Freundeskreis von Kontakte-Kontakty lädt zu szenischer Lesung über das Schicksal von Sowjetsoldatinnen ein

„Man hört nicht auf sich zu erschrecken“

Der Verein Kontakte-Kontakty aus Berlin hat über Jahre den Kontakt zu ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges gesucht. In der szenischen Lesung „,Flintenweiber’ und ,Untermenschen’“ werden einige Briefe und Verordnungen am Mittwoch, 22. Oktober, um 19 Uhr in der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1, vorgestellt.
19.10.2014, 00:00
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Von Ina Schulze
„Man hört nicht auf sich zu erschrecken“

Engagieren sich im Freundeskreis von Kontakte-Kontakty: Inge Bertzbach (links) und Hedwig Ortmann.

christiane Tietjen

Der Verein Kontakte-Kontakty aus Berlin hat über Jahre den Kontakt zu ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges gesucht. In der szenischen Lesung „,Flintenweiber’ und ,Untermenschen’“ werden einige Briefe und Verordnungen am Mittwoch, 22. Oktober, um 19 Uhr in der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1, vorgestellt.

„Wir kennen uns nicht persönlich und wissen nur von einem Ereignis in Ihrem langen Leben. Dieses liegt über 60 Jahre zurück, wiegt jedoch so schwer, dass es nicht in Ihrer Heimat und nicht in Deutschland vergessen werden darf“, heißt es in einem Brief des Vereins Kontakte-Kontakty. Im Zweiten Weltkrieg sind über drei Millionen Soldaten und Soldatinnen der Sowjetarmee als Gefangene der Wehrmacht ermordet worden. Die Überlebenden „haben aus Deutschland nie ein Wort der Entschuldigung vernommen“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Der Verein Kontakte-Kontakty, der einen Freundeskreis in Bremen hat, setzt sich für die Entschädigung der Opfer ein. Über private Spenden hat der Verein seit 2004 nach eigenen Angaben insgesamt 7385 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen insgesamt 3,2 Millionen Euro als Geste der Anerkennung übergeben.

Große Resonanz

Über 500 Antwortschreiben ehemaliger Kriegsgefangenen haben den Verein erreicht. „Dieser Brief hat wirklich etwas bewegt. Die Menschen erinnern sich noch einmal an etwas in ihrem Leben, an dem sie lange und schwer getragen haben und über das sie nicht haben reden können“, sagt Hedwig Ortmann, die zum Freundeskreis gehört und im Viertel wohnt.

Am Mittwoch, 22. Oktober, gibt es um 19 Uhr im Begleitprogramm zur Ausstellung die szenische Lesung „,Flintenweiber’ und ,Untermenschen’“ in der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1. Der Schauspieler Martin Heckmann und die Schauspielerin Cornelia Petmecky lesen aus Briefen ehemaliger Kriegsgefangener und aus zeitgenössischen Dokumenten. Sie berichten über die Folgen der NS-Rassenideologie für den damaligen Kriegsalltag und die heutigen Familiengeschichten. „Mir ist es ein großes Anliegen, den Opfern ein Gesicht zu geben und ihnen eine Ehre oder Würde wiederzugeben“, sagt Martin Heckmann, der in der Neustadt wohnt.

Die Grundlagen für die Lesung hat eine Arbeitsgemeinschaft aus Bremen erstellt, zu der Hedwig Ortmann und Inge Bertzbach gehören. Im Staatsarchiv haben die Kulturhistorikerinnen Petra Redert und Kerstin True-Biletski recherchiert und den Bremer Teil der Ausstellung konzipiert.

Unter den zahlreichen Antwortschreiben auf die Briefe des Vereins Kontakte-Kontakty waren nur eine Handvoll Briefe von Frauen, deren Geschichte ebenfalls in der Lesung erzählt wird. Bei Recherchen ist Hedwig Ortmann auf den Begriff „Flintenweib“ gestoßen. „Wenn man dem nach geht, dann kann man auch ein Stück Naziideologie verbunden mit dem damaligen Frauen-Unbild erfahren“, sagt die 77-Jährige. „Man hört nicht auf, sich zu erschrecken.“

Frauen in Uniform sollten erschossen werden, lautete ein Befehl. Nach einem anderen wurden uniformierte Frauen als Kriegsgefangene behandelt und in Konzentrationslager gesteckt. Nichtuniformierte Frauen, die Waffen trugen, wurden sofort erschossen. In Ausnahmefällen wurden die Frauen, wenn sie als „unbelastet“ eingestuft waren, durch das zuständige Arbeitsamt zur Zwangsarbeit deportiert.

Hedwig Ortmann hat über eine Freundin von einer damals schwangeren Zwangsarbeiterin erfahren. Im Krankenhaus wurde vielen dieser Frauen erzählt, dass ihre Kinder tot zur Welt gekommen seien. „Ich bin dem nachgegangen und bin auf Befehle, Erlasse und Anordnungen gestoßen, die hießen, wenn das Kind arische Merkmale hat, dann sollte es der Mutter sofort nach der Geburt weggenommen werden. Wenn das Kind aber alle Merkmale der verhassten Slawen hatte, wurde es dem Verhungern preisgegeben“, sagt Hedwig Ortmann.

Ein Brief kommt von einer Enkelin, die ihren 96-jährigen Großvater sprechen lässt. Er erzählte „von den überfüllten Waggons, in denen man sie nach Minsk gebracht hat und wo sogar die Toten standen“. In einem anderen Schreiben heißt es: „Die Erinnerung kann man nicht löschen und die Toten nicht wieder zum Leben erwecken, aber man kann verhindern, dass es wieder zu so etwas kommt.“

„Es ist das Entsetzen und das Erschrecken, das in diesem Material liegt, wenn man es hört. Es weckt auch entsprechende Erinnerungen in unseren Familiengeschichten“, sagt Hedwig Ortmann. Die 72-jährige Inge Bertzbach hat Geschichte und Religion studiert und kam auch innerhalb ihrer Familie immer wieder mit dem Nationalsozialismus in Berührung. „Es kommt immer wieder, was nicht gesagt wurde, durch Schweigen“, sagt Bertzbach.

Auch Martin Heckmann findet es wichtig, sich diese Zeit immer wieder vor Augen zu führen. „Die Erniedrigung, die die erlebt haben, tragen sie unbewusst an die nächste Generation weiter“, sagt er. „Daher geht es uns auch jetzt etwas an.“

„,Flintenweiber’ und ,Untermenschen’“: Szenische Lesung am Mittwoch, 22. Oktober, um 19 Uhr, in der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1. Die Ausstellung „Russenlager und Zwangsarbeit“ läuft noch bis 30. Oktober im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5. Mehr in der Ausgabe vom kommenden Sonntag.

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