Zehn Jahre Bremer Schlachte Magnet für jährlich zwei Millionen Gäste

Bremen. Vor zehn Jahren wurde die Schlachte als Bremer Beitrag zur Weltausstellung in Hannover eingeweiht. Inzwischen kommen rund zwei Millionen Menschen jedes Jahr an die Schlachte. Eine Erfolgsgeschichte, sagen die Macher.
17.05.2010, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Volker Junck

Bremen. Mittagspäusler speisen unter Bäumen, schlecken ein Eis oder genießen auf Bänken und Steinstufen die Sonne. Nachmittags füllen sich die Biergärten mit Durstigen, und abends herrscht so ein Gedränge, dass man nicht einmal sein Fahrrad durchschieben kann. Rund zwei Millionen Menschen kommen jedes Jahr an die Schlachte. Eine Erfolgsgeschichte, sagen die Macher, die jetzt zehn Jahre alt ist.

Die Schlachte hat viele Väter und Mütter in der Bau- und Wirtschaftsbehörde, bei der Bremer Touristik-Zentrale (BTZ) und anderen Institutionen. Sie alle waren am Generalprojekt 'Stadt am Fluss' beteiligt, als sich Bremen wieder seinen Ursprüngen an der Weser zuwandte und die Gestaltung einer attraktiven Uferpromenade als Beitrag zur Expo 2000 anmeldete. So flossen reichlich Gelder von der EU für das 40-Millionen-Projekt.

Rückblick: An der Schlachte waren früher keine Schlachter ansässig, wie viele Touristen vermuten. Der Name leitet sich vielmehr vom niederdeutschen Begriff 'Slait' ab und Schlagen bedeutet. Eichenbohlen und Pflöcke wurden bereits im frühen Mittelalter zur Befestigung des Uferstreifens bei der Martinikirche in den Boden gerammt. Im 14. Jahrhundert legten dort Koggen und Kähne an, um Fracht zu löschen oder aufzunehmen. Ende des 15. Jahrhunderts gab es bereits einfache Holzkräne. Die Blütezeit endete mit der Versandung des Flusses im 17. Jahrhundert und dem Bau des Vegesacker Hafens.

Mit einer Tiefe von teilweise nur 80 Zentimetern gab es bei immer größeren Schiffen keine Zukunft für den Schlachtehafen, so dass Bremen Anfang des 19. Jahrhunderts an der Wesermündung die Seestadt Bremerhaven gründete. Für den Seeschiffsverkehr kam in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Hohentorshafen in der Neustadt hinzu. Der Schlachtehafen verlor seine Funktion.

Wie fast der gesamte Bremer Westen und die Innenstadt wurde auch die Schlachte im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. Trümmer der Ruinen wurden in die Weser geworfen oder zur Anlage eines öden Uferweges mit Parkplätzen im oberen Bereich verwendet. Da setzt die Neuzeit mit der Rückbesinnung auf Bremens maritime Geschichte an. Die obere und die untere Schlachte wurden völlig umgestaltet und als Bremens Beitrag zur Weltausstellung in Hannover in die Tat eingeweiht.

Tourismus, Treffpunkt, Bummeln, Schiffe gucken

Schlachte - das bedeutet seitdem Tourismus, Treffpunkt, Bummeln, Schiffe gucken und 500 Arbeitsplätze in der Gastronomie. Nach Gästebefragungen durch die BTZ sind etwa zwei Drittel der Besucher Einheimische und Gäste aus dem Umland, ein Drittel Stadttouristen. Seit dem Start existiert eine eigene Marketing-Gesellschaft mit Peter Siemering von der BTZ als Vorstand. 'Bei uns gibt es keine Trittbrettfahrer, alle 14 Schiffe und 15 Gastronomiebetriebe sind Mitglied', sagt er. Nach dem Jubiläum mit einer großen Sause am letzten Mai-Wochenende wird der Großmarkt, der seit 25 Jahren den Kajenmarkt mit Flohmarkt betreibt, das Engagement von der BTZ übernehmen.

Als der Großmarkt mit der Idee an die Öffentlichkeit ging, den sommerlichen Kajenmarkt um einen 'Winterzauber' zu ergänzen, gab es bei den Bremer Schaustellern einen ziemlichen Aufstand. Sie befürchteten Einbußen auf dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt. Man einigte sich auf unterschiedliche Gestaltung und Angebote ohne direkte Konkurrenz. Seit 2004 funktioniert nun beides als gemeinsamer Magnet für Touristen: der traditionelle Weihnachtsmarkt und der Schlachtezauber mit historischem Markt und Aufführungen in Eisblau statt Tannengrün.

Schlachte und Schiffe - eine problematische Verbindung, weil die Weser eine Bundeswasserstraße ist und vertäute Schiffe nicht weit in diese hineinragen dürfen. Zudem müssen sie bei Eisgang und Sturmflut binnen kurzer Zeit unter den Brücken verholt werden können. Auch herrscht ein Tidenhub von rund vier Metern.

So mussten beim Bau der Unteren Schlachte mit einer neuen Spundwand mächtige Dalben für die Pontons gerammt werden. Bei Niedrigwasser sind die Stege steil wie Kletterpfade in den Alpen. Alles zusammen macht das Anlegen größerer Schiffsattraktionen wie etwa eines Feuerschiffes von der Elbe oder des Schulschiffs Deutschland unmöglich.

Trotzdem hat sich eine hübsche Flotte mit den Fahrgastschiffen von 'Hal över', Theaterschiff, Pannekoekship, Dampfer Friedrich, Hansekogge und Weserkahn Franzius, Betonschiff Treue, Hotelschiff Perle und dem nachgebauten Raddampfer Weser versammelt. Immer beliebter bei Wassertouristen ist zudem die Marina auf Höhe des Weserhauses von Radio Bremen, die wegen des Zuspruchs erweitert werden muss.

Beim Stichwort Schiffe darf ein Name nicht fehlen: die 1915 auf der Bremer Atlas-Werft als Bereisungsdampfer der Hafen-Deputation gebaute 'Welle'. An der Schlachte fristete sie ein eher trauriges Dasein als Kneipenschiff, brannte zweimal aus und wurde 1994 schließlich durch Sabotage an der Feuerlöschanlage versenkt. Eigner 'Pepi' Heiss lieferte den Medien immer neue Schlagzeilen bis hin zum juristischen Streit mit der Wasser- und Schifffahrtsdirektion und der Stadt, als es um die Verlegung der Welle für den Bau der Teerhofbrücke um knapp 20 Meter ging. Er bekam schließlich 750000 Mark als Entschädigung und hinterließ ein Wrack.

Dass die 'Welle' nicht verschrottet wurde, verdankt sie einem rührigen Verein um den Ingenieur Bernd Meyer, der sie mit öffentlicher Förderung, vielen ABM-Kräften und zahlreichen Arbeitsstunden in Bremerhaven restaurierte. Nun schwimmt sie wieder und steuert demnächst aus eigener Kraft die Schlachte an.

Zu den weniger ruhmreichen Kapiteln an der Schlachte zählt das Schnellboot 'Speedy' für den Fährverkehr nach Helgoland. Es begann mit einer missglückten Rettungsübung in Bremerhaven und endete 2004 nach nur drei Sommern mit einem Fiasko für die Reederei Warrings. Wohl auch deshalb, weil der High-Tech-Renner aus Australien mit 324 Plätzen nur selten seine Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern ausfahren konnte. Ein betrübliches Ende nahm vor zwei Jahren auch der ehemalige Eisdampfer 'Pinguin' an der unteren Schlachte. Als Kneipenschiff wurde es vom Publikum nicht angenommen.

Der 1992 vollendete Bau der 96 Meter langen Brücke zwischen Teerhof und Schlachte gestaltete sich zu einem gehörigen Spektakel, vor allem, als die gewaltigen Stahlteile eingeschwommen wurden. Die ursprünglich kalkulierten Kosten kletterten von 5,5 auf rund 14 Millionen Mark, was der Rechnungshof als massive Geldverschwendung rügte. Die Stadt musste damals außerdem für mehr als eine Million Mark einen vier Meter breiten Streifen an der Schlachte als Zuwegung zur Brücke von privaten Eigentümern kaufen.

Pläne für eine Seilbahn mit Gondeln

Dabei hatte es noch ganz andere Pläne gegeben, um die Martinistraße als vierspurige Trennschneise zwischen City und Uferpromenade zu überbrücken. In der Baubehörde lagen Pläne für eine Seilbahn mit Gondeln zwischen Obernstraße und Schlachte. Stadtplaner erwogen auch eine Umwandlung der Martinistraße zur Fußgängerzone. Dort braust heute unvermindert der Verkehr.

Doch die Schlachte entwickelt sich weiter. Einige Lokalitäten erhielten neue Namen und Betreiber. Doch der Stamm der ersten Generation von Gastronomen hielt sich trotz hoher Mieten. Die rundum aufgepeppte Jugendherberge mit 50000 Übernachtungen pro Jahr oder das Hotel 'Überfluss' sorgen für neue Attraktionen entlang der Meile. Nicht zu vergessen Radio Bremen mit seinem neuen Funkhaus oder die Kulturkirche St. Stephani.

Die Schlachte ist längst eine feste Größe bei Reiseveranstaltern nicht nur in Deutschland. Nun will ihre Marketing-Gesellschaft noch einen draufsetzen und an der Vergnügungsmeile die längste Kohl-und-Pinkel-Tafel der Welt aufbauen. Das hat noch Zeit bis zum Winter. Jetzt steht erst einmal das Jubiläum mit einer riesigen Fete am 29. und 30. Mai an. Das genaue Programm mit vielen Überraschungen wird am 18. Mai bekannt gegeben.

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