Neustart nach Corona

Luise Lübke leitet Deutschlands einzige Architekturschule in Bremen

Luise Lübke hat die Corona-Pandemie wie vielen Solo-Selbstständigen den Boden unter den Füßen weggezogen. Mit ihrer Architekturschule „Baukasten“ hofft sie nun auf einen Neustart im regulären Schulbetrieb.
07.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Luise Lübke leitet Deutschlands einzige Architekturschule in Bremen
Von Sigrid Schuer
Luise Lübke leitet Deutschlands einzige Architekturschule in Bremen

Blickt mit Hoffen und Bangen in die Zukunft: Luise Lübke, Erfinderin und Leiterin der Architekturschule "Baukasten".

Frank Thomas Koch

Schon beim Telefongespräch vermittelt sich Begeisterungsfähigkeit, wenn Lübke über ihre große Leidenschaft, die Architektur spricht. Und dieses Feuer gibt sie nicht nur im „Baukasten“, in der Pieperstraße 7, an Kinder ab sechs Jahren weiter, sondern auch in Schulen an Jugendliche bis zur 10. Klasse und last not least an die Lehrerschaft. 2011 gründete Luise Lübke die bislang immer noch einzige Architektur- und Bauschule Deutschlands, den „Baukasten“. Eine echte Erfolgsstory.

Doch dann drohte die Corona-Pandemie, alles zunichte zu machen. Der Senat verfügte Mitte März von heute auf morgen Schulschließungen. Luise Lübke hat wie viele andere Solo-Selbstständige auch, harte Monate hinter sich. Zwar habe sie mit der staatlichen Corona-Sofort-Hilfe die weiter laufenden Kosten im ersten Vierteljahr überbrücken können, doch Ende Juni hatte sie kein Geld mehr, erzählt sie.

Da Lübke seit vier Jahren auch an Schulen in Baden-Württemberg Architektur unterrichtet, wo die Ferien erst Ende Juli begannen, kam über Schulprojekte zumindest noch etwas Geld herein. Bis heute hat die Architekturexpertin keinen Kleinkredit aufgenommen. „Ich habe meinen Dispo ausgereizt. Es muss einfach weitergehen. Ich muss jetzt wieder Geld verdienen“, sagt sie. Jetzt, nach den Sommerferien, nach denen der Regelbetrieb an den Schulen wieder voll angelaufen ist, habe sie bis Dezember alle Hände voll zu tun, um alle ausgefallenen Projekte nachzuholen. So ist zumindest der Plan.

Projektplanungen zurzeit schwierig

Nach ihrer momentanen Gefühlslage befragt, sagt die Architekturexpertin denn auch: zwiespältig. Zu groß ist die Angst vor einem zweiten Lockdown, bedingt durch die in der Fläche stetig wieder ansteigenden Infektionszahlen mit dem Coronavirus. Dieses Damoklesschwert, das über allem schwebt, wird von vielen Selbstständigen und Kulturschaffenden, aber auch von der Wirtschaft gefürchtet. Es sei schwierig, feste Projektplanungen zu machen, denn auch die Schulen hätten keine Klarheit, sagt Luise Lübke.

Ein zweiter Lockdown, das wäre dann wohl das Aus für den „Baukasten“. Momentan unternimmt sie alles für penible, aufwendige Konzepte, die den Anforderungen von Corona gerecht werden. Das bedeutet: Kleinere, geteilte Gruppen, die im zweiwöchigen Wechsel ihre Aufgaben online zu Hause erfüllen, um dann wieder im Präsenzunterricht selbst architektonisch zu bauen. Besonders hofft Lübke für ihr Projekt an der Paula Modersohn-Schule in Bremerhaven, dort wird mit Beginn des neuen Schuljahres zwei Jahre lang Architektur als Wahlpflichtfach angeboten. Das Projekt Architektur und Baupraxis sei Deutschland-weit einmalig, betont die Pädagogin.

