Podiumsrunde diskutiert zum Abschluss der Jochen-Stoss-Ausstellung über politisches Leben in Bremen Männer prägen das Bild

Altstadt. „Dann wollen wir beginnen“, verkündet Horst Monsees, der Sprecher der Bürgerschaft, doch dann hält er inne. „Herr Scherf fehlt“, stellt er beim Blick aufs Podium fest und schaut sich um.
17.08.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Gerald Weßel

Altstadt. „Dann wollen wir beginnen“, verkündet Horst Monsees, der Sprecher der Bürgerschaft, doch dann hält er inne. „Herr Scherf fehlt“, stellt er beim Blick aufs Podium fest und schaut sich um. Henning Scherf tut, was er immer tut: die Nähe zu Bürgerinnen und Bürgern suchen. Während sich das Podium füllt, schreitet er händeschüttelnd durch die fast voll besetzten Publikumsreihen.

Auf vielen der ausgestellten Fotos von Jochen Stoss, die der Schwachhauser in den Jahren 1958 bis 2011 für den WESER-KURIER gemacht hat, sind Personen des öffentlichen Lebens. Einige von ihnen sind nun die Protagonisten der Finissage. „Jeden Tag kamen Tausende Bürgerinnen und Bürger“, sagt Bürgerschaftspräsident Christian Weber über die wohl erfolgreichste Ausstellung im Haus der Bürgerschaft. Erinnerung sei im Trend.

In der Runde sitzen, als sich auch Altbürgermeister Henning Scherf gesetzt hatte, neben ihm noch Jochen Stoss, Bürgermeister Carsten Sieling, Bürgerschaftspräsident Christian Weber, Christine Koschnick, Ehefrau vom im letzten Jahr verstorbenen Hans Koschnick, Olaf Dinné, Grünen Politiker der ersten Stunde, Bernd Neumann, zuletzt bis 2013 Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie Eva Lemke-Schulte, ehemalige Umweltsenatorin, Uwe Hollweg, nach eigener Aussage gar kein Politiker und schließlich noch Moritz Thape, ehemaliger Bildungssenator und für seine 97 Jahre noch sehr rüstig, wie auch Horst Monsees bemerkt.

Besondere Momente

Anders als in seinen Führungen sagt Jochen Stoss den Nachmittag über nicht viel, doch seine Fotografien regen Diskussionen und Stellungnahmen an. Uwe Hollweg stellt beispielsweise klar, die Arbeit mit seinem Bruder in einem mittelständischen Unternehmen sei für ihn „eigentlich schon immer“ vorgegangen. Und seine Beteiligung am Ausbau der Kunsthalle? „Der Bau ist sehr gut gelungen.“ Das Publikum stimmt Uwe Hollweg klatschend zu. Dafür sei auch Bernd Neumann zu danken, sagt der frühere Landesvorsitzende der Bremer CDU. Neumann habe entscheidend beim Beschaffen der nötigen Mittel geholfen. Der Kulturpolitiker blickt gerne auf diese Jahre zurück: „Das war schon eine gute Zeit für Bremen.“

Auf einem anderen Bild sitzt Christian Weber alleine im Plenarsaal. Eigentlich sei er ja der Hausherr, sagt er, doch dieses Amt gebe man bei Wahlen ab. Der Plenarsaal wird leergeräumt, die Abgeordneten ziehen aus, damit die Presse einziehen kann. „Die Kabuffs der Medienanstalten nehmen alles in Beschlag“, sagt Christian Weber. „Aber auch so ist das doch ein schöner Saal, oder?“, fügt der Bürgerschaftspräsident hinzu. Da ruft eine Zuschauerin: „Ein schöner Mann!“ Einige lachen, Christian Weber ist geschmeichelt.

„Der Frischling in der Runde“ ist an der Reihe. Horst Monsees meint Carsten Sieling. Auf dem Foto ist er noch jünger. „Das war 2000“, sagt der heutige Bürgermeister. Damals in seiner zweiten Legislaturperiode als Abgeordneter der Bürgerschaft rückt er sich auf dem Bild breit grinsend die adrette Krawatte zurecht.

Nicht nur damals gehörte die Krawatte zum Alltagsbild der Politik. Christine Koschnick merkt an, wie gut die Fotos von Jochen Stoss eine „sehr von den Männern betonte Gesellschaft“ zeigen. „Männer bei allen möglichen Aktivitäten“, zählt sie auf. „Beim Sport, in der Politik, in der Freizeit“, immerzu Männer. „Wenn Frauen auf den Bildern in Erscheinung treten, sind sie, wie ich, sehr oft Begleitpersonal.“

Vorreiterinnen für Frauen

Der Applaus aus dem Publikum gibt ihr recht. Auch der Alt-68er Olaf Dinné sieht da noch Verbesserungsbedarf. Lange Jahre war Christine Koschnick an der Seite ihres Ehemannes Hans Koschnick in der Öffentlichkeit, auch damals, als er die englische Königin bei ihrem Besuch traf. Auf die Frage, ob sie einen Hofknicks gemacht habe, erwidert sie nur: „Ich bin Demokratin, keine Royalistin.“ Auch hierfür Applaus.

Eine Vorreiterin für Frauen in der Politik war in den Achtzigern Eva Lemke-Schulte. Allerdings, sagt die Sozialdemokratin, habe es damals auch Vorteile gehabt, „die einzige Frau zu sein“. Insgesamt sei es aber für sie als Umweltsenatorin keine einfache Zeit gewesen. „Der Umweltschutz hatte noch nicht diesen Stellenwert wie heute.“

Eine weitere Hoheit steht auf einem Foto aus dem Jahr 1997 auf dem Balkon des Rathauses: Michael Jackson, König der Popmusik – hinter ihm Henning Scherf. Er erinnere sich noch sehr gut an seinen Besuch, sagt der damalige Bürgermeister. Es sei zuerst ein sehr distanziertes Treffen gewesen, doch beim Wandrelief, das „Salomonische Urteil“, in der oberen Rathaushalle sei das Eis gebrochen. Von da an habe sich der christlich erzogene Star an der Hand durchs Rathaus führen lassen.

Moritz Thape widersprach der Einschätzung, ohne ihn hätte Bremen heute keine Universität. Er war Anfang der Siebziger am Aufbau des heutigen Bildungs- und Forschungszentrums in Horn-Lehe beteiligt. Obwohl er sehr stolz auf seinen Anteil daran ist, findet der ehemalige Bildungssenator ihn nicht entscheidend. „Fantastisch, was die Universität erreicht hat.“

Nicht nur diese Zeit hat Jochen Stoss mit seinen Fotos begleitet und für die Nachwelt dokumentiert. „Du hast die Geschichte dieser Stadt mitgeschrieben“, sagt Christian Weber zu dem Fotografen.

Die Fotoausstellung wandert nun in die Landesvertretung von Bremen nach Berlin. Damit auch die Menschen dort einen Eindruck davon bekommen, wie Jochen Stoss seine Heimatstadt als Pressefotograf gesehen hat.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+