Wochenschwerpunkt "Innere Sicherheit"

Mäurer: Bremen nur bei Einbrüchen auffällig

70.781 Straftaten gab es im vergangenen Jahr in der Stadt. Ist Bremen also ein besonders heißes Pflaster? Von Innensenator Ulrich Mäurer gibt es hierzu ein entschiedenes Nein.
12.10.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Mäurer: Bremen nur bei Einbrüchen auffällig
Von Ralf Michel
Mäurer: Bremen nur bei Einbrüchen auffällig

Die Zahl der „Sonderlagen“ mit Großaufgeboten an Polizisten aus Bremen und anderen Bundesländern nimmt zu. Dies hat Auswirkungen auf die tägliche Polizeiarbeit.

Christina Kuhaupt

Nein, manche Statistiken mag Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) so gar nicht. Zum Beispiel die, in der die Bundesländer nach Straftaten pro 100.000 Einwohner aufgelistet sind. Dort findet sich Bremen in unschöner Regelmäßigkeit im Tabellenkeller wieder. Mit mehr als doppelt so vielen Straftaten wie Bayern oder Baden Württemberg und fast doppelt so vielen wie die Nachbarn in Niedersachsen. Schlechter stehen allenfalls die beiden anderen Stadtstaaten da, Berlin und Hamburg.

70.781 Straftaten gab es im vergangenen Jahr in der Stadt (Land: 83.777) – ist Bremen also ein besonders heißes Pflaster? Von Mäurer gibt es hierzu ein entschiedenes Nein. Der Vergleich der Bundesländer sei Unsinn. Man könne Städte wie Bremen, Hamburg oder Berlin ganz einfach nicht mit den Flächenstaaten vergleichen. Orientierungspunkte könnten in so einer Tabelle allenfalls andere Großstädte sein. „Und unter denen nimmt Bremen – abgesehen von der hohen Zahl bei den Wohnungseinbrüchen – keinerlei Sonderstellung ein.“

>> Die Top-Ten der Polizeieinsätze im Überblick

Eine Aussage, die ausgerechnet durch eine weitere Statistik gestützt wird. In der Liste der „gefährlichsten Städte“ tauchte Bremen zuletzt auf Platz zehn auf, also in etwa dort, wo die zehntgrößte Stadt Deutschlands zu erwarten ist. Das Spitzentrio hier lautet Frankfurt, Köln und Berlin. Auch Hannover rangiert deutlich vor Bremen auf Platz fünf.

"Völlig unauffällig" bei Mord und Totschlag

Innensenator Ulrich Mäurer.

Innensenator Ulrich Mäurer.

Foto: Frank Thomas Koch

Der Blick auf einzelne Deliktbereiche fördert wenig Spektakuläres zu Tage: Organisierte Kriminalität? Gibt es in Bremen vor allem in Form von strukturellen Zusammenschlüssen. In vielen Bereichen ist ein organisiertes Zusammenwirken bestimmter Täter zu verzeichnen, erklärt Uwe Hoffmann, Referatsleiter im Innenressort, mit Blick zum Beispiel auf die Strukturen im Hintergrund des Straßenhandels mit Drogen. Ähnliches sei beim Diebstahl hochwertiger Kfz-Teile zu beobachten oder auch bei Betrugsfällen.

Rockerbanden? Sind zwar noch im Drogenhandel unterwegs, aber aus dem Straßenbild der Stadt verschwunden. „Bremen hat keine hohe Qualität mehr für Rocker“, sagt Mäurer. Für ihn eine Folge der zahlreichen repressiven Maßnahmen gegen die Banden in jüngster Vergangenheit.

Mord und Totschlag? „Völlig unauffällig.“ In den letzten beiden Jahren gab es nicht mehr als ein gutes Dutzend Fälle, die Aufklärungsquote in diesem Bereich lag in zwei der vergangenen drei Jahre bei 100 Prozent.

Kaum ein Einbruch wird aufgeklärt

Polizeipräsident Lutz Müller.

Polizeipräsident Lutz Müller.

