde."

Lanz: "Es ist ein Begriff aus der Nazizeit. Wir müssen uns jetzt nicht ernsthaft darüber streiten, dass AfD-Mitglieder den Begriff Lügenpresse benutzen?"

Lührssen: "Nein, im Einzelfall müsste man es überprüfen. Aber es geht auch darum, dass dieser Begriff für etwas steht. Und zwar für ein ganz tiefes Misstrauen. Und da muss man auch mal fragen: Wo kommt dieses Misstrauen her, zwischen Medien und Bürgern?"

Die Begründung, die Lührssen dann für sein Engagement in der AfD liefert, ist wenig überraschend. "Es hat in mir gebrodelt", sagt er. Er finde die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel "furchtbar". Als weiteren Grund für den Eintritt in die AfD nennt Lührssen, dass die CDU in Erwägung gezogen habe, mit der Linkspartei eine Koalition zu bilden. "Einer Partei mit blutiger Vergangenheit", wie Lührssen sagt. Er wolle konservative Politik machen, und das sei mit der Union in ihrer jetzigen Aufstellung nicht möglich.

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Beim Thema Flüchtlingspolitik entwirft Lührssen das Bild einer permanent offenstehenden Tür, durch die jeder nach Deutschland kommen könne. Aussagen, die Markus Lanz als "Standardphrasen der AfD" abschmettert. "So ein Satz ist eine Beleidigung an deiner Intelligenz", sagt Lanz. Lührssen erwidert, es sei doch nichts dagegen zu sagen, dass jeder seine Familie beschützen wolle. "Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie uns, die Familie, das Volk, beschützt."

Auch zu den Inhalten der AfD und den Demonstrationen in Chemnitz liefert der ehemalige Radio-Bremen-Reporter nur ausweichende Antworten und verstrickt sich teilweise in Widersprüche. Als Gründe für die Unzufriedenheit der Menschen nannte er als Beispiele drohende Dieselverbote und steigende Mieten. Als Lanz ihn daraufhin auffordert, zu erklären, was die AfD dagegen mache, hat Lührssen wenige Antworten parat. Die Partei sei gegen Dieselverbote, und die steigenden Mieten seien ja auch ein Resultat der vielen Flüchtlinge, die aufgenommen werden müssten. "Im Ernst?", ist Lanz' Reaktion darauf. "Ich dachte, jetzt kommt etwas Revolutionäres."

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Als es dann um Chemnitz geht, gerät Lührssen vollends in die Defensive. Dass er selbst oder jemand von der AfD gemeinsam mit Neonazis marschieren würde, streitet er ab - selbst als der Journalist Sundermeyer darlegt, welche rechtsextremen Kräfte in Chemnitz präsent waren und Seite an Seite mit der AfD und Pegida-Funktionären demonstrierten. Als Lanz ein Video eines tätlichen Angriffes auf Journalisten abspielt, bezeichnet Lührssen das als "schlimm, keine Frage".

Lanz: "Und wie geht es dir, wenn du siehst, dass Spitzenfunktionäre der AfD wie Björn Höcke mit denen gemeinsame Sache machen?"

Lührssen: "Aber ich habe jetzt nicht gesehen, dass Björn Höcke da zugeschlagen oder geschubst hat."

(Raunen im Publikum)

Lanz: "Diese Art der Verkürzung funktioniert nicht, wir haben ein intelligentes Publikum wie du merkst. Man muss doch sagen, dass all das getragen wird von einer bestimmten Atmosphäre, und auf dieser Welle surfen die."

Lührssen: "Aber die AfD und Björn Höcke, die haben teilgenommen an einem Trauermarsch."

Die Menschen, die während der Demonstration den Hitlergruß zeigten, nennt Lührssen "angetrunkene Leute". Ob man wegen ihnen darauf verzichten solle, seine Trauer zu zeigen? "Sie können mich doch nicht für alle Ausfälle während dieser Demo verantwortlich machen", sagt er. Er sei ja nicht einmal dort gewesen. Ob er denn hingefahren wäre, fragt Lanz. Lührssen: "Wenn ich Zeit gehabt hätte, ja."

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