Interview über männliche Erzieher „Männer wollen sich nicht kümmern“

Dr. Christoph Fantini ist Leiter des Projekts „Rent a Teacherman“. Er möchte mehr Männer für das Grundschullehramt begeistern. Im Gespräch äußert er sich zur Rolle von männlichen Erziehern in Kitas.
14.09.2019, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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„Männer wollen sich nicht kümmern“
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Herr Fantini, warum sind männliche Bezugspersonen für Kinder in Krippe und Kita wichtig?

Christoph Fantini: Sie sind wichtig, um den Kindern in den Bildungseinrichtungen die Vielfalt zu spiegeln, die sie auch außerhalb der Kita erleben. Dort merken sie: In vielen Lebensräumen sieht man sowohl Männer als auch Frauen. Wenn sie Glück haben, haben sie sogar zu Hause männliche und weibliche Bezugspersonen. Dann kommen die Kinder in die Krippe oder den Kindergarten und haben den Eindruck: „Hier ist das anders. Hier sind ausschließlich Frauen.“

Was macht das mit den Kindern?

In Grundschulen haben wir Kinder gefragt: „Warum seht ihr hier eigentlich so gut wie nie eine männliche Lehrkraft?“ Da kommen dann viele Antworten, die erwartbar sind: „Mit kleinen Kindern arbeiten eher Frauen“. Oder: „Männer beschäftigen sich mit Maschinen.“ Das sind stereotype Annahmen, die man vielleicht auch so erwartet hätte. Es wäre aber schön, wenn Kinder nicht so denken würden. Eine völlig neue und unerwartete Erkenntnis, die wir in unserer Forschung gewonnen haben, ist aber die in mehreren unserer Studien geäußerte Annahme der Kinder, Frauen sind schlau und Männer sind stark. Um Lehrerin zu werden, und womöglich gilt das für Erzieher genauso, muss man eine Ausbildung machen oder muss an die Uni, also ganz schön schlau sein, und das ist eher Frauensache.

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Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Für einen Bildungsforscher ist das der Hammer. In mehr als fünf Studien haben wir inzwischen immer wieder diese Sätze gehört, von Jungen und von Mädchen. Und das in einem so frühen Alter, also mit acht, neun Jahren. Jungen haben anscheinend den Eindruck, dass sie sich sozusagen am besten um ihre Muskulatur kümmern und sportlich sein sollten, weil das Schlauwerden eher die Sache der Mädchen wäre. Das ist fatal. Eine Rolle spielt hier sicher auch, dass Kinder häufig weder in frühen Erziehungseinrichtungen noch in der ersten schulischen Bildungseinrichtung auf Männer als „schlaue“ Rollenvorbilder stoßen.

Entwickeln sich Kinder anders, wenn sie schon in Krippe und Kita auf männliche Betreuungspersonen treffen?

Zu diesem Thema haben wir erste Ergebnisse. Eigentlich bräuchte man dafür Langzeitstudien, bei denen man Kinder über einen längeren Zeitraum in verschiedenen Konstellationen begleitet und befragt. An verschiedenen Punkten stellen wir aber fest: Wenn speziell Jungen in den Grundschulen männliche Lehrpersonen sehen und man sie am Ende der Grundschulzeit nach ihren Berufsvorstellungen befragt, antworten einige auch „Lehrer“. Von daher liegt die Annahme sehr nahe, dass dieses Rollenmodell, sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule arbeiten Männer, dazu beiträgt, dass Kinder sich später vorstellen können, diesen Beruf zu ergreifen. Und eine solche Erweiterung der Berufsorientierung – und der Männlichkeitsvorstellungen – findet eben nicht statt, wenn diese Modelle fehlen.

Dass Männer in der Kita wichtig sind, liegt aber nicht daran, dass Frauen ihren Job schlecht machen. Steht ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Vordergrund?

