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Drei Tüftler aus Sittensen machen Schnaps aus Eicheln

Whisky reift in Eichenfässern, Cognac lagert auf Eichenholz – aber warum gibt es eigentlich keinen Schnaps aus Eiche? Das haben sich drei Freunde gefragt und den Oken erfunden, einen Edelbrand aus Eicheln.
10.05.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Drei Tüftler aus Sittensen machen Schnaps aus Eicheln
Von Marc Hagedorn
Drei Tüftler aus Sittensen machen Schnaps aus Eicheln

Seit drei Jahren produzieren Niklass Haller, Michael Frankenbach und Leonard Spreckels (von links) Schnaps aus Eicheln.

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Drei Freunde sitzen in einer Bar an einem Tisch. Einer der jungen Männer liest laut aus der Getränkekarte vor. „Whisky, 20 Jahre in Eichenfässern gereift. Oder Rum, veredelt im Sherryfass. Oder hier, Cognac, auf Eichenholz gelagert.“ Seine Freunde sind nur mäßig beeindruckt, einer legt wortlos seine Getränkekarte aus der Hand, der andere greift zum Knabberzeug, das auf dem Tisch steht. Dann wendet sich der Sprecher an den Barkeeper und fragt: „Sag mal, habt ihr auch was direkt aus Eiche?“ „Schnaps aus Eiche?“, fragt der Mann hinter der Theke, während er ungerührt ein Glas weiterpoliert, „nö, ham‘ wir nich‘. So was gibt’s auch nicht.“

Von wegen. Die drei jungen Männer an dem Tisch sind Leonard Spreckels, Niklas Haller und Michael Frankenbach. Der Dialog am Anfang dieses Textes ist eine Szene aus einem Video, mit dem die drei Jungunternehmer für ihre Erfindung werben: Schnaps aus Eicheln. Oken heißt ihr Produkt.

Gelagerte Brände immer beliebter

Während der herkömmliche Klare in den vergangenen Jahren Freunde verloren hat, finden gelagerte Brände kontinuierlich neue Liebhaber. Es ist eine Nische auf dem Markt, aber die Nische boomt: Sanddorn-Brand, Haselnuss, Likör aus Rosen, Erdbeeren und Bitterorangen, es gibt fast nichts mehr, was es nicht gibt. Und jetzt auch Schnaps aus Eicheln. Warum auch nicht?

Das haben sich Spreckels, Haller und Frankenbach vor drei Jahren auch gedacht. Die Drei kennen sich seit ihrer Schulzeit in Zeven, sie haben zusammen in Hamburg studiert. Und heute arbeitet einer bei einer Bank, einer ist Unternehmensberater und einer Ingenieur. „Eigentlich müsste es mal einen Schnaps aus Eicheln geben, haben wir uns überlegt“, sagt Spreckels.

Die Eiche. Wie kein zweiter prägt dieser Baum die Landschaft in der norddeutschen Tiefebene, dort wo Spreckels und seine Freunde groß geworden sind. „Die Eiche ist markant“, sagt Spreckels. Die jungen Männer sind stolz auf ihre Herkunft. Das sollte sich auch im Namen ihre Kreation widerspiegeln. Oken – das klingt plattdeutsch, ist in Wirklichkeit aber ein Fantasiewort. Eeken heißen Eichen auf Platt, Oak auf Englisch, Oken nun der Schnaps der Gründer. „Ein Tropfen Oken wird dich an das Wesen eines Eichenbaums erinnern“, heißt es in der Werbung, „wie er da steht, Wind und Regen trotzt und in der Sonne reift.“

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Die Geschichte, die sie mit ihrem Schnaps erzählen wollen, haben die Jungs gemeinsam entwickelt. In Eichenfässern reifen seit jeher die Schnäpse dieser Welt. „Und in der Küche sind die Früchte der Eichen früher verwendet worden“, sagt Spreckels. Jeder der Drei bringt seine Talente in das Projekt ein. Michael „Michi“ Frankenbach gilt als der Tüftler. Der Diplom-Ingenieur hat zum Beispiel das Rührwerk für die Maische und ein System zur Wasserkühlung konstruiert. Für Niklas Haller, den Physiker, geht nichts ohne Formeln, er entwickelt Rezepturen und kümmert sich um die Finanzen, im richtigen Leben ist er als Unternehmensberater tätig. Leonard „Leo“ Spreckels schließlich ist der Künstler im Team, er hat die Ideen für das Design und die Zutaten, da er sich auch mit Botanik ganz gut auskennt.

Bis der Eichenschnaps so schmeckte, wie er schmecken sollte, war es ein weiter Weg. Viel ausprobieren, viel verwerfen, viel Neues denken. „Wie im Kochstudio“, sagt Spreckels. Anfangs haben die Freunde die Eicheln noch selbst im Wald gesucht, inzwischen haben sie einen Lieferanten gefunden. Jetzt ist der Edelbrand fertig, das Rezept zwar geheim – aber trotzdem die Frage: Und wie schmeckt er nun?

Mild mit nussiger Note

„Das muss jeder für sich herausfinden“, sagt Spreckels. Tatsächlich haben viele Freunde den Brand schon probiert. „Alle hatten Schwierigkeiten mit der Einordnung: Es ist kein Whisky, kein Rum“, sagt Spreckels. Aber genau so soll es ja sein. Der kleinste gemeinsame Nenner in Sachen Geschmack: Der Brand aus Eicheln ist sehr mild und hat eine leicht nussige Note.

Die ersten 200 Flachen, alle von Hand abgefüllt, beschriftet und durchnummeriert, sind jetzt in den Verkauf gegangen. Oder so gut wie. Auf der Start-up-Plattform „Start next“ haben sich die drei Jungunternehmer angemeldet. Hier hoffen sie, so viel Geld zusammenzubekommen, dass sie die nächsten Schritte machen können. Dafür können sich Unterstützer Flaschen reservieren lassen. 55 der 200 Halbliterflaschen zu einem Preis von 40 Euro sind schon gebucht. Für 31 von 190 Probierflaschen gibt es Käufer, und sechs der sieben Gründerflaschen, 100 Euro das Stück, sind auch schon reserviert. Erst wenn das Ziel, 4000 Euro bis zum Ende, erreicht ist, wird ausgezahlt.

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Wie das Geld investiert werden soll, steht schon fest: in eine größere Mühle zum Mahlen der Eicheln zum Beispiel; außerdem in eine größere Maschine zur Herstellung der Maische und in mehr Flaschen, um regional in den Ladenregalen präsent zu sein und online wachsen zu können. Und vielleicht brennen sie irgendwann sogar in der eigenen Brennerei. Zurzeit geschieht dieses noch beim Bremer Unternehmen „Piekfeine Brände“ im Europahafen, dem man sich freundschaftlich verbunden fühlt.

Im Moment steht vieles noch am Anfang. Aber wie die Geschichte ausgehen soll, wissen die Freunde schon. Das Video, mit dem sie für ihren Brand werben, endet dort, wo es angefangen hat: in der Bar. Noch einmal die Frage an den Barkeeper: „Sag mal, habt ihr auch was direkt aus Eiche?“ Diesmal greift der Mann hinter der Theke ins Regal. „Brandneu eingetroffen“, sagt er und knallt eine Flasche Oken aufs Brett, den ersten Edelbrand aus Eicheln.

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