Foto: Petra Stubbe

Ganz anders sieht das bei den Eigentumsdelikten aus. „Damit haben wir ein Problem“, räumt Mäurer ein. Über 3000 Wohnungseinbrüche standen für 2014 in der Stadt Bremen zu Buche. Aufgeklärt wurden davon nicht einmal sieben Prozent. Dabei handelte es sich zum einen um die klassische Beschaffungskriminalität, um den eigenen Drogenkonsum zu finanzieren. Zum anderen um gezielte und organisierte Einbrüche. Etwa 40 Prozent dieser Taten würden allerdings in der Versuchsphase stecken bleiben, sagt Mäurer. „Das spricht für viele Gelegenheitstäter.“

Dass gerade Bremen von diesen Delikten so stark betroffen ist, führt der Innensenator auf die „teilweise sehr problematische Sozialstruktur in unserer Stadt“ zurück. Sehe man die Daten zu Armut, Arbeitslosigkeit oder Hartz IV, die große Zahl der Privatinsolvenzen und verschuldeten Haushalte oder auch die vielen Alleinerziehenden, dann überrasche es nicht, dass Eigentumsdelikte in Bremen einen so hohen Stellenwert hätten.

Zu schaffen macht der Polizei derzeit aber auch eine andere Entwicklung – die zunehmende Zahl der sogenannten Sonderlagen, also Großeinsätze, die jede Menge Personal binden: Demonstrationen, Gegendemonstrationen, das Terrorwochenende Anfang März, der inzwischen fast schon alltägliche Wahnsinn, der sich Wochenende für Wochenende rund um den Fußball abspielt... „Wir haben schon im ersten Halbjahr 2015 die Stunden verbraucht, die wir für die Sonderlagen des ganzen Jahres eingeplant hatten“, sagt Polizeivizepräsident Dirk Fasse.

Das zweite Septemberwochenende sei ein gutes Beispiel für diese Entwicklung: In Hamburg wurde der „Tag der Patrioten“ verboten, die rechten Organisatoren beschlossen, ihre Demonstration nach Bremen zu verlegen. Dort kam es am Sonnabend zur Gegendemonstration der linken Szene. An die 1000 Menschen, die spontan zu einem Protestmarsch durch die Innenstadt aufbrachen. Auf dem Marktplatz sollte es eine Abschlusskundgebung geben. Was aber eng wurde, denn dort demonstrierten schon Kurden gegen die Türkei. Und Eile war außerdem geboten, weil hier am späteren Nachmittag ein Flashmob gegen Fremdenhass angekündigt war...

Sachbearbeitung kommt zu kurz

Zum Glück fand an diesem Sonnabend nicht auch noch ein Werder-Heimspiel statt, sagt Fasse. Apropos: Die Zeiten, in denen die Polizei halbwegs verlässlich mit dem Wochenrhythmus „Heimspiel – Pause – Heimspiel“ planen konnte, sind seit dem Aufstieg von Werder II in die Dritte Liga vorbei. Und die Zahl der Risikospiele hat sich dadurch auch vervielfacht: Nicht mehr nur zum Gastspiel des HSV sind Hundertschaften im Einsatz, sondern auch, wenn Fans aus Bielefeld oder Osnabrück in Bremen anreisen. Oder aus Magdeburg. Oder aus Dresden. Oder aus Rostock...

Natürlich habe die ansteigende Zahl der Sonderlagen – und hier schließt sich der Kreis zur Bekämpfung der allgemeinen Kriminalität – Auswirkungen auf das Alltagsgeschäft der Polizei, erklären Müller und Fasse. Die gut 200 Mann starke Bereitschaftspolizei sei zwar in erster Linie für Sondereinsätze gedacht, werde aber auch in den Dienstplan für die tägliche Arbeit eingeplant, etwa zur Unterstützung des Einsatzdienstes.

Darunter leide nicht die Sachbearbeitung, erklärt Uwe Hoffmann. Reduziert würden aber Schwerpunktmaßnahmen, die Präventionsarbeit und Verkehrskontrollen. „Die Polizei ist dadurch für den Bürger weniger präsent.“

Extremismus, Sonderlagen, Alltagskriminalität – der WESER-KURIER greift diese Themen mit seinem Wochenschwerpunkt „Innere Sicherheit“ auf.

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