Fachliche Bewertung durch Behörde

Günstige Luftfiltergeräte für Bremer Kitas in der Kritik

Günstige Luftfiltergeräte sind ihr Geld nicht wert, meint Sandra Siggelkow. Die Geschäftsführerin des Montessori-Kinderhauses ärgert sich über die Bremer Bildungsbehörde.
19.02.2021, 05:00
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Günstige Luftfiltergeräte für Bremer Kitas in der Kritik
Von Frank Hethey

Als Sandra Siggelkow aus dem Mund von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) hörte, dass sich jetzt auch Kitas zum Schutz ihrer Mitarbeiter Luftfiltergeräte anschaffen könnten, machte sie sich gleich ans Werk. Die Geschäftsführerin des Montessori-Kinderhauses im Viertel verschaffte sich einen Überblick und studierte Gutachten, schließlich kamen drei Geräte in die engere Auswahl – zu einem Einzelpreis von 2650 Euro oder mehr. „Günstigere Geräte taugen nichts“, sagt Siggelkow und stützt sich dabei auf die Aussagen der Hersteller. „Die haben mir sogar geraten, das Geld lieber zu sparen statt es in untaugliche Geräte zu stecken.“

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Von der anfänglichen Euphorie über das Angebot der Bildungsbehörde ist indes nicht viel geblieben. Der Grund: die Modalitäten für die Anschaffung der Luftreiniger. Denn wie die Bildungsbehörde bestätigt, können die Kitas ohne formellen Antrag nur Geräte in einem Preissegment von 300 bis 500 Euro ordern. Bei allen größeren Geräten zwischen 3000 und 5000 Euro muss nach Siggelkows Informationen eine Vorbedingung erfüllt sein – sie kämen lediglich in Betracht, wenn die Räume nicht mithilfe von Fenstern gelüftet werden könnten. So nachzulesen in einem Extrarundbrief, den die Elternvereine vom Verbund Bremer Kindergruppen erhalten haben.

Zweifel an Ernsthaftigkeit

Für Sandra Siggelkow ist solch eine Vorbedingung eine Farce. „Räume, die nicht gelüftet werden können, gibt es nicht in den Kitas“, sagt sie. Weshalb sie den bösen Verdacht hegt, die Behörde habe es in Wahrheit gar nicht wirklich ernst gemeint mit ihrem Angebot. „Entweder will man die Kita-Mitarbeiter ernsthaft schützen. Oder man tut nur so, als sei der Mitarbeiterschutz das Wichtigste.“ Dabei sei man Senatorin Bogedan eigentlich dankbar, dass die Kinder in den Kitas betreut werden könnten. „Aber dann muss der versprochene Schutz auch mehr sein als nur ein Lippenbekenntnis.“

Die Bildungsbehörde weist den Vorwurf zurück. Ressortsprecherin Annette Kemp bestätigt zwar, dass bei großen Luftreinigungsgeräten vor der Anschaffung ein Antrag zu stellen sei. Irgendwelche Vorbedingungen gibt es nach ihrer Darstellung aber nicht. „Diese Anträge müssen fachlich bewertet werden und dann kann nach positivem Votum die Beschaffung erfolgen“, sagt sie. Bislang haben Kemp zufolge sieben Kita-Träger die Kostenübernahme für 25 Geräte beantragt – also für Modelle, die teurer sind als 500 Euro. Wie aus einer Antwort des Bildungsressorts auf eine Anfrage der Bürgerschaftsabgeordneten Birgit Bergmann (FDP) hervorgeht, sind diese Anträge auch schon „geprüft und bewilligt“ worden. In der vergangenen Woche sind laut Kemp noch mal drei Anträge für insgesamt 48 Geräte eingegangen.

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Die Behörde bestreitet auch, dass eine Obergrenze der Kosten für die Geräte festgelegt sei. „Es gibt keine Deckelung der Beträge“, heißt es in der Antwort auf die Bergmann-Anfrage. Sofern ein Kita-Träger den Antrag auf Kostenübernahme „entsprechend“ begründe, würden „nach erfolgter Prüfung die jeweiligen Kosten übernommen“.

Gleichwohl ist die Bildungsbehörde nicht hundertprozentig überzeugt vom Sinn der Luftfilter. Auch wenn Bogedan „positive gesundheitliche Wirkungen“ nicht ausschließen will, weist sie auf „negative finanzielle und ökologische Folgen“ hin – und meint damit hohe Anschaffungs- , Wartungs- und Entsorgungskosten wie auch den beachtlichen Energieverbrauch. Ihr Credo: „Die positiven gesundheitlichen Wirkungen können auch durch andere Maßnahmen wie Lüften durch das Öffnen von Fenstern erwirkt werden.“

Virenbeladene Luft nicht einfach nur verwirbeln

Eher zurückhaltend beurteilt der Virologe Andreas Dotzauer den Einsatz von Luftfilteranlagen. Es müsse auf jeden Fall gewährleistet sein, dass die virenbeladene Luft nicht einfach nur verwirbelt werde. „Bei gleichzeitiger Lüftung greifen die Geräte natürlich nicht.“

Auf die Bremse tritt auch Carsten Schlepper, Leiter des Landesverbands Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder. Luftreiniger seien „immer mit Nebenwirkungen verbunden“. Die Geräte machten Geräusche, in ihrer Nähe stehe man in der Zugluft. Schon allein die fachgerechte Installation sei kein Kinderspiel: „Man muss genau darauf achten, wie die Strömungsverhältnisse im Raum sind.“

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Einigen Respekt hat Schlepper vor der Antragstellung. „Für die Finanzierung muss eine fachliche Stellungnahme abgeliefert werden, ein aussagekräftiger Antrag.“ Weil Luftreiniger zudem immer nur als ergänzende Maßnahme zum Stoßlüften zu sehen seien, hält Schlepper ihre flächendeckende Anschaffung nicht für sinnvoll. „Insgesamt gibt es bei uns vielleicht zehn bis 15 Räume, wo wir mal gucken müssen.“

Luftfilter nicht nur wegen Corona

Für Montessori-Geschäftsführerin Siggelkow gibt es noch andere Gründe, die für hochwertige Luftfilter sprechen. „Jedes Jahr haben wir zur Infektionszeit einen wahnsinnigen Ausfall an Mitarbeitern durch Grippe- oder Durchfallerkrankungen.“ Ein effektives Luftfiltergerät erfülle mithin einen guten Zweck auch ohne Corona-Pandemie. „Das wäre eine Anschaffung ganz im Sinne des Mitarbeiterschutzes.“ Dagegen seien preisgünstige Varianten allenfalls in Privatwohnungen von Nutzen. „In Kitas sind Billigmodelle rausgeworfenes Steuergeld.“

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