WESER-KURIER-Sommersitz in Hemelingen "Man findet hier alles"

Sommersitz, Teil 2: Am Donnerstag hat Reporter Wigbert Gerling mit Hemelingern über ihren Stadtteil gesprochen. Am Freitag macht der Sommersitz von 10 bis 13 Uhr in Walle Station.
07.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Wigbert Gerling

„Hab’ ich ein Haus und etwas Feld – so ist es gut für mich bestellt...“ Eine Inschrift an einem Haus in Hemelingen – genauer: in der neuen Mitte des Stadtteiles genau an der Schnittstelle von Hannoverscher Straße und Schlengstraße. Das geografisch zentrale Gebäude ist modern umgebaut und verweist doch mit seiner Architektur und dem Sinnspruch unter dem Giebel auf die ländliche Tradition Hemelingens, wo der WESER-KURIER am Donnerstag seinen Sommersitz eingerichtet hatte.

Wolfgang Treder ist Osterholzer, kommt aber regelmäßig ins Hemelinger Zentrum. So auch am Donnerstag. Im Eiskaffee Cercenà ist für ihn der Platz, um Zeitung zu lesen. Mit dem Auto braucht er von zu Hause bis hierher rund zehn Minuten. Er schätzt nicht nur den Eiskaffee, sondern den ganzen Stadtteil. „Der Beirat Hemelingen ist sehr aktiv – und auch Ortsamtsleiter Ulrich Höft.“ Der hat seinen Dienstsitz in der Godehardstraße und längst nicht mehr in der Hannoverschen Straße im großen Schloss, das für Wolfgang Treder nicht nur einen ortspolitische, sondern auch eine persönliche Bedeutung hat: „Dort war früher das Standesamt, da haben meine Frau und ich 1970 geheiratet.“

Im Schloss ist heute kein Standesamt mehr, überhaupt kein Amt, sondern ein Italiener. Die Jahreszahl nimmt Treder zum Anlass, um noch andere Impressionen aus der Hemelinger Historie Revue passieren zu lassen. Spontan denkt er an an die Ansiedlung von Mercedes Benz. „Zum Glück hat das der damalige Bürgermeister Hans Koschnick durchgesetzt.“ Oder auch das Ausbesserungswerk Bundesbahn, ein wichtiger Arbeitgeber im Bremer Osten. Hemelingen sei generell ein wichtiger Industrie-Standort und genau deshalb die Zielscheibe von Bombenangriffen gewesen: „In Hemelingen ist im Krieg viel zerstört worden.“

Die Ballung von bedeutenden Betrieben hat ihren Ursprung in der Geschichte Hemelingens. Die durchweg beschauliche Zeit mit bäuerlich-dörflichen Charakter hatte spätestens 1854 ein Ende, als das Königreich Hannover und damit Hemelingen dem Deutschen Zollverein beigetreten war. Da Bremen sich nicht zum Beitritt entschließen konnte, entstand zwischen dem Hannoverschen Hemelingen und Bremen eine Zollgrenze. Das bedeutete: Bezahlen beim Warenaustausch über die Grenze.

>> Sommersitz, Teil 1: Findorff <<

Um dies zu vermeiden und die Verbindung zu dem großen deutschen Absatzmarkt zu halten, verlegten hansestädtische Fabrikkanten ihre Betriebe auf das noch dünn besiedelte Hemelinger Territorium: Tabakhändler zogen ein Stück weiter östlich, andere folgten. Die Silberwarenfabrik Wilkens & Söhne zum Beispiel, die berühmte aber längst gelöschte Glockengießerei Otto, die noch heute einer Straße den Namen gibt, die von der Christernstraße abgeht, die Hemelinger Brauerei AG. Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Ziegel gebrannt und Chemikalien hergestellt. Seit 1939 gehört Hemelingen zur Stadtgemeinde Bremen.

Aus dem Dorf wurde ein Industriestandort. Letzteres ist Hemelingen bis heute, bei der Suche nach Hinweisen auf den ländlichen Charakter muss man etwa genauer hinschauen – zum Beispiel auf die Inschrift im Giebeldreieck des umgebauten Bauernhauses in der neuen Mitte des Stadtteils, zu dem die Ortsteile Hastedt, Sebaldsbrück, Arbergen und Mahndorf gehören – und Hemelingen selbst natürlich. Mit über 40 000 Einwohnern gehört dieser Zusammenschluss zu den größten in Bremen.

In dem modernisierten Bauernhaus ist die Bremische Volksbank. Filialleiter: Lars Fischer. Bei einem kleinen Plausch zur Mittagszeit erwähnt er unter anderem, dass bei der Modernisierung des Gebäudes die alten Stützbalken erhalten wurden, sie sich mit ihrem dunklen Braun gegen die weißen Wände deutlich abheben und auf die ländliche Tradition im Stadtteil verweisen. Die Verbindung von dörflich und industriell, so seine Erfahrung, ist bis heute zu spüren. Weiter östlich haben die Ortsteile Arbergen und Mahndorf ihren ländlichen Charakter demnach noch etwas bewahrt, während Hemelinger ein eher städtisches, auf jeden Fall multikulturelles Profil habe. „Und unser Gebäude ist im Mittelpunkt und damit eine Verbindung von beidem.“

Lars Fischer, der nicht ausschließt, dass sein Büro womöglich einst ein Kuhstall war, ist Bremer und kommt aus Schwachhausen. „Aber ich habe Hemelingen lieben gelernt.“ Gerade dort im Zentrum des Stadtteils sei schnell zu erreichen, was der Mensch so brauche: Lebensmittelmärkte, eine Fleischerei, eine Tankstelle gleich schräg gegenüber, der Arzt und der Zahnarzt. Unter anderem. Und an jedem Mittwoch sei ein Markt in dieser neuen Mitte. „Man findet hier alles,“ so der Filialleiter. Das Eiscafé in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem großen Platz vor der Bank nicht zu vergessen.

Für seine Liebe zu Hemelingen kann Lars Fischer auch ein papiernes Beweisstück liefern. Jahr für Jahr und so auch 2015 kauft er einen ganz speziellen Kalender, den er an seinem Arbeitsplatz aufhängt – und zwar an einem der Holzbalken, die auf die ländliche Tradition verweisen. Das tut auch der Kalender. Der Titel: „Hemelingen un umto“. Die Monatsbilder, fast durchweg in Schwarz-Weiß, zeigen historische Ansichten aus dem Stadtteil.

Der Sinnspruch oben am Bauernhaus hat noch einen Nachsatz: „...nehme den Pflug und Spaten dazu – arbeite fleißig und lebe in Ruh’“ Geschrieben: 1897.

Heute in Walle

Von 10 bis 13 Uhr ist Sara Sundermann heute an der Kreuzung von Vegesacker und Bremerhavener Straße und wartet auf Gesprächspartner, die ihr Geschichten aus ihrem Leben und dem Stadtteil erzählen.

Dann sind wir mit unserem Sommersitz bei Ihnen

  • 7. August: Walle
  • 10. August: Mitte
  • 11. August: Häfen
  • 12. August: Neustadt
  • 13. August: Strom
  • 14. August: Gröpelingen
  • 17. August: Obervieland
  • 18. August: Huchting
  • 19. August: Woltmershausen
  • 20. August: Seehausen
  • 21. August: Östliche Vorstadt
  • 24. August: Schwachhausen
  • 25. August: Vegesack
  • 26. August: Vahr
  • 27. August: Horn-Lehe
  • 28. August: Borgfeld
  • 31. August: Oberneuland
  • 1. September: Blockland
  • 2. September: Burglesum
  • 3. September: Blumenthal
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