Das ist sehr wichtig. Ein ausgeglichenes Verhältnis, das ist ein Traum, den brauchen wir uns für Kitas nicht machen. Aber zumindest eine regelmäßige Präsenz, sodass Männer in diesem Bereich für Kinder zur Normalität werden. Es geht aber in der Tat nicht um besser oder schlechter. Andersherum wäre ein Kindergarten, in der ausschließlich Männer arbeiten, auch völlig falsch und würde nicht geduldet werden.

Wie kam es dazu, dass der Beruf des Erziehers in der Gesellschaft als typisch weiblich angesehen wird?

Die Lebenserfahrung und Datenlage besagt ja auch heute noch: Kleine Kinder werden vornehmlich von Frauen betreut. Dieser Eindruck ist so massiv, dass sich Männer kaum in dieses Feld hineintrauen. Es gibt zudem ganz spannende Dynamiken, die man als Gatekeeper- Syndrom bezeichnet. Manche, natürlich nicht alle Frauen, signalisieren Männern: „Das ist vielleicht auch gar nicht so dein Feld.“

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Wie wirkt sich das in der Praxis aus?

Bei einem Fortbildungstag, den ich mit Männern aus Bremer Kitas hatte, ging es auch um Fälle, bei denen die Männlichkeit im Arbeitsalltag zu Konflikten führt. Mehrere Männer erzählten dabei, dass Kolleginnen etwa sagten: „Bleib du besser aus dem Toilettenbereich weg. Lass das mit dem Pflaster kleben, weil du ja ein Mann bist.“ Auch mit dieser latenten Unterstellung, wonach die Situation mit einem Mann, der mit einem Kind zur Toilette geht, etwas anderes ist als mit einer Frau. Das ist ja eigentlich absurd.

Ist auch die Bezahlung ein Grund, warum Männer nicht so häufig in Kindergärten arbeiten?

Das ist nicht das Entscheidende. Warum sollten sonst in gut bezahlten Jobs wie in der Medizin, der Psychologie oder der evangelischen Seelsorge Ärzte, Psychologen und Pastoren immer weniger werden? Auch aus diesen gut bezahlten Berufsfeldern ziehen sich die Männer zurück, weil sie mit dem Kümmern nichts mehr zu tun haben wollen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Wenn ausschließlich in der Kita das Ungleichgewicht so groß wäre, dann könnte man sagen, dass es vielleicht an der Gehaltsgruppe liegt. Wenn man aber wirklich über den Tellerrand schaut und feststellt, dass sich Männer generell aus den kümmernden Berufsfeldern zurückziehen, dann kann man nicht mehr so oberflächlich argumentieren.

Trotzdem hat sich die Zahl der Männer in Kitas laut Statistischem Bundesamt von drei Prozent im Jahr 2006 auf über sechs Prozent im Jahr 2018 erhöht. Woran liegt das?

Das dürfte dem Erfolg des Projektes „Männer in die Kitas“ geschuldet sein. Die damalige Familienministerin Kristina Schröder hat da wirklich unabhängig von Parteipräferenzen eine tolle Idee gehabt und die auch umgesetzt. In Berlin hat sie gemeinsam mit ihrem Ressort eine Koordinierungsstelle gegründet, die finanziell und personell so gut aufgestellt ist, dass sie bundesweit agieren kann. „Männer in die Kitas“ ist sehr aktiv mit guten Imagekampagnen, auch zu Themen wie Bezahlung oder Arbeitsverhältnisse in den Einrichtungen.

Das ist eine sehr erfolgreiche Kampagne, die Bewusstsein geweckt hat. Es ist wichtig, dass die Erzieherinnen und die Leiterinnen in den Kitas ein Bewusstsein dafür haben, dass das eine wichtige Sache ist und dass man den Verlust der Zivis nicht kommentarlos hinnimmt, sondern sich um etwas Neues kümmert. Meine Tochter ist noch zu einer Zeit in die Kita gegangen, in der es in jeder Gruppe einen Mann gab, nämlich den Zivildienstleistenden. Und das ist weg durch die Abschaffung des Wehrdienstes.

Besonders viele männliche Erzieher gibt es laut der Statistik in den Stadtstaaten. Warum ist das so?

Zum einen gibt es das Phänomen, dass in urbanen Ballungsräumen einfach mehr Menschen zusammenkommen, die für alternative Lebenswege offen sind. Berlin, Hamburg und Bremen sind zudem eher Städte, wo liberales, alternatives Gedankengut eine gewisse Kraft hat. Zum anderen ist es so, dass die Kampagne „Männer in die Kitas“ in Berlin und Hamburg besonders aktiv ist. In Berlin gab es zum Beispiel Plakataktionen, in denen sich „coole junge Männer“ als Erzieher geoutet haben. Dadurch sollte für jüngere Männer, die vielleicht gerade in der Berufsorientierungsphase sind, erkennbar werden, wie cool männliche Erzieher eigentlich sein können.

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Welcher Männeranteil in den Kitas wäre wünschenswert? Welcher Anteil ist realistisch?

Wenn man in den nächsten fünf Jahren die 15-Prozent-Marke erreichen würde, wäre das eine historische Trendwende. Für Grundschule und Kita wären ein Drittel männliche Mitarbeiter ein schönes Ziel. Aber dafür muss man noch mehr investieren. Das muss auch bildungspolitisch klar sein. Mein Projekt „Rent-A-Teacherman“ ist ausgesprochen günstig, aber es kostet auch Geld. Die Mitarbeiter, die als Studenten in den männerfreien Grundschulen unterwegs sind, bekommen natürlich ein Honorar dafür. Es müssen also der politische Wille und der Mut da sein zu investieren – so wie es Familienministerin Schröder damals mit „Männer in die Kitas“ gemacht hat.

In der Wirtschaft wird immer wieder über Frauenquoten in Führungsebenen gesprochen. Halten Sie umgekehrt etwas von einer Männerquote für Kindergärten?

Das finde ich gut, obwohl ich grundsätzlich kein Fan von Quoten bin. Aber man merkt den Erfolg von Frauenquoten, auch in der politischen Landschaft. Wenn Parteien sich nicht auf den Weg gemacht hätten zu rekrutieren, hätten wir nicht so viele qualifizierte Frauen in den Führungsebenen der Parteien. Durch dieses strukturelle politische Moment hat sich etwas bewegt. Und dasselbe bräuchten Kitas und Grundschulen als Anschub auch.

Es müsste natürlich eine realistische Quotierung sein, die über einen längeren Zeitraum Leitungen verbindlich dazu anhalten müsste, sich nachweisbar um eine Genderdiversifizierung des Fachpersonals zu kümmern. Von heute auf morgen wäre da nicht viel zu bewegen, aber in drei Jahren zum Beispiel ließe sich da ohne Frage einiges ändern, wenn der politische Impuls und die Unterstützung dazu eindeutig wären. Und dasselbe sollte unbedingt auch für die Grundschulen gelten, denn dort ist die Situation ja fast die gleiche! Die Zukunft der Kinder, die dann in einer weniger stereotypisierten Umwelt aufwachsen könnten, weil sie in Bildungsinstitutionen auch Männer kennenlernen, die sich kümmern können, sollte es uns wert sein.

Das Gespräch führte Aljoscha-Marcello Dohme.

Info

Zur Person

Dr. Christoph Fantini ist Dozent an der Universität Bremen mit dem Schwerpunkt interkulturelle Bildung. Zudem leitet er seit 2010 das Projekt „Rent-A-Teacherman“, das mehr Männer für das Grundschullehramt begeistern will. Daneben begleitet er regelmäßig Forschungsarbeiten, die den Genderaspekt in Kindergärten zum Thema haben.

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