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Ihr Ziel ist es, an Kinder und Jugendliche die Begeisterung für die Architektur und für alle verwandten Berufe weiterzugeben. Und zwar nachhaltig und ganzheitlich. In Walle läuft an der Schule Helgolander Straße ein weiteres, kleineres Projekt. Von den Finnen könnten die Deutschen noch einiges lernen, findet Luise Lübke, die auch die Mischung von traditioneller und kreativer zeitgenössischer Architektur in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen sehr liebt.

Die Finnen seien nicht nur in puncto Design ganz weit vorne, sie seien auch Mitbegründer der modernen Architektur. „Sowohl Architektur und Design sind für sie identitätsstiftend und das wird auch in den Schulen vermittelt“, unterstreicht Lübke. Weshalb sollte das also nicht auch in Deutschland gehen? Der Politik fehle hierzulande oft der Mut zur baulichen Innovation, fügt sie mit Nachdruck hinzu.

Hoher Praxisanteil

Das Besondere an allen „Baukasten“-Projekten ist der hohe Praxisanteil. Unter Lübkes Anleitung wird nach Herzenslust Beton angemischt oder die traditionelle Fachwerk-Technik des sogenannten Ausfachens mit Lehm und Heu geübt. Das für Deutschland typische Fachwerk ist eine von vier prägnanten Bauweisen. Als fortschrittlichste gelte die sogenannte Hybrid-Bauweise, bei der etwa Beton mit nachwachsenden Rohstoffen wie Holz kombiniert werde. „Denn Sand ist eine der wichtigsten Zutaten für Beton und der geht uns allmählich aus, zumal nur eine bestimmte, körnige Sorte verbaut werden kann“, erläutert die Architekturexpertin.

Schon in ihrer Architekturschule, im „Baukasten“ in der Pieperstraße, können Kinder ab sechs Jahren ihre ersten Bauschritte machen. Hier werden etwa mit einer Fülle von Materialien nach eigenen Entwürfen kleine Puppen-Theater oder Ski-Flugschanzen gebaut. Auch hier arbeitet Lübke an einem Neustart Mitte September mit der Hälfte der bisherigen Auslastung, unter Einhaltung der Abstands- und Hygiene-Regeln. „Ich möchte erst einmal abwarten, wie der Schulstart verläuft“, sagt sie. Jedes Kind solle sich vorher überlegen, was es bauen wolle und bekomme dann eine eigene Kiste mit Materialien zur Verfügung gestellt.

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Die gebürtige Berlinerin hat ihre Entscheidung nie bereut, 2004 aus der Hauptstadt in die Hansestadt gezogen zu sein. Zuvor hatte sie für den Bund Deutscher Architekten in Berlin gearbeitet. In Bremen studierte sie Kulturwissenschaft, Kunstwissenschaft und Soziologie, denn die Architektur ist für sie eine Tochter der Kultur. Es könnte sein, dass ihr die Liebe zur Architektur quasi in die Wiege gelegt wurde, räumt sie ein. Schließlich war ihr Großvater Architekt und ihre Großmutter schrieb Kinderbücher über Architektur.

„Ich brauchte einfach neue Horizonte“, erzählt sie. Der Entschluss, nach Bremen zu ziehen, reifte, als sie vor 16 Jahren ihre gute Freundin Jördis Triebel besuchte. Der damalige Generalintendant Klaus Pierwoß hatte die junge Schauspielerin ans Bremer Theater geholt. „Sechs Wochen nach meinem Besuch bin ich nach Bremen gezogen. Ich fand es einfach so schön hier“, erzählt Luise Lübke. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Jördis Triebel auf dem Absprung zu einer großen Karriere und schon wieder auf dem Weg zurück nach Berlin war.

Weitere Informationen

Deutschlands bisher einzige Architektur- und Bauschule „Baukasten“ hat ihren Sitz in der Pieperstraße 7. Der „Baukasten“ wurde 2011 von Luise Lübke gegründet. Kontakt: Telefon 70 89 11 68 oder per E-Mail an kontakt@baukasten-architekturschule.de.

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