Autor spricht über seine Grundhaltung, Vertreibung und Versöhnung "Man braucht eine Haltung"

Bremen. Am Sonnabend ist der Bremer Journalist und Autor Kurt Nelhiebel mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon ausgezeichnet worden.
16.03.2014, 07:48
Lesedauer: 4 Min
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Von Sara Sundermann

Am Sonnabend ist der Bremer Journalist und Autor Kurt Nelhiebel mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon ausgezeichnet worden. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit unbewältigter Nazi-Vergangenheit und der Erinnerung an Krieg und Vertreibung. Auch er und seine Familie wurden nach 1945 als Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben. Sara Sundermann hat mit Kurt Nelhiebel gesprochen.

Herr Nelhiebel, Sie stehen für eine klare Haltung. Wie geht es Ihnen damit, dass Sie den Friedenspreis erhalten?

Kurt Nelhiebel: Man kann nicht wie ein Blatt auf dem Wasser treiben, man braucht eine Haltung. Meine Grundposition war immer, mich auf die Seite der Schwachen zu stellen, denn sie sind es, die Hilfe brauchen. Die Starken wissen sich selbst zu helfen. Aber meine eigene Person ist bei meiner Arbeit meistens in den Hintergrund getreten. Deshalb ist es für mich ein sonderbares Gefühl, wenn ich jetzt durch den Preis in den Mittelpunkt gerückt werde.

Sie haben sich viel unter anderen Namen zu Wort gemeldet, vor allem unter dem Pseudonym Conrad Taler. Warum?

Das war notwendig, weil sich Nachrichtenredakteure nicht kommentierend äußern durften. Also habe ich meine Kommentare – so wie meine Bücher – lange unter anderem Namen verfasst. Das diente auch dem Schutz meiner Familie vor Anfeindungen.

Ihr Pseudonym-Nachname Taler verweist auf das Adamstal im heutigen Tschechien, wo Sie aufgewachsen sind. Als Sie 19 Jahre alt waren, wurden Sie und Ihre Familie vertrieben, obwohl Sie Hitler-Gegner waren. Wie haben Sie das erlebt?

Als ich mit 18 aus dem Krieg zurück nach Hause kam, waren viele meiner Freunde schon vertrieben worden. Wenn die Menschen nicht mehr da sind, fühlt man sich auch in der Heimat einsam. Ich habe die Vertreibung anders erlebt als die meisten Sudetendeutschen, die zuvor zur Nazizeit mit den Wölfen geheult haben. Für mich war es doppelt schmerzlich. Aber ich habe nie den Schluss daraus gezogen, dass die Tschechen jetzt meine Gegner sind. Ich habe mich für die Versöhnung eingesetzt.

Und Sie haben – anders als es von Vertriebenenverbänden teilweise zu hören ist – immer wieder darauf verwiesen, dass erst der Krieg kam und dann die Vertreibung.

Ja. Ohne den Zweiten Weltkrieg wäre ich noch in meiner Heimat. Und ich habe auch darauf hingewiesen, dass ein Teil der Sudetendeutschen eingefleischte Nazis waren, die Hitler den Boden bereitet haben.

Vielleicht können Menschen die so wie Sie Ihre Heimat verloren haben, am besten erklären, was Heimat bedeutet. Was heißt es für Sie?

Ohne Kindheit gibt es keine richtige Erinnerung an die Heimat. Heimat bleibt immer dort, wo man aufgewachsen ist. Heimat hat mit der Sehnsucht nach Geborgenheit zu tun, und ich habe als Kind die Geborgenheit in der Natur gesucht. Ich habe jede freie Sekunde im Wald verbracht. Das war für mich Heimat. Aber Heimatliebe ist immer auch Sehnsucht nach Frieden.

Sie leben inzwischen seit fast 50 Jahren in Bremen. Ist das jetzt auch Heimat für Sie?

Mit der Zeit schieben sich neben die Bilder der alten Heimat neue Bilder: Die Weite des Watts, der unvergleichlich offene Himmel über dem Deich. Aber eine zweite Heimat? Das sagt sich immer so leicht. Eigentlich gibt es für mich nur eine Heimat. Doch ich bin jetzt hier in Bremen zuhause.

Herr Nelhiebel, eines Ihrer Bücher heißt „Rechts, wo die Mitte ist“. Es ist 1972 erschienen. Würden Sie heute, mehr als vier Jahrzehnte später, von rechten Tendenzen in der Mitte der Gesellschaft sprechen?

In Krisenzeiten tendieren die Deutschen immer nach rechts. Darauf verweist auch der Spruch: ,Wenn ein Engländer arbeitslos wird, geht er angeln, wenn ein Deutscher arbeitslos wird, geht er zu den Nazis.’ Und es gibt in unserer Gesellschaft immer noch eine Art Überlegenheitswahn: Wir denken immer noch oft, wir könnten alles besser.

Ist das wirklich so? Glauben Sie, auch die jüngeren Generationen in Deutschland leiden unter Überlegenheitswahn?

Die jungen Leute sind vielleicht nicht mehr so leicht mit den alten Fallen zu fangen. Doch in der Finanzkrise hat man gegenüber Griechenland oft die Haltung gehört: ,Ihr müsst es so machen wie wir. Wir arbeiten eben von morgens bis abends, deshalb geht es uns so gut.’ Aber gerade wir sollten uns davor hüten, anderen Europäern zu sagen, in welche Richtung sie gehen sollen.

Wenn man von rechten Tendenzen in der Mitte der Gesellschaft spricht, denkt man auch an Thilo Sarrazin. Gerade hat er wieder ein neues Buch geschrieben . . .

Die großen Parteien lassen viele Menschen allein mit ihrer Sorge, es könnte zu viele Einwanderer geben. Sie nehmen die Ängste nicht ernst genug. Und in dieses Vakuum stoßen dann Thilo Sarrazin oder die Alternative für Deutschland (AfD). Wir können froh sein, dass es bei Parteien wie der AfD derzeit keine großen Charismatiker und Führungspersönlichkeiten gibt.

Was halten Sie vom Einwanderungsland Deutschland?

Ich empfinde eine persönliche Genugtuung, wenn ich sehe, dass die Gesellschaft der Edelgermanen durch die Einwanderung so richtig aufgemischt wird. Das wird auf Dauer den Überlegenheitswahn in sich zusammenfallen lassen.

Sprechen Sie eigentlich Tschechisch?

Ja, aber mein Tschechisch stammt aus meiner Kindergartenzeit. Ich kann viele Erlebnisse auf Tschechisch erzählen, aber für ,Überlegenheitswahn’ fehlt mir das Wort.

Zur Person: Kurt Nelhiebel (85) ist Autor, Dichter und ehemaliger Rundfunkredakteur. Nelhiebel wuchs in Nordböhmen auf. 1965 kam er nach Bremen. Er war lange Nachrichtenchef bei Radio Bremen und hat viele Bücher über Rechtsextremismus und die jüngere deutsche Geschichte geschrieben